Sind Adoptivkinder glücklicher?

Eine Studie hat das Wohlbefinden von Adoptivkindern in der Schweiz erforscht. Die Erkenntnis: Sie unterscheiden sich nicht von anderen Kindern – in einigen Bereichen geht es ihnen sogar besser.

Geborgenheit ist wichtig: US-Filmstars Brad Pitt und Angelina Jolie mit ihren sechs  Kindern – drei davon sind adoptiert.

Geborgenheit ist wichtig: US-Filmstars Brad Pitt und Angelina Jolie mit ihren sechs Kindern – drei davon sind adoptiert. Bild: Keystone

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Um Adoptivkinder ranken sich viele Geschichten – meist sind es tragische Einzelschicksale, die durch die Medien geistern. Wie es den Kindern aber wirklich geht, ist nahezu unbekannt. Ergebnisse aus dem Ausland sind widersprüchlich. Eine schwedische Studie aus dem Jahre 2002 etwa ergab, dass Adoptivkinder, die aus anderen Ländern stammten, ein bis zu viermal höheres Risiko hatten, an psychischen Krankheiten zu leiden und fünf mal eher drogensüchtig wurden. Eine Studie in Dänemark dagegen fand keine Auffälligkeiten.

Aus der Schweiz, wo jährlich rund 500 Kinder adoptiert werden, gab es bisher überhaupt keine Daten. Nun haben Forscher um die Sozialpädagogen Thomas Gabriel und Samuel Keller von der Zürcher Hochschule für Soziale Arbeit (ZHAW) erstmals deren Wohlbefinden in ihrem neuen Zuhause untersucht. Die sogenannte Zürcher Adoptionsstudie hatte die Bildungsdirektion des Kantons Zürich in Auftrag gegeben, die für Adoptionen zuständig ist. Vergangene Woche präsentierten die Forscher ihre Studie an einer nationalen Fachtagung.

Herkunftsland hatte keinen Einfluss

Demnach unterscheiden sich die Adoptivkinder in ihrem emotionalen und sozialen Befinden praktisch nicht von anderen Schweizer Kindern. In einigen Aspekten geht es Adoptivkindern sogar besser, vor allem wenn sie klein sind: So hatten die bis fünfjährigen Sprösslinge im Durchschnitt weniger Ängste und auch weniger körperliche Beschwerden als die anderen Kinder. Adoptivkinder im Alter zwischen 5 und 18 Jahren zeigten sich weniger emotional abweisend. Sie litten zudem gleich oft an Schlafproblemen wie leibliche Kinder und waren auch im Themenkomplex «aggressives Verhalten» nicht auffällig. Das einzige Problemfeld betraf Aufmerksamkeitsdefizite: Die älteren Adoptivkinder zeigten diese öfter als «normale» Kinder. Jedoch war diese Abweichung laut Gabriel auf wenige Kinder beschränkt.

Die Forscher hatten 156 der 241 Kinder untersucht, die zwischen 2003 und 2009 im Kanton Zürich adoptiert wurden. Als Massstab wurde ein standardisierter Fragebogen – die Child Behavior Checklist – benutzt, in dem über 100 Fragen alle Bereiche des kindlichen Verhaltens und Empfindens abdecken. Die Checkliste vergleicht das Schicksal der untersuchten Kinder mit dem Durchschnitt in der Schweiz. Die meisten der adoptierten Kinder stammten aus Äthiopien (84), Indien (24) und Thailand (14). Nur 14 der adoptierten Kinder stammten aus der Schweiz. Das Herkunftsland hatte allerdings keinen Einfluss auf die Resultate der Studie, genauso wenig wie das Alter des Kindes zum Zeitpunkt der Adoption oder das Alter der Eltern.

«Resultate sind mit Vorsicht zu interpretieren»

«Wir waren angesichts der internationalen Forschungslage schon vom positiven Resultat überrascht», sagt Thomas Gabriel. Die in Zürich untersuchten Adoptivkinder waren allerdings erst maximal sechs Jahre in ihren neuen Familien, nur wenige waren bereits in der Pubertät. «Man weiss, dass in der ersten Phase ein ‹Honeymoon›-Effekt die Wahrnehmung beeinflusst», erklärt Thomas Gabriel. «Deshalb sind die Resultate noch mit Vorsicht zu interpretieren.» Aus diesem Grund wird die Erhebung mit der Child Behavior Checklist 2014 nochmals wiederholt. Zudem möchten die Forscher die Studie noch weiterverlängern, um die Kinder bis über die Pubertät hinaus begleiten zu können.

