Die Poststellen, ein Auslaufmodell?

Bundesrätin Doris Leuthard glaubt, dass nur noch wenige Schweizer zur Post gehen. Gleichzeitig wirbt der gelbe Riese mit hohen Kundenfrequenzen in seinen Filialen.

«Wann waren Sie zuletzt physisch auf einer Poststelle?»: Bundesrätin Doris Leuthard, beim Besuch einer Berner Poststelle. (8. Juni 2009)

«Wann waren Sie zuletzt physisch auf einer Poststelle?»: Bundesrätin Doris Leuthard, beim Besuch einer Berner Poststelle. (8. Juni 2009) Bild: Keystone

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Bei der Debatte zur Postinitiative, die ein flächendeckendes Poststellennetz verlangt, bekämpfte Uvek-Chefin Doris Leuthard das Volksbegehren unter anderem mit dem Argument: Nicht alle seien wie Nationalrat Martin Candinas (CVP, GR), der noch am Schalter seine Einzahlungen tätige. «Wie viele von Ihnen machen das noch?», fragte Leuthard am Dienstag im Nationalrat. Und: «Wann waren Sie zuletzt physisch auf einer Poststelle?»

Die Post, ein Auslaufmodell? Das sieht der gelbe Riese ganz anders: Das Unternehmen widerspricht Leuthard in einer Broschüre, in der es das Poststellennetz gerade wegen der hohen Besucherzahlen als ideales Werbeumfeld darstellt. Die kleinsten Filialen des Landes bedienten täglich im Schnitt rund 180 Kundinnen und Kunden, heisst es da. Bei den grossen Poststellen seien es durchschnittlich 1550. Über 70 Prozent aller Schweizer würden mindestens einmal im Monat am Schalter stehen. Pro Jahr seien es 150 Millionen Privat- und Geschäftskundenbesuche (545'000 pro Tag), und dieses Werbepotenzial abzuschöpfen, sei ein Kinderspiel.

Ärger wegen Kolonnen vor den Schaltern

«Es ist eine klare Antwort, statistisch von der Post selber untermauert, auf die provozierend gedachte Fragestellung von Bundesrätin Doris Leuthard, wer denn heute noch zur Post gehe», sagt dazu Nationalrat Max Chopard (SP, AG). Er selber gehe häufig auf die Post. Besonders vor den Sessionen müssten viele Briefe verschickt werden. Und er rege sich dabei wegen der Kolonnen vor den Schaltern auf. Chopard und Candinas sind als regelmässige Poststellenkunden auch im Parlament keine «Exoten», wie eine Blitzumfrage von baz.ch/Newsnet zeigt.

Margret Kiener Nellen (SP, BE) regt sich noch am Tag danach über Leuthards Aussage auf. «Ich war gerade mit einer Besuchergruppe unterwegs, sonst wäre ich nach vorne ans Rednerpult marschiert und hätte eine Erklärung abgegeben», sagt sie. Wenn man nur noch mit Vertretern der Chefetagen in Kontakt stehe und Leute habe, die einem alles abnähmen, könne es schon passieren, dass man den Bezug zum Alltag verliere. Sie selber besuche mindestens einmal wöchentlich den Postschalter in Bolligen.

Schlechte Öffnungszeiten bei kleinen Filialen

Ueli Leuenberger (GP, GE) geht sogar täglich zur Post, um sein Postfach zu leeren. «Danach muss ich häufig an den Schalter, um eingeschriebene Briefe abzuholen.» Hans Fehr (SVP, ZH) «outet» sich ebenfalls als regelmässiger Besucher der Post seiner Wohngemeinde Eglisau. Wie Candinas erledigt auch Fehr seine Einzahlungen am Schalter. Corina Eichenberger (FDP, AG) geht im Schnitt einmal wöchentlich zur Post.

Der Grünliberale Beat Flach geht einmal pro Monat in die Postagentur, welche der Volg in Auenstein AG betreibt. Jean-Paul Gschwind (CVP, JU) würde gerne öfters einen Schalter aufsuchen, nur habe man die Post in seinem Dorf schon vor Jahren wegrationalisiert. Jean-René Germanier (FDP, VS) ärgern die Öffnungszeiten seiner Poststelle in Vétroz. Damit zwinge die Post ihre Kunden, Filialen in einer grösseren Agglomeration aufzusuchen.

«Da besteht eben ein verändertes Kundenbedürfnis»

Nur der frühere Regierungsrat und Verwaltungsratspräsident der BKW, Nationalrat Urs Gasche (BDP, BE), gesteht: «Ich gehe sozusagen nie zur Post.» Er habe andere Leute, die das für ihn täten. Wie sagte doch Doris Leuthard während der Debatte zur Postinitiative: Sie habe die Nationalräte im Saal beobachtet, und «ich habe nicht sehr viele von Ihnen gesehen, die Briefe geschrieben haben, aber unzählige haben gemailt. Ein Verlust für die Post, leider, aber da besteht eben ein verändertes Kundenbedürfnis.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.06.2012, 11:47 Uhr

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