Selbstbestimmt bis in den Tod

Seit acht Monaten engagiert sich Exit für den Altersfreitod. Wie aber ist es, wenn sich die eigenen Eltern dafür entscheiden? Eine Tochter erzählt.

Gemeinsam aus dem Leben verschwinden: Ein letzter Blick, eine letzte Berührung, dann der Griff zum Gift. Foto: Getty Images

Gemeinsam aus dem Leben verschwinden: Ein letzter Blick, eine letzte Berührung, dann der Griff zum Gift. Foto: Getty Images

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Sie haben alles organisiert. Das Zeitungsabo gekündigt. Das GA zurückgegeben. Den Verkäuferliladen der Tochter verschenkt. Sogar den Wasserkocher entkalkt. Und dann, eines Samstags im Sommer vor einem Jahr, setzen sich Silvia und Ernst Matter* auf ihr Bett, fassen sich an den Händen und blicken sich ein letztes Mal an. Ja, sie wollen es. Mithilfe von Exit sterben. Gemeinsam. Also führen sie beide ein Glas Wasser zum Mund, darin aufgelöst Natrium-Pentobarbital.

Das Gift versetzt die beiden nach wenigen Minuten in einen Tiefschlaf. Keine Atemimpulse mehr, die Herzen stehen still. Ein vom Sterbebegleiter hinzuge­rufener Arzt stellt den Tod des Ehepaars fest. Auch die Polizei kommt vorbei, später der Leichenwagen. Silvia und Ernst Matter werden abtransportiert. In ihrem Haus, in dem sie über 60 Jahre wohnten, wo sie ihre Kinder grosszogen, später Grosskinder und Urgrosskinder empfingen, bleibt der jüngste Sohn zurück, er war bei der Freitodbegleitung dabei. Er schliesst die Tür ab, als er geht, so haben es sich die Eltern gewünscht. Über 90 Jahre alt sind die beiden geworden.

Wieso jetzt? Wieso überhaupt?

Ruth Schmid* erfährt am Nachmittag vom Tod ihrer Eltern. Sie ist geschockt. Wütend. Traurig. Fragen über Fragen. Wieso jetzt? Hätten die beiden nicht noch warten können? Und warum überhaupt? Sie hätten es doch so schön haben können. Sie hatten es doch so schön. Waren nicht lebensbedrohlich krank. Doch jetzt sind sie weg. Für immer.

Ruth Schmid weiss nicht, was sie denken, sagen, fühlen soll. Am Abend ist sie mit Freunden verabredet, die sie mit dem Auto abholen. An einem Kiosk ­stoppen sie, Schmid kauft ein Mars. Sie müsse etwas essen, sagt sie den Freunden, ihre Eltern seien heute gestorben. «Wollt ihr auch einen Biss?», fragt sie. Einer will, sie fahren weiter. Erst eine Viertelstunde später fragt jemand: «Bitte, was hast du gesagt?» Sie wiederholt: «Meine Eltern sind heute gestorben.»

So sei es ihr in den Wochen nach dem Tod ihrer Eltern immer wieder ergangen, sagt Schmid an einem kalten Wintertag im Januar, wir treffen uns irgendwo in der Deutschschweiz. Sie habe Bekannten und Geschäftskollegen damals erzählt, was vorgefallen sei, doch diese hätten einfach weitergeredet, als hätten sie das Gesagte überhört. Die Nachricht sei wohl «zu heftig» gewesen, ja schlicht «unglaublich».

Wer über die Umstände des Todes Bescheid wusste, reagierte ganz anders: Familienmitglieder, enge Freunde, Nachbarn lobten das Ehepaar fast immer für ihren Mut und ihre Entschlossenheit. «Auffallend oft bekam ich von Leuten zu hören, welche Hochachtung sie vor meinen Eltern hätten», sagt Schmid. «Dass der Entscheid richtig sei. Ausschliesslich positiv. Das irritierte mich extrem.» Für Ruth Schmid war der Entscheid ihrer Eltern alles andere als richtig. Sie hielt ihn für feige. «Einfach so abschleichen. Sich nicht dem Leben stellen. Für mich ist das feige, ich kann es nicht anders sagen.»

