So gehässig ist die Debatte im Netz

Was sich Politiker auf Social Media alles anhören müssen – und welche Rolle dabei Geschlecht und Partei spielen.

Werden online vielfach Opfer von persönlichen Angriffen: Politikerinnen an ihrem Laptop während einer Debatte im Nationalrat.

Werden online vielfach Opfer von persönlichen Angriffen: Politikerinnen an ihrem Laptop während einer Debatte im Nationalrat. Bild: Keystone

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Seit dem Fall von Jolanda Spiess-Hegglin ist «hate speech» auch in der Schweiz ein Begriff: die Hassrede oder Beleidigung im Internet. Infolge eines Skandals an der Zuger Landammannfeier 2014 wurde die damalige Kantonsrätin online beschimpft, bedroht und angegriffen. Die sozialen Medien zeigten ihr hässlichstes Gesicht. Spiess-Hegglin versuchte Gegensteuer zu geben, ihre Sicht der Dinge darzulegen, Hassschreiber selbst anzuprangern – und wurde so nur noch tiefer in den Strudel aus Beleidigungen hineingezogen.

So wie Spiess-Hegglin geht es, wenn auch nicht im selben Ausmass, vielen Schweizer Politikerinnen und Politikern. Schon in den Kommentarspalten von Portalen wie baz.ch/Newsnet schlägt ihnen viel Hass entgegen, wie eine grosse Auswertung von Leserbeiträgen im vergangenen Jahr gezeigt hat. Gut ein Viertel der analysierten Kommentare konnte nicht veröffentlicht werden, weil der Inhalt beleidigend und obszön war oder gegen Rassismus-/Sexismus-Leitlinien verstiess. Man kann nur ahnen, was Politiker persönlich auf Social Media zu hören bekommen, wo alles ungefiltert publiziert wird.

40’000 Kommentare analysiert

Journalisten der Plattform Netzpolitik.org, des Auslandsrundfunks Deutsche Welle und der italienischen Wochenzeitschrift L’Espresso wollten es genau wissen. Für das «Political Speech Project» sammelten sie im Verlauf von vier Wochen rund 40’000 Kommentare, die über Facebook und Twitter an Abgeordnete in Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz gerichtet wurden.

Für ihre Datenanalyse legten die Journalisten eine Liste mit 185 Politikerinnen und Politikern dieser Länder an, in ausgewogenem Verhältnis der Geschlechter und politischen Kräfte. Die Auswahl der Personen erfolgte teils zufällig, teils anhand gewisser Merkmale. So wurden neben prominenten Politikern gerade auch solche berücksichtigt, die auf Social Media besonders aktiv sind und eine grosse Reichweite haben.

In der Schweiz waren dies: Natalie Rickli und Claudio Zanetti von der SVP, Christian Wasserfallen und Philippe Nantermod von der FDP, CVP-Nationalrat Gerhard Pfister, die SP-Vertreter Jacqueline Badran, Ada Marra und Cédric Wermuth sowie Ignaz Bearth, Mitbegründer der Schweizer Pegida-Bewegung.

30 Schweizer Politikerinnen und Politiker landeten schliesslich in der Auswertung. Von allen analysierten Kommentaren, die auf ihren Social-Media-Seiten gepostet wurden, stuften die Journalisten 4,8 Prozent als beleidigend, menschenverachtend oder gar hetzerisch und vermutlich illegal ein – mehr als in Deutschland, weniger als in Frankreich und Italien.

Bei den ausgewählten Schweizer Politikern, die sich besonders aktiv in die Onlinedebatten einbringen, ist der Anteil noch deutlich höher: Jeder zehnte Eintrag auf ihren Seiten ist gemäss der Auswertung bösartig. Wer sich stärker exponiert, muss sich also nicht nur auf mehr, sondern auch auf wütendere Reaktionen gefasst machen.

Zwischen den vier Ländern gibt es deutliche Unterschiede, was die Einordnung der aggressiven Kommentare betrifft. So fallen in Frankreich deutlich mehr Äusserungen in die Kategorie Sexismus als beispielsweise in Deutschland. «Wir nehmen an, dass man sich in Deutschland schon länger als in anderen Ländern an Frauen in wichtigen politischen Positionen wie Angela Merkel gewöhnt hat», erklärt Alison Langley auf Nachfrage. Die Journalistin der Deutschen Welle hat am Projekt mitgearbeitet und ist ob des Hasses erschrocken, der Politikern online entgegenschlägt.

In Deutschland weisen viele Einträge rassistische Inhalte auf. Und auch in der Schweiz, wo Frauen immer noch zur Minderheit auf dem politischen Parkett gehören, sehen sich Politikerinnen und Politiker oft mit Sexismus und Fremdenfeindlichkeit konfrontiert. Besonders gehässig fielen laut den Studienautoren hierzulande Kommentare über afrikanische Einwanderer aus.

