Rechts und nett

SVP-Politiker Beat Feurer hat versprochen, die Sozialhilfequote in Biel zu senken. Bisher ohne Erfolg. Dass ihn viele Bieler trotzdem mögen, liegt nicht zuletzt an seinen tamilischen Mitbewohnern.

Krawatte stets perfekt gebunden: Beat Feurer gibt ein Radiointerview vor der improvisierten Notschlafstelle im Kongresshaus in Biel, nachdem der Zeltplatz des Eidgenössischen Turnfestes 2013 von starken Winden verwüstet worden war.

Krawatte stets perfekt gebunden: Beat Feurer gibt ein Radiointerview vor der improvisierten Notschlafstelle im Kongresshaus in Biel, nachdem der Zeltplatz des Eidgenössischen Turnfestes 2013 von starken Winden verwüstet worden war. Bild: Gian Ehrenzeller

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Jeder neunte Einwohner von Biel ist auf Sozialhilfe angewiesen, jede zweite Alleinerziehende steht wirtschaftlich nicht auf eigenen Beinen. Nirgends sind die Fallkosten höher als in Biel. Und es wird wohl noch schlimmer: Praktisch alle Trends bewegen sich in die falsche Richtung.

Der Mann, der einst gekommen war, um das Problem zu lösen, muss nun enttäuscht erklären, dass es dafür keine einfachen Lösungen gibt. SVP-Gemeinderat Beat Feurer, Chef der Direktion Sicherheit und Soziales in Biel, ist vor zwei Jahren mit dem Versprechen angetreten, die Sozialhilfequote zu senken. Nicht nur Wähler der eigenen Partei trauten ihm das zu, auch jene der Mitte. Feurer bekannte sich einerseits zu Blochers Rezepten und erklärte andererseits, das Metier als ehemaliger Leiter einer Asylunterkunft aus erster Hand zu kennen.

Bizarre Buchhaltung

Doch seit seinem Amtsantritt steht er ständig in der Kritik. Erst vor zwei Wochen berichtete der «Bund», die Differenzen zwischen Feurer und einer Chefbeamtin seien derart eskaliert, dass er ihr die Kündigung nahegelegt habe. Der städtische Personalverband ortete «tiefgreifende Probleme» in Feurers Direktion, die Stadt leitete umgehend eine Administrativuntersuchung ein, der Stadtpräsident sprach von «happigen Vorwürfen».

Prügel einstecken musste Feurer schon letzten Sommer, als er nach monatelangen Recherchen noch immer nicht genau sagen konnte, wie viel die Fachstelle für Arbeitsintegration kostet. Er lieferte falsche Zahlen und musste sich sagen lassen, die Buchhaltung des Sozialdienstes sei bizarr. Hinter vorgehaltener Hand heisst es, es mangle ihm an Dossierkompetenz, sein Leistungsausweis sei nach bald zwei Jahren alles andere als überwältigend. Mohamed Hamdaoui, Co-Präsident der SP Biel, äussert gegenüber baz.ch/Newsnet Zweifel an Feurers Eignung für das Amt.

«Der Feurer passt eigentlich gar nicht in die SVP»

Feurer kassiert seit seinen politischen Anfängen Kritik. 2008 wurde er um ein Haar aus der SVP ausgeschlossen, weil er dem Parteipräsidenten den Vorwurf machte, er sei zu links. 2010 kandidierte Feurer für die Nachfolge von SP-Stadtpräsident Hans Stöckli. Er trat als Aussenseiter ohne Parlamentserfahrung an. Der Kandidat der FDP warf ihm vor, mit seinem chancenlosen Unterfangen einen bürgerlichen Wahlerfolg vereitelt zu haben. Gewählt wurde der SP-Kandidat Erich Fehr.

Wenn man Feurer nun vorwirft, keine Lösungen für die rekordhohe Sozialhilfequote zu haben, reagiert er besonnen, freundlich. Er verzichtet auf Klischees und Schuldzuweisungen, am Ende des Gesprächs glaubt man, Biels «Strukturproblem» zu verstehen. Und man versteht, wenn die Leute sagen, der Feurer passe eigentlich gar nicht in die SVP.

Echte oder vermeintliche Widersprüche

Möglicherweise ist der Grund für Feurers differenzierte Reaktion auf Kritik in seinem Privatleben zu finden. Der einstige Steuerberater führt ein Leben, das nur schlecht zu seinem politischen Wirken zu passen scheint. Feurer, bei Ausländerfragen stramm auf Parteilinie, lebt schon fast sein ganzes Leben mit einer tamilischen Familie zusammen. Der Vater war selbst einst Asylbewerber, Feurer half ihm bei der Einbürgerung. Die Kinder seien fast wie seine eigenen, sagt er.

Ein angeblicher Widerspruch wurde vor gut drei Jahren in den Schweizer Medien diskutiert: Feurers sexuelle Orientierung. Bis der bekennende Christ 45-jährig war, verheimlichte er seine Homosexualität. Nach seinem Coming-out wurde ihm der Austritt aus der Freikirche nahegelegt, in der er jahrelang Mitglied war. Auch einige seiner Parteikollegen hatten sichtlich Mühe mit Feurers Offenbarung. Als er mit rund 40 anderen SVPlern die Gruppe «Gay SVP» gründete, monierte die Parteileitung, dass Feurer ungefragt das Sünneli-Logo für die Website verwendete. Die Junge SVP Wallis bezeichnete die Gruppe als Krebsgeschwür. Später verunglimpfte der Luzerner SVP-Politiker Emil Grabherr Schwule als «männliche Huren» und als «unter keinem Titel akzeptierbare Bubenschänder».

Sein Lebensentwurf hat Feurer viele Sympathien eingebracht. Selbst seine politischen Gegner scheinen den Menschen Beat Feurer aufrichtig zu mögen. Doch dass der Politiker Beat Feurer die Sozialhilfequote jemals senken kann, glauben heute nur noch die wenigsten. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.08.2014, 18:49 Uhr

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