An die Wochen nach dem Tod ihrer Eltern erinnert sie sich nur noch verschwommen. Sie reiste in eine Grossstadt, wie schon länger geplant. Doch da ist nichts mehr, an das sie sich erinnert, kein Restaurant, keine Sehenswürdigkeit, nichts. Ruth Schmid hat ein einziges Bild vor Augen, wenn sie an die Reise zurückdenkt: Sie sieht sich selber in ­einem Bus sitzen, tränenüberströmt. ­Zurück in der Schweiz, wollen Freunde sie trösten. Sie erträgt es nicht, wird ­wütend und abweisend. Die Freunde melden sich bis heute nicht mehr. Überforderung bei allen.

Nicht dass die 59-Jährige vom Tod ihrer Eltern völlig überrascht worden wäre. Ein paar Wochen zuvor hatte das Ehepaar den Kindern ihren Entscheid verkündet. Doch den Zeitpunkt behielten sie für sich. Auch wollten sie beim Sterben niemanden um sich haben ausser dem Sterbebegleiter und zwei weiteren Begleitpersonen von Exit. Ruth Schmid und ihre Geschwister fragten nicht nach. «Ich hätte nur die Tage rückwärts gezählt», sagt sie. «Und sowieso: Was hätte es geändert? Ich musste, ich wollte akzeptieren, wozu meine Eltern sich entschieden hatten.»

Wenig später anerbot sich der Jüngste doch, dabei zu sein, wenn die Eltern dies wünschten. Diese waren erst dagegen, willigten dann aber ein, als sie ­realisierten, dass niemand die Tür ­verschliessen würde, wenn der Sterbe­begleiter und mit ihm alle anderen das Haus verlassen haben. «So waren unsere Eltern: organisiert und selbstbestimmt bis in den Tod», sagt Schmid. «Sie wussten, was sie wollten – und was nicht.»

Silvia und Ernst. Ernst und Silvia. Über 60 Jahre waren sie verheiratet, eine fast symbiotische Beziehung hatten sie geführt. Er mit eigenem Betrieb, sie seine Assistentin, gut 40 Jahre lang, beides starke Personen, wie Ruth Schmid sagt. Auch deshalb könne sie bis heute nicht sagen, wer von den beiden die Idee mit Exit aufgebracht habe. Nachdem die Eltern den Kindern ihre Sterbeabsicht verkündet hatten, fragte Ruth Schmid bei beiden einzeln und wiederholt nach: Bist du dir sicher, Mami? Willst du wirklich sterben, Papi? Oder ist das der Wunsch des anderen? Nein, bekam die Tochter zu hören, einzeln und wiederholt: Ich will das. Sterben. Gemeinsam mit ihm, gemeinsam mit ihr. Eben dies bekam auch der Sterbebegleiter von Exit zu hören, der mit den beiden persönliche Einzelgespräche führte, ebenso der Psychiater, den sie beizogen. Die Eltern waren sich ganz sicher.

Auch über die Gründe sprachen die Ehepartner deutlich. Sie waren nach Wissen der Kinder beide nicht lebensbedrohlich krank, aber über die Jahre gebrechlich geworden. Das ärgerte sie, die sie stets die Kontrolle über ihr Leben gehabt hatten. Sie wollten von niemandem abhängig sein, sie wollten sich nach niemandem richten. Die Mutter litt an einer unheilbaren Krankheit, doch diese beeinträchtigte sie nicht stark, so viel Schmid weiss. Doch klar, beiden tat der Körper weh, mal hatten sie Schmerzen hier, mal dort und überhaupt mit jedem Altersjahr mehr. Irgendwann, das wussten die beiden, würde der Umzug ins Pflegeheim unumgänglich werden. Sie hätten sich an einem schönen Ort angemeldet, teilten sie den Kindern mit, aber für den Moment könnten sie noch alleine leben. Nach dem Tod der beiden merkte Schmid: Eine solche Anmeldung gab es nie. «Auch das passt zu meinen ­Eltern», sagt die Tochter. «Sie liessen sich nie von jemandem etwas sagen. Das ganze Leben nicht.»