Die Autoren stellen fest, dass sich der in vielen Ländern Europas vollzogene politische Rechtsruck auch deutlich in den Internetdebatten zeigt. Sie konnten in allen untersuchten Ländern eine hohe Anzahl an aggressiven Kommentaren gegen Geflüchtete und Muslime nachweisen und stufen viele der ausgewerteten Einträge als klar rechts ein.

«Wer sich positiv über Migranten und Muslime äussert oder Rechtspopulisten kritisiert, kriegt ordentlich Hass ab.»Netzpolitik.org

Facebook- und Twitter-Seiten von rechten und populistischen Politikern, die oft selbst emotionale Kommentare verfassen, generieren insgesamt mehr bösartige Kommentare. In der Schweiz waren es etwa jene von Ignaz Bearth und Claudio Zanetti. Diese Einträge richten sich in einer Mehrheit der Fälle gar nicht gegen die jeweilige Person selbst, sondern gegen andere, meist linke Politiker. Reichweitenstarke Social-Media-Seiten bieten (rechten) Hetzern also eine Plattform für Beleidigungen. Zudem hat die Auswertung gezeigt, dass rechte Politiker bösartige Kommentare eher tolerieren, also nicht sofort löschen.

Dass man es auch anders machen könne, zeige SVP-Nationalrätin Natalie Rickli, sagt Langley: «Sie ist ein gutes Vorbild, weil sie auf Social Media einen respektvollen Umgang pflegt und deshalb auch gemässigte Reaktionen und Antworten von anderen Nutzern erhält.»

Anders sieht es bei linken Politikerinnen und Politikern aus: Sie sind in allen untersuchten Ländern häufiger Opfer von persönlichen Angriffen, wie auch die Aufschlüsselungen nach Parteien in der Schweiz zeigt.

Die schlimmsten Anfeindungen mussten im Untersuchungszeitraum prominente weibliche Politikerinnen in Frankreich und Italien über sich ergehen lassen. Das deckt sich mit der Erkenntnis der Auswertung von baz.ch/Newsnet vom vergangenen Jahr: Nicht nur Amt und Partei provozieren die Beleidigungen. Am Ursprung des Hasses steht auch das Geschlecht.

Schweizer Politikerinnen werden laut der neuen Analyse doppelt so häufig persönlich angegriffen wie ihre männlichen Kollegen. In vielen Fällen handelt es sich um sexistische Beschimpfungen. Die SP-Nationalrätin Silvia Schenker beispielsweise wurde im untersuchten Zeitraum 19-mal persönlich beleidigt, 7-mal sexistisch.

«Sie sagten, ich könne mich ja selbst zur Verfügung stellen.»Silvia Schenker, SP-Nationalrätin

Besonders heftige Anfeindungen hat sie auf einen ihrer Posts über Sexualunterricht für Asylsuchende erhalten. «Sie sagten, ich könne mich den Asylanten ja selbst zur Verfügung stellen, wenn mir das so gefalle», erzählt Schenker. Gerade bei Asylthemen habe man negative Reaktionen auf sicher. Das gehe dann ganz weit unter die Gürtellinie, bis hin zu Drohungen.

In den meisten Fällen reagiert die SP-Nationalrätin nicht auf solche Beleidigungen. Das bringt aus ihrer Sicht oft nichts, löst vielmehr noch stärkere Reaktionen bei der Gegenseite aus. Schenker hat auch schon Einträge gelöscht und andere Nutzer blockiert, die sie belästigt haben. «Ob man auf alles reagieren kann, ist aber auch eine Frage der Ressourcen.»

«Die Leute, die so etwas schreiben, würden das einer Person nie ins Gesicht sagen.»Alison Langley, Deutsche Welle

Gemäss Langley verzichten deswegen viele Politikerinnen, gerade aus dem linken Lager, auf einen eigenen Facebook- oder Twitter-Account oder halten sich online zumindest zurück. Die Moderation eines Kontos wird einfach als zu aufwendig und nervenaufreibend empfunden. Insgesamt sind Schweizer Politikerinnen und Politiker denn auch viel weniger aktiv auf Social Media als solche in den anderen untersuchten Ländern.

Die Folge: Die direkte Kommunikation zwischen Politikern und der Bevölkerung geht verloren. Den Hassern und Kritikern wird online das Feld überlassen. Die Autoren der Studie kommen deshalb zum Schluss: Hetze im Netz lässt sich nicht technisch und rechtlich lösen, sondern nur mit Gegenrede. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2018, 12:14 Uhr

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