Dass Adoptivkinder in einer speziellen Situation sind, ist unbestritten. Sie haben ihre biologischen Eltern verloren, viele verbrachten ihre erste Zeit in einem Kinderheim. In ihrer neuen Familie brauchen sie deshalb besondere Geborgenheit und Zuwendung. Um dies zu gewährleisten, prüfen die kantonalen Sozialbehörden werdende Adoptiveltern in einem aufwendigen und teuren Bewilligungsverfahren sprichwörtlich auf Herz und Nieren. Dazu gehören Auskünfte über die finanzielle und gesundheitliche Situation, aber auch ein ausführlicher Bericht, für den Sozialarbeiter die Lebenssituation und Einstellung der Eltern in stundenlangen Gesprächen zu ergründen versuchen. Nur wenn dieser positiv ausfällt, erhalten die solcherart quasi «amtl. beglaubigten» Eltern die Bewilligung für ein Adoptivkind.

Sündenbock «Adoption»

Ausgehend von ihren Untersuchungen über das Wohlbefinden der Kinder wollten die Forscher wissen, was für eine erfolgreiche Adoption wichtig ist. In vertieften Interviews mit 23 Familien orteten sie die Faktoren, die den Verlauf einer Adoption positiv (Schutzfaktoren) oder negativ (Risikofaktoren) beeinflussen. Zu den Risikofaktoren zählte zum Beispiel eine Überhöhung des Familienideals. «Biologische Eltern fragen sich nicht a priori, was die perfekte Familie sei, Adoptiveltern dagegen müssen bereits vor der Adoption gegenüber den Behörden darüber berichten, was im Umgang mit dem realen Kind zu Irritationen führen kann», erklärt Thomas Gabriel.

Zudem hat sich gezeigt, dass Adoptiveltern selbst ein völlig normales Verhalten des Kindes – zum Beispiel die Suche nach Geborgenheit, wenn es krank ist – oft als Folge der Adoption zu erklären versuchen. «Wenn über längere Zeit für irritierendes kindliches Verhalten die Adoption als Universalerklärung herangezogen wird, dann stellt dies einen klaren Risikofaktor für das Kindeswohl dar», sagt Thomas Gabriel.

Als Schutzfaktor für eine gelingende Adoption haben die Forscher unter anderem auch ein transparentes und nachvollziehbares Bewilligungsverfahren geortet. Dies ist heute nicht immer der Fall. Zum einen ist die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben von Kanton zu Kanton verschieden. Zum anderen sind vor allem die Kriterien, die für den Sozialbericht zur Anwendung kommen, unklar und wiederum von der Vorstellung einer theoretischen Idealfamilie geprägt.

Forscher formulieren Empfehlungen an die Behörden

Aus ihren Erkenntnissen formulierten die Forscher eine Reihe von Empfehlungen für das behördliche Verfahren. So könnte es laut Thomas Gabriel nützlich sein, dieses transparenter und für die Eltern nachvollziehbarer zu gestalten. Zudem bemängeln die Forscher, dass das gegenwärtige Verfahren eher einem Test gleichkomme, als dass es den Eltern helfe. «Man sollte die Adoptiveltern auf die spezielle Situation, wenn das Kind da ist, vorbereiten, was tatsächlich dem Wohl des Kindes zugute käme», sagt Thomas Gabriel.

David Urwyler, der die Zentralbehörde des Bundes zur Behandlung internationaler Adoptionen leitet, gibt zu bedenken, dass die Studie vorerst nur die ersten Platzierungsjahre berücksichtigt und die Rolle der Vermittlungsstellen aussparte. Er räumt aber ein, dass das Erstellen des Sozialberichts immer von den abklärenden Personen abhänge und die Beurteilung der Kriterien daher auch subjektiv geprägt sei. «Problematisch wird es, wenn die Bewilligungserteilung von persönlichen Familienbildern dominiert oder gar abhängig gemacht wird», sagt Urwyler. Ob und wie das Verfahren objektiver gestaltet werden sollte, müssen seiner Ansicht nach jedoch die Fachleute in den Kantonen beurteilen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2012, 14:39 Uhr

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