Türkisches Einreiseverbot wegen eines «î»

Eine kurdischstämmige Türkin aus Zürich will mit ihrem Neugeborenen in die Heimat fahren. Doch das türkische Konsulat will dem Kind mit kurdischem Namen keinen Pass ausstellen – wegen eines Zirkumflexes.

Mit dem in der kurdischen Sprache gängigen «accent circonflexe» bedeutet sein Name «Erhellung des Raumes durch die Sonne»: Baby Sîtav mit seinem Plüschbären. (Bild: pd)

Mit dem in der kurdischen Sprache gängigen «accent circonflexe» bedeutet sein Name «Erhellung des Raumes durch die Sonne»: Baby Sîtav mit seinem Plüschbären. (Bild: pd)

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Ein Accent circonflexe im Namen eines Babys, das Sîtav heisst, ist der Anlass einer absurden Auseinandersetzung. Die Streitparteien sind eine kurdische Familie türkischer Nationalität und das Konsulat der Türkei in Zürich. Der Streit begann vor ein paar Wochen, als die Mutter von Sîtav zum türkischen Konsulat ging, um ihr Baby registrieren zu lassen und einen Pass für den Kleinen zu beantragen. Die Frau hatte die Absicht, in die Türkei zu reisen, um ihrer Mutter deren neues Enkelkind zu zeigen.

Beim Konsulatsschalter legte die Mutter von Sîtav den schweizerischen Geburtsschein vor, auf dem der kurdische Name des Neugeborenen eingetragen ist. Rasch musste die Frau zur Kenntnis nehmen, dass der Kleine weder einen Pass noch ein anderes Ausweispapier des türkischen Staates erhalten wird.

«Sie müssen einen türkischen Namen angeben»

Wie der Vater von Sîtav im Gespräch mit baz.ch/Newsnet erzählt, spielte sich im türkischen Konsulat in Zürich folgender Dialog ab: «Wie Sie wissen, müssen Sie einen türkischen Namen angeben», sagte die Konsulatsangestellte zur Mutter von Sîtav. Und weiter erklärte sie: «In türkischen Namen dürfen die Buchstaben W, X oder Q nicht verwendet werden. Und sie dürfen auch nicht dieses französische Sonderzeichen enthalten.» Die Mutter von Sîtav erwiderte, dass der Name ohne Accent circonflexe seine Bedeutung verlieren würde. Sîtav bedeute «Erhellung des Raumes durch die Sonne». Für diese Erklärungen hatte die Konsulatsangestellte kein Gehör, und sie verwies auf die gesetzlichen Vorgaben des türkischen Staates: «Ohne türkischen Namen können Sie keinen Pass beantragen. Hier gibts kein kurdisches Alphabet.»

Daraufhin sagte die Mutter von Sîtav: «Aber eine Internet-Adresse mit dem Anfang ‹www› können Sie anscheinend schreiben, wie aus der Konsulatsadresse ersichtlich ist.» Die Angestellte des türkischen Konsulats antwortete nur: «Wenn Sie den Namen Ihres Kindes im schweizerischen Geburtsschein auf einen türkischen Namen abändern lassen, können Sie wiederkommen.» Das kommt aber für die Eltern von Sîtav nicht infrage. In der Zwischenzeit hat der seit zehn Jahren in der Schweiz lebende Vater von Sîtav mehrmals das türkische Konsulat in Zürich kontaktiert, ebenso das türkische Aussenministerium in Ankara – aber ohne Erfolg.

ı und i sind möglich, nicht aber î

In einer Stellungnahme schreibt das Zürcher Konsulat der Türkei, dass im türkischen Alphabet ein mit Zirkumflex geschriebenes î fehle, stattdessen gebe es die Buchstaben ı und i. In diesem Zusammenhang ist eine Information des Konsulats interessant: Seit dem letzten April ist die Verwendung eines Zirkumflexes auf den Buchstaben a und u erlaubt, «damit einige vom Arabischen und Persischen in die türkische Sprache übernommenen Vornamen geschrieben werden können.»

Es erscheint zwar kleinlich, die türkische Behörde bleibt aber hart im Fall Sîtav. «Gegenwärtig kann der Vorname in der von der betreffenden Person beantragten Weise nicht geschrieben werden», heisst es auf Anfrage. Das türkische Generalkonsulat sei in diesem Fall die gesetzvollziehende Behörde. «Und wir haben keinen Ermessensspielraum irgendeiner Art.» Das Konsulat zeigt sich nur bereit, ein Gesuch der kurdischstämmigen Familie zur Registrierung ihres Neugeborenen auf den Namen Sîtav an die Direktion des Zivilstandsregisteramts in der Türkei weiterzuleiten. «Und falls mit diesen Schritten kein positives Ergebnis erzielt würde, gäbe es die Möglichkeit, sich an ein türkisches Gericht zu wenden, um den Namen anerkennen zu lassen.»

Anmeldung beim Zürcher Migrationsamt nicht möglich

Solange der Name Sîtav nicht anerkannt wird, erfolgt auch kein Eintrag in das türkische Zivilstandsregister. Und dies ist die Voraussetzung, um überhaupt einen türkischen Pass für die Einreise in die Türkei beantragen zu können.

Doch damit nicht genug: Die Eltern von Sîtav sehen sich mit einem weiteren Problem konfrontiert. Um Sîtav in der Schweiz als Neugeborenen anmelden zu können, benötigt das Zürcher Migrationsamt seinen türkischen Pass. Oder, wenn es diesen nicht gibt, eine schriftliche Begründung des Konsulats, warum es keinen Pass ausstellt. Eine schriftliche Begründung gibt es aber nicht, wie der Vater von Sîtav sagt. Für ihn ist die ganze Angelegenheit ein weiteres Beispiel für die Diskriminierung der Kurden durch die Türkei. Jetzt will er einen Rechtsanwalt einschalten, um das weitere Vorgehen zu besprechen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.10.2013, 12:49 Uhr

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Q, X und W bald wieder erlaubt

Aufheben will Erdogan zudem das seit 1928 geltende Verbot der Verwendung der drei Buchstaben Q, X und W, die der kurdischen Sprache zugeordnet werden. Diese Buchstaben kommen im türkischen Alphabet nicht vor.
Den Kurden allerdings gehen diese Zugeständnisse nicht weit genug. Sie fordern, dass ihre Sprache auch in den öffentlichen Schulen unterrichtet werden darf. Ausserdem wollen sie ihre Existenz und ihre Rechte in der Verfassung verankert sehen. Mit geschätzten 15 Millionen Menschen sind die Kurden jedoch die grösste ethnische Minderheit in der Türkei. Seit 1984 kämpft die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) für die Sache der Kurden. Dabei wurden mehr als 40'000 Menschen getötet. Im März verkündete die PKK jedoch einen Waffenstillstand. (vin /sda)

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