Reicht der Platz in der Schweiz noch?

Die Bevölkerung wächst, doch Bauland solls kein neues mehr geben. Geht das auf? Experten zeigen, wie hierzulande sogar 11 Millionen Menschen Platz haben.

Die Initiative der Jüngen Grünen will gegen Zersiedelung vorgehen. Foto: Urs Jaudas

Die Initiative der Jüngen Grünen will gegen Zersiedelung vorgehen. Foto: Urs Jaudas

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Plus 1,3 Millionen: Innerhalb eines Jahrzehnts ist die Zahl der Bewohner der Schweizer Bauzonen von 6,7 auf 8 Millionen gestiegen. 2007 kam das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) zum Schluss: Die unbebauten Flächen in den Bauzonen böten noch Platz für 1,4 bis 2,1 Millionen Menschen. Heute geht das ARE von Platz für 1,0 bis 1,7 Millionen Menschen aus. So viele wie schon 2012, als noch 600'000 Menschen weniger in den Bauzonen lebten. Wie kann das sein?

Die Bauzonen sind dichter überbaut. Gemäss dem ARE wurden in den letzten Jahren «kaum mehr neue Bauzonen geschaffen». Und trotz des starken Bevölkerungswachstums haben auch die unüberbauten Flächen nur wenig abgenommen. Sie umfassen heute je nach Messmethode zwischen 200 und 400 Quadratkilometer.

Von 2012 bis 2017 wurden in der Schweiz gut 20 von total 2320 Quadratkilometern Bauland neu überbaut, was der Fläche des Walensees entspricht. In den fünf Jahren davor schrumpften die Landreserven etwas stärker, allerdings zum Teil nur aus methodischen Gründen. 2007 flossen unvollständige Daten in die Statistik ein.

Nicht auf der grünen Wiese

Die wachsende Bevölkerung der Schweiz kommt also vor allem innerhalb der bereits bebauten Gebiete unter – und nicht auf der grünen Wiese. Dieser Befund ist politisch hoch aktuell. Denn die Zersiedelungsinitiative, über die am 10. Februar abgestimmt wird, fordert, dass die Bauzonen eingefroren werden. Die Gegner sehen dagegen die Entwicklung der Schweiz in Gefahr, wenn nicht mehr eingezont werden kann.

Das ARE bewertet das Potenzial der Reserven in den Bauzonen allerdings sehr optimistisch. Nämlich so, als würden sie in der gleichen Dichte wie bisher überbaut. Ein grosser Teil der Reserven liegt jedoch dort, wo dies kaum je geschehen wird: in Regionen, die entweder schlecht erschlossen oder wirtschaftlich nicht attraktiv sind.

Das seit 2014 verschärfte Raumplanungsgesetz zwingt die Kantone deshalb, zu grosse Bauzonen zu verkleinern. Alle vier Jahre müssen sie aufzeigen, ob ihre Richtpläne noch zweckmässig sind. Sonst werden Korrekturen nötig.

Umnutzung von Industriearealen

Andere Modelle schätzen das Potenzial des unbebauten Baulands der Schweiz weniger gross ein: Die Immobilienexperten der Firma Wüest Partner kommen in ihren Berechnungen auf Platz für zusätzliche 1,3 Millionen Menschen, wobei sie die Daten des Bundes zur Fläche der Bauzone verwendet haben. Sie gewichten aber zentrale Regionen stärker als abgelegene.

Eine Studie der ETH Zürich kommt auf bis zu 0,9 Millionen zusätzliche Menschen. Die Forscher haben eine andere Messmethode für die Bauzone angewandt als das ARE – mit dem Resultat, dass sie deutlich kleiner ausfällt. Reto Nebel vom Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung sagt, dass die ETH näher an der Realität liege. «Wir haben bewusst einen konservativen Ansatz gewählt.»

ETH und Wüest Partner berücksichtigen nicht nur die unbebauten Landreserven, sondern schätzen auch ab, wie viele Menschen durch die Verdichtung im Innern Platz finden. Etwa durch die Errichtung von höheren Ersatzneubauten oder die Umnutzung von Lagerplätzen oder stillgelegten Industriearealen. Laut Wüest Partner sind diese Reserven vor allem in den Regionen zu finden, wo es die Menschen hinzieht – anders als das unbebaute Bauland.

Das langfristige Potenzial für die Verdichtung sei viel grösser, sagt Studienautor Nebel. So gehen die ETH-Forscher bei der Verdichtung von den heute erlaubten Möglichkeiten aus. Gemeinden könnten aber in Zukunft höhere Gebäude zulassen. Weiter nehmen die Forscher an, dass innert 15 Jahren nur 20 Prozent der erlaubten Aufstockungen tatsächlich umgesetzt werden. Auch die Annahme einer durchschnittlichen Wohnfläche pro Kopf von 50 Quadratmetern ist grosszügig. Eine Senkung um 5 Quadratmeter brächte zusätzliche Kapazitäten für bis zu einer halben Million Menschen.

Was ist in 30 Jahren?

95 Prozent der Schweizer Bevölkerung leben heute in den Bauzonen. Der Rest verteilt sich auf die übrige Siedlungsfläche, die nochmals fast 760 Quadratkilometer umfasst. Nicht nur die Bauzonen, auch die Siedlungsfläche insgesamt wuchs zuletzt langsamer als in früheren Jahrzehnten. Und das trotz dem starken Bevölkerungswachstum.

Gemäss dem hohen Szenario des Bundesamts für Statistik wird die Zahl der Einwohner der Schweiz innert 15 Jahren insgesamt um 1,5 Millionen wachsen und innert 30 Jahren um 2,5 Millionen. Die Berechnungen von ARE, ETH und Wüest Partner für das Potenzial der bestehenden Bauzonen liegen in diesem Rahmen. Gibt es in der Schweiz also Platz für 11 Millionen Einwohner ohne neue Einzonungen?

«Grundsätzlich ja», sagt ETH-Forscher Nebel. «Allerdings liegen die unbebauten Reserven grösstenteils nicht dort, wo sie planerisch erwünscht sind und nachgefragt werden. Zudem ist die Verdichtung im Bestand erheblich schwieriger und aufwendiger. Aber es ist wichtig, diesen inneren Reserven mehr Beachtung zu schenken.»

SVP unterstützt kein «Abwürgen der Wirtschaft»

Und wie sieht es mit dem Platz für Infrastruktur und Arbeitsplätze aus? In gut der Hälfte der Bauzonen wird vor allem gewohnt. Die ETH-Forscher haben nur das Potenzial dieser Gebiete untersucht.

Aufgrund der je nach Nutzung sehr unterschiedlichen Flächenansprüche lasse sich das Potenzial von Arbeitszonen und Zonen für die öffentliche Nutzung nicht mit den gleichen Methoden abschätzen. «Wir wissen heute nicht, wie sich der technologische Fortschritt auf den zukünftigen Arbeitsflächenbedarf auswirken wird», sagt Nebel. Es gebe aber auch hier erhebliche Reserven. Optimistischer ist Wüest Partner: Raum für Beschäftigte sei nahezu grenzenlos vorhanden.

Drohnenvideo: Hier ist die Schweiz zersiedelt

Kenner Köbi Gantenbein zeigt anhand zweier Gemeinden, wie sich Siedlungen in die Landschaft ausdehnen. (Video: Lea Koch, Adrian Panholzer) (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.01.2019, 09:38 Uhr

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