Um den starken Wunsch nach Selbstbestimmung zu illustrieren, führt Schmid Beispiele an: Die Eltern hätten, um nicht selbst kochen zu müssen, Essen von einem nahen Altersheim bestellt, geliefert wurde um 11 Uhr. Statt die warmen Speisen zu essen, warteten die Eltern bis um 12 Uhr, wärmten das Essen in den eigenen Pfannen auf, assen und wuschen danach ab. «Sie sagten, sie würden sicher nicht schon so früh essen. Sondern dann, wenn sie es für richtig hielten», sagt Schmid. Gleich verhielt es sich mit der Haushaltshilfe, die die Eltern für die täglichen Besorgungen eingestellt hatten. «Nicht die Frau ging einkaufen, sie gingen zusammen einkaufen. Den Einkaufswagen gestossen haben meine Eltern», sagt Schmid. «Sie waren schon immer Autoritätspersonen und sind es bis in den Tod geblieben», sagt Schmid. «Ich hätte sie von ihrem Sterbewunsch nicht abbringen können, auch wenn ich es versucht hätte.»

Den Kindern nicht zur Last fallen

Heute, fast zwei Jahre später, hat Schmid den Entscheid ihrer Eltern akzeptiert. Sie hätten ein schönes Leben gehabt – und einen schönen Tod. Zudem, und das klinge jetzt viel härter, als es gemeint sei, denn sie vermisse ihre Eltern sehr: Mit ­ihrem Entscheid hätten die beiden ihre Kinder auch vor vielem bewahrt. Sie und ihre Geschwister müssten nicht wie viele ihrer gleichaltrigen Bekannten ein schlechtes Gewissen haben, weil sie die Eltern im Pflegeheim zu wenig besuchen. Sie müssten sich nicht absprechen, wer als Nächstes dran sei, sie müssten auch nicht für die Pflegekosten aufkommen. Vor allem aber müssten sie die Eltern nicht leiden sehen, sagt Schmid.

Wollten die Eltern ihren Kindern nicht zur Last fallen und haben sich womöglich deshalb entschieden, mit Exit aus dem Leben zu scheiden? Es sei denkbar, dass ihre Eltern sich solche Gedanken gemacht hätten, sagt Schmid. In erster Linie aber sei es ihnen um sich selber gegangen, da sei sie sich ganz sicher. «Selbstbestimmung und Selbstverantwortung war alles für sie. Das haben sie uns immer wieder gesagt und gezeigt.» Die von den Kindern gekauften Rollatoren benützen, damit das Gehen leichter fällt? Niemals. Als das über 90-jährige Ehepaar starb, standen die Gehhilfen unbenützt im leeren Haus, noch immer in Plastik gehüllt.

Was Schmid bleibt, ist eine Erinnerung an einen warmen Sommertag kurz vor dem Tod ihrer Eltern. Sie steht mit dem Vater im Garten, die Blumen blühen, es ist warm. «Verrückt, jetzt zu sterben, wenn der Garten so schön ist», sagt der Vater. «Du kannst es ja noch geniessen», antwortet die Tochter. Er wiederholt: «Aber jetzt einfach so gehen . . . verrückt.» Er änderte seine Pläne trotzdem nicht. Kurz darauf schlief er für immer ein, an der Hand seine Frau.

* Namen geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2015, 09:17 Uhr

Engagement für Hochbetagte

Pro Jahr scheiden drei bis vier Paare mithilfe von Exit gemeinsam aus dem Leben. Die Anfragen nehmen zu.

