Schreckgerät für Marder kann menschliches Gehör schädigen

«Ultraschallgeräte machen die Ohren unserer Kinder kaputt.» Das behauptet ein Mann, der schwer geschädigt ist, seit er einem sogenannten Marderschreckgerät ausgesetzt war. Eine Leidensgeschichte.

Schädlich oder nicht? Nicht nur wer Ultraschallgeräte hört, kann durch sie geschädigt werden.

Schädlich oder nicht? Nicht nur wer Ultraschallgeräte hört, kann durch sie geschädigt werden. Bild: AFP

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Kurt Boss wollte nur schnell seine Marder-Scheuche anders einstellen. Er hantierte an der Maschine, welche die Tiere von seinem Auto fernhalten sollte, wollte sichergehen, dass sie auch wirklich funktioniert. Da traf ihn ein stechender Schmerz. «Es stach mich wie ein Wespenstich ins rechte Ohr», sagt Boss. Der schrille Ton der Maschine hatte sein Gehör angegriffen.

Das war im April 2007. Seitdem ist das Leben von Kurt Boss nicht mehr dasselbe. Er leidet an Tinnitus, einem konstanten Pfeifton im Ohr, reagiert hypersensibel auf Geräusche und geradezu aggressiv auf hohe Töne. Er hat Gleichgewichtsstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten bis hin zu Depressionen.

Der Ingenieur erleidet ein Burnout, ist auf einmal mit seinen gewohnten Tätigkeiten überfordert. Flüchtigkeitsfehler schleichen sich ein. Heute arbeitet Boss in einem Behindertenheim. «Mit den Händen arbeiten funktioniert noch, mit dem Kopf aber geht es kaum mehr», sagt er.

Verharmlost die Suva die Geräte?

Für den 50-Jährigen ist klar: Schuld daran ist der Vorfall mit dem Marderschreckgerät. Darum kämpft er gegen die schrillen Apparate. Doch bei der Unfallversicherungsgesellschaft Suva biss der Berner auf Granit. «Die Suva hält die Geräte für nicht gehörgefährdend», so Boss. Sie habe bei der Einführung der Ultraschall-Tier-Scheuchen deren Gefahr unterschätzt und eine angemessene Deklaration verschlampt, glaubt er. Sein Fall sei verharmlost worden, vermutet Boss, weil die Suva Angst vor den Forderungen weiterer Geschädigten habe.

Für die Suva ist die Sache tatsächlich klar, wie eine Nachfrage zeigt. «Das ist der einzige solche Fall, mit dem wir uns zu beschäftigen hatten», sagt Suva-Sprecherin Helene Fleischlin. Bei Boss’ Vorfall habe der Gehörschaden jedoch nicht im Zusammenhang mit dem Gerät gestanden, ist man bei der Suva überzeugt. Generell gelten die Tier-Scheuchen mit Ultraschall-Tönen beim Unfallversicherer als unproblematisch. «Die Grenzwerte werden nicht überschritten. Es gibt nichts zu beanstanden», so Fleischlin. Man habe dies von HNO-Ärzten und Akustikern abklären lassen.

«Schädigung ist möglich»

So eindeutig wie es klingt, ist dieses Urteil jedoch nicht. «Theoretisch ist eine Schädigung durch solche Geräte möglich, je nach Frequenz und Schalldruckpegel», sagt etwa HNO-Arzt Andreas Schapowal. Der Ohrenspezialist und Präsident der Schweizerischen Tinnitus-Liga möchte nichts dramatisieren, gibt aber dennoch Mängel zu bedenken: «Befindet sich die Frequenz solcher Marderschreck-Geräte zwischen 18 und 28 Kilohertz, kann man nicht absolut sicher sein, dass sie ein Mensch nicht hört.»

Zwar hören die meisten Erwachsenen Töne über 20 Kilohertz nicht mehr, aber es gibt Ausnahmen. Und: Kinder und Jugendliche hören hohe Frequenzen besser, kommen gerne mal über die 20 Kilohertz-Grenze. Schapowal findet es darum «schlecht, dass die Ton-Frequenz einiger Marderschreck-Geräte so tief runtergeht». Im besten Fall seien sie deutlich jenseits des durch den Menschen hörbaren Bereichs, sprich höher als 25 Kilohertz.

Geschädigt, ohne es zu merken

Auch dürften gemäss dem Experten 40 bis 60 Dezibel ausreichen, um Tiere abzuschrecken. Stattdessen erreichen aber viele Geräte eine Lautstärke von weit über 100 Dezibel. «Ab einem Wert von 100 Dezibel kann das menschliche Gehör bereits geschädigt werden», so Schapowal.

Zum Vergleich: Das Gerät von Kurt Boss sandte einen Ton auf 15 Kilohertz aus und dies bei 120 Dezibel. Die Frequenz sei mit einem stufenlosen Regler einstellbar gewesen, so Boss. Im Internet sind jedoch auch Geräte mit Pegeln gegen 140 Dezibel ohne Probleme erhältlich.

Mehr noch: Das Gehör kann auch geschädigt werden, ohne dass man überhaupt etwas wahrnimmt. Den dabei entstehenden Gehörschaden in den hohen Frequenzen erachtet Experte Schapowal zwar nicht als «besonders gravierend». Hingegen können Folgeschäden wie Tinnitus oder Geräuschüberempfindlichkeit schwer belastend sein, wie der Fall Boss bestätigt. Und: «Auch für Kinder kann ein Gehörschaden nachhaltige Folgen haben. Einige Minuten Einwirkung können bereits ausreichen.»

Kinder Schützen

Kurt Boss bringt diese Expertise derweil nicht viel. Mit seiner Klage gegen die Suva blitzte er im Februar 2010 vor dem Berner Verwaltungsgericht ab. Er hat dagegen Beschwerde eingereicht - auch wenn es nur noch um Genugtuung geht. «Ich habe keine Hoffnung mehr auf Besserung», sagt er.

Dennoch ist ihm klar, dass er als Erwachsener ein Einzelfall ist: «Ich hatte immer ein sehr sensibles Gehör. Wenn in einer Wohnung der Fernseher lief, konnte ich das im Treppenhaus hören.» Ihm gehe es aber vor allem um den Schutz der Kinder: «Kinder und Jugendliche haben ebenfalls ein sensibles Gehör. Marderschreckgeräte können dieses auf Dauer beschädigen.»

Viele Junge hätten heute Tinnitus und Gehörschäden und wüssten nicht genau woher. «Sie suchen in ihrer Vergangenheit nach Knalltraumata oder ähnlichem, dabei könnten Marderschreckgeräte der Grund sein. Wenn ich nicht diesen stechenden Schmerz gespürt hätte, wüsste ich es auch nicht.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.04.2010, 10:58 Uhr

Mit «Mosquito» gegen Jugendliche

Vor drei Jahren wurde in Deutschland, Österreich und der Schweiz rege über «Mosquito» diskutiert. Das Gerät sollte Jugendliche von Orten fernhalten, an denen sie nicht erwünscht waren. Wie eine Tier-Scheuche funktioniert «Mosquito» mit einem Ultraschall-Ton, den Erwachsene in der Regel nicht hören können. Dennoch sind die Geräte umstritten, da eine Schädigung des Gehörs nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden konnte. Vereinzelt klagten Jugendliche über Gleichgewichtsstörungen und Kopfschmerzen nach einer Begegnung mit «Mosquito». Heikle Tatsache: Die Schmerzgrenze bei Tönen nimmt mit zunehmender Frequenz ab. Das heisst, ein hoher Ton schmerzt weniger als ein tiefer, auch wenn er genauso laut ist.

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