No jews, no news

Die selbstgerechte Empörung der «Antirassismus-Experten» ist allein Israel vorbehalten.

Der Fifa gehören 209 Fussballverbände an. Darunter Saudiarabien, wo gemäss Amnesty International weltweit am meisten Menschen enthauptet werden.

Der Fifa gehören 209 Fussballverbände an. Darunter Saudiarabien, wo gemäss Amnesty International weltweit am meisten Menschen enthauptet werden. Bild: Keystone

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Anlässlich der Fifa-Vollversammlung von letzter Woche demonstrierten rund 150 Personen vor dem Zürcher Hallenstadion für den Ausschluss Isr aels aus der Fifa. Organisiert wurde die Demonstration von BDS-CH, dem Schweizer Ableger der weltweit agierenden palästinensischen Organisation Boykott, Desinvestition, Sanktionen gegen Israel (BDS), die mit haltlosen Diffamierungen versucht, Israel politisch, wirtschaftlich, akademisch und kulturell zu isolieren. In einer Pressemitteilung zur Zürcher Aktion bezichtigt BDS-CH Israel der «ethnischen Säuberung» und «Massakrierung der palästinensischen Zivilbevölkerung».

Prominente Unterstützung kam aus Basel. Mit Hansueli Scheidegger, Co-Leiter Unia Nordwestschweiz, und Grossrätin Heidi Mück (Grünes Bündnis) engagieren sich ausgerechnet zwei Beteiligte der Kampagne «Basel zeigt Haltung» für BDS-CH. Mit der Berufung von zwei antiisraelischen Agitatoren als «Experten» für eine Kampagne, die sich auch dem Kampf gegen Anti­semitismus verpflichtet sehen will, offenbart das federführende Präsidialamt einen geradezu fahrlässigen Umgang mit den Missständen, gegen die sich zu engagieren es vorgibt. Damit büsst die prätentiöse Kampagne, welche die Basler Regierung als Antirassismus-Feigenblatt vor sich hin trägt, weiter von ihrer ohnehin dürftigen Glaubwürdigkeit ein.

Der Fifa gehören 209 Fussballverbände an. Darunter Saudiarabien, wo gemäss Amnesty International weltweit am meisten Menschen enthauptet werden. Gleich nach dem Enthauptungs-­Tabellenführer folgt Fifa-Mitglied China, das Uiguren und Tibeter aufs Brutalste unterdrückt, sowie Iran, wo Homosexuelle an Baukränen aufgeknüpft werden und unter dem «gemässigten» Präsidenten Rohani ebenfalls ein markanter Anstieg von Hinrichtungen zu verzeichnen ist. Nicht zu vergessen, das langjährige Fifa-Mitglied Syrien, wo Hunderttausende abgeschlachtet werden und Millionen auf der Flucht sind. Doch nicht diese totalitären Regimes sind Scheidegger und Mück ein Dorn im Auge. Die selbstgerechte Empörung der «Antirassismus-Experten» ist allein Israel vorbehalten, einer pluralistischen Demokratie mit Regierungspartei, Opposition und freier Presse, in deren Fussballmannschaften Juden, Christen und Muslime gleichermassen vertreten sind. In den arabischen Nachbarländern ist dies ein Ding der Unmöglichkeit.

«Wir hätten sie benutzt»

Auch dass der Urheber des Ausschlussantrags, Jibril Rajoub, Präsident des palästinensischen Fussballverbands und ehemaliger Chef des gefürchteten Fatah-Geheimdienstes Präventive Sicherheit, ein verurteilter Terrorist und langjähriger Häftling ist, kümmert die Basler herzlich wenig. Als «rassistisch» bezeichnete Rajoub, der auch als Vorsitzender des Palästinensischen Olympischen Komitees fungiert, 2012 die Bitte der Hinterbliebenen für eine Schweigeminute zu Ehren der elf jüdischen Athleten, die 1972 in München von palästinensischen Terroristen ermordet wurden. Anlässlich eines auf Youtube dokumentierten Interviews mit dem libanesischen TV-Sender Al-Mayadeen vom 30. April 2013 äusserte Rajoub sein Bedauern, dass die Palästinenser im Konflikt mit Israel nicht über die Atombombe verfügen: «Aber ich schwöre, wenn wir eine Atombombe hätten, hätten wir sie diesen Morgen benutzt.» Seit er im Amt ist, missbraucht Rajoub seine Stellung als Sportfunktionär, um dem jüdischen Staat politisch zu schaden und Sanktionen gegen den israelischen Sport zu erwirken. Für sein Buch «Allein unter Juden» führte der Autor Tuvia Tenenbom 2014 ein Interview mit Rajoub: «Es gibt nicht nur den bewaffneten, militärischen Widerstand», erklärt dieser. «Ich habe erkannt, dass unsere Forderungen auch auf andere Weise durchgesetzt werden können. Sport ist ein hervorragendes Mittel, unsere nationalen Ziele zu erreichen.»

Der Aufruf zur Zürcher BDS-Demo wurde auch von der von Nationalrat Daniel Vischer (Grüne) präsidierten Gesellschaft Schweiz-Palästina verbreitet. Als jedoch diesen April das palästinensische Flüchtlingslager im syrischen Yarmuk vom IS angriffen und unzählige Palästinenser, Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden, rief keine dieser Organisationen zu Kundgebungen auf. Selbst als das Assad-Regime Fassbomben über dem Lager abwarf, wurden keine Medienmitteilungen versandt, um die Gewalt an den syrischen Palästinensern zu verurteilen. Auch Scheidegger und Mück haben nicht ihre «Stimme erhoben», um gegen den Massenmord an eben diesen Palästinensern zu protestieren, deren Wohl­ergehen ihnen doch so sehr am Herzen zu liegen scheint. Man war wohl zu sehr damit beschäftigt, Israel aus der Fifa zu werfen und die amerikanische Sängerin Lauryn Hill zur Absage ihres Konzerts in Israel zu nötigen.

Hundertfachen Mord

Doch hauptsächlich war das beschämende Schweigen der Schweizer Palästina-­Freunde dem Umstand geschuldet, dass bei den syrischen Gräueltaten keine Juden involviert waren, sondern Muslime von Muslimen ermordet wurden. Deshalb sucht man sowohl auf der Website der Gesellschaft Schweiz-Palästina als auch bei BDS-CH vergeblich einen Hinweis auf den am 27. Mai veröffentlichten Bericht von Amnesty International, welcher der Hamas hundertfachen Mord und Folter an der eigenen Zivilbevölkerung während des Gazakriegs von 2014 nachweist. No jews, no news.

Wie es in dem vom Vatikan und zahlreichen europäischen Staaten anerkannten «Staat Palästina» um die Rechtsstaatlichkeit bestellt ist, erläutert Rajoub, der nach seinem Rückzug des Ausschlussantrags gegen Israel von palästinensischer Seite wegen «Verrat am palästinensischen Befreiungskampf» mit Todesdrohungen überhäuft wurde, gleich selbst: «Es ist gut möglich, dass ich das Jahr nicht überlebe.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.06.2015, 23:25 Uhr

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