Passagiere dritter Klasse

Die Einführung der 3. Klasse bei den SBB bleibt nur ein Vorschlag. Aber einer, der an Ängste rührt.

Es geht noch enger: Blick in ein Zweitklassabteil eines S-Bahn-Zuges. Foto: Alessandro della Bella (Keystone)

Es geht noch enger: Blick in ein Zweitklassabteil eines S-Bahn-Zuges. Foto: Alessandro della Bella (Keystone)

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Nein, sie wird so bald nicht kommen. Für die SBB sei die Einführung einer 3. Klasse «kein Thema», sagte ein Unternehmenssprecher diese Woche. Die «NZZ am Sonntag» hatte über eine im Auftrag des Bundes erstellte Studie berichtet, die den SBB die Prüfung einer 3. Klasse empfahl. Dank engeren Sitzreihen und geringerem Komfort, so der Vorschlag, könnten günstigere Billette angeboten werden.

Dass die Idee für Unruhe sorgt, ist klar. Seit Jahren reden wir über wachsende Ungleichheit, Prekarisierung, die Abstiegssorgen des Mittelstands. Eine 3. Klasse im Zug gäbe diesen Ängsten ein Gesicht. Normalkomfort muss man sich leisten können, die Unterschicht fährt im eigenen Waggon, auf Billigplastik und in Flugzeugreihen – die schönen Schwarzweissfotos aus der 1956 abgeschafften Holzklasse der SBB trügen, so atmosphärisch wird es nie wieder.

Heute kennt in Europa wohl nur noch die russische Staatsbahn offiziell eine 3. Klasse – wer je «Platzkart» gefahren ist, weiss um die manchmal beengte und oft auch lustige Stimmung im billigsten Waggon, wo alles offen ist, keine Abteile oder Vorhänge Privatsphäre bieten, man rasch ins Gespräch kommt und auf langen Zugfahrten auf zwei Etagen im offenen Massenlager schläft. Wer mehr zahlen und eine Tür zum Zumachen will, fährt «Kupe» oder sogar 1. Klasse. Völlig fremd ist uns solche Fahrgastschichtung aber nicht: Auch im Nachtzug nach Graz oder Hamburg gibt es mehr als zwei Komfortklassen. Der Ausdruck 3. Klasse aber wird vermieden.

Mit Grund. 3. Klasse erinnert an eine Zeit, da Armut und Niedriglohn Normalität waren. An die für sehr viele Menschen harte und schmutzige Ständegesellschaft, vor Arbeiterrechten und Nachkriegsboom. Heute sind wir weitherum überzeugt, dass der breite Wohlstand der letzten Jahrzehnte mehr ist als ein historisches Intermezzo, nämlich eine bleibende Errungenschaft. Die Rückkehr der 3.Klasse würde an dieser Überzeugtheit rütteln.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.03.2019, 10:42 Uhr

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