Im letzten Mai hat Exit den Altersfreitod in ihren Statuten verankert. Darunter versteht die Sterbehilfeorganisation «das Recht auf freiverantwortliches Sterben eines sehr alten Sterbewilligen mit erleichtertem Zugang zum Sterbemedikament». Es sei nicht gerechtfertigt, dass ein Hochbetagter, der sterben wolle, genauso viele medizinische Abklärungen über sich ergehen lassen und ebenso gravierende Leiden aufweisen müsse wie ein jüngerer Patient, sagt Exit-Geschäftsführer Bernhard Sutter. Die hochbetagten Menschen seien zwar nicht todkrank, jedoch durch eine Vielzahl von Gebrechen in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt. Bereits jetzt machen die sogenannt Polymorbiden bei Exit rund zwanzig Prozent der Freitodbegleitungen aus. Die meisten von ihnen sind hochbetagt.

Das Engagement von Exit für den erleichterten Altersfreitod sieht vorderhand hauptsächlich Lobbygespräche mit Politikern, Ärzten und Beamten vor. Es brauche Zeit, Verständnis für die Lebenssituation sehr alter Menschen zu wecken und alsdann konkrete Massnahmen auszuarbeiten, sagt Sutter. Um möglichst allen Aspekten – gesellschaftlichen wie individuellen – gerecht zu werden, hat Exit eine sechsköpfige Arbeitsgruppe eingesetzt. Es wären dereinst gesetzliche Änderungen nötig, um Hochbetagten einen erleichterten Zugang zum Sterbemittel zu ermöglichen.

An den Kriterien zur Sterbebegleitung ändert sich bei Exit vorerst also nichts. Sterbewillige müssen urteilsfähig sein, einen dauerhaften Sterbewunsch hegen sowie eigenständig zu ihrem Entschluss gelangt sein. Zudem müssen sie unter einer «hoffnungslosen Prognose, unerträglichen Beschwerden oder unzumutbarer Behinderung» leiden. Entscheidend ist das persönliche Empfinden des Betroffenen. «Nur der Patient kann entscheiden, was für ihn unerträglich oder unzumutbar ist», sagt Sutter.

Dass Paare gemeinsam selbstbestimmt sterben, kommt laut dem Geschäftsführer drei- bis viermal pro Jahr vor. Diesbezügliche Anfragen seien jedoch häufiger und hätten in den letzten Jahren leicht zugenommen. Damit Exit auf die Anfragen eintritt, müssen beide Partner sämtliche Kriterien für eine Freitodbegleitung erfüllen. Und es muss sichergestellt sein, dass keiner der Partner unter dem Druck des anderen steht. Mit den Sterbewilligen werden deshalb Einzelgespräche geführt. «Wie bei allen Begleitungen beziehen wir die Angehörigen sehr eng ein», sagt Sutter. Das führe oft dazu, dass sich das Paar für einen anderen Weg entscheide, da es «beispielsweise seinen Nachkommen nicht die doppelte Trauer zur selben Zeit zumuten mag». Bleibt das Paar bei seinem Entschluss, sind beim Freitod zwei Sterbebegleiter anwesend, allenfalls weitere Exit-Mitarbeiter.

Mehr Frauen als Männer

Exit erhält pro Jahr rund 2500 Anfragen für eine Freitodbegleitung, davon werden nach Prüfung rund 800 bewilligt. 2013 sind schliesslich 459 Personen mit Exit aus dem Leben geschieden, 267 Frauen und 192 Männer. Damit hat sich die Tendenz der letzten Jahre gefestigt, dass mehr Frauen als Männer einen begleiteten Suizid vornehmen. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen betrug knapp 77 Jahre. Die Zahlen für 2014 liegen noch nicht vor. Es werden aber erneut mehr Freitodbegleitungen sein als im Vorjahr, diese nehmen seit Jahren zu.

Die vielen Anfragen stellen Exit vor Herausforderungen: Mittlerweile ist man bei 28 Mitarbeitern und rund 30 ausgebildeten Freitodbegleitern angelangt. Wie es im Mitglieder-Magazin heisst, hat der Verein Anfang Jahr in Bern ein weiteres Büro bezogen und sucht im Mittelland nach einem neuen Sterbezimmer. Exit hat derzeit rund 80'000 Mitglieder.

Von Simone Rau

(Tages-Anzeiger)

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