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Der mysteriöse Drogenvorwurf gegen die Tamil Tigers

Die Bundesanwaltschaft verdächtigte die Organisation des Drogenhandels, um leichter an Bankdaten heranzukommen. Doch möglicherweise waren die Anschuldigungen erfunden.

Zehn Tamil Tigers wurden schliesslich festgenommen: Sie sollen Landsleute zu Kreditschwindel angestiftet haben.

Zehn Tamil Tigers wurden schliesslich festgenommen: Sie sollen Landsleute zu Kreditschwindel angestiftet haben. Bild: Reuters

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Im Mai 2009 eröffneten die obersten Strafverfolger der Eidgenossenschaft Verfahren gegen mehrere Tamilen in der Schweiz. Die Liste der ihnen vorgeworfenen Delikte war lang: Drohung, Erpressung, Urkundenfälschung, Geldwäscherei sowie Zugehörigkeit und Unterstützung einer kriminellen Organisation. Von Drogenhandel aber war nirgends die Rede.

Am 30. Dezember 2009 gingen zwei Tamilen bei einer Kontrolle an der französischen Grenze der Justiz ins Netz. Unbekannt ist, ob es sich um einen Zufallstreffer handelte oder ob eine Falle zuschnappte. Jedenfalls beschlagnahmten die Fahnder 120?000 Euro in bar und zwanzig Kreditverträge mit der Credit Suisse und ihrer Tochtergesellschaft Bank Now mit Sitz in Horgen.

Drogenhandel in Sri Lanka?

Ein halbes Jahr später sprach die Bundesanwaltschaft, vertreten durch Staatsanwalt Patrick Lamon und Ludovic Schmied, bei der Bank Now vor. Die Ermittler teilten den Bankern am 8. Juni 2010 mit, sie gingen davon aus, dass ihr Institut «von tamilischen Kreisen benutzt werde, um Gelder zu waschen, die einen verbrecherischen Hintergrund (Drogenhandel) haben sollen». So hielt ein Kadermitarbeiter der Bank nach dem Treffen fest. Die Bundesanwaltschaft habe weiter berichtet, es bestehe «der Verdacht, dass in der Schweiz lebende Tamilen von Vertretern der Tamil Tigers genötigt werden, Kredite aufzunehmen». Die Tamil Tigers hätten so den – mittlerweile verlorenen – Bürgerkrieg in Sri Lanka mitfinanziert.

Die Bank, die keinesfalls als Gehilfin bei der Geldwäsche gelten wollte, handelte sofort. Sie durchforstete ihre Bücher und sandte bald schon detaillierte Angaben zu 90 Kreditverträgen an die Meldestelle für Geldwäscherei. In einer «Verdachtsmeldung», über die «10 vor 10» berichtete und die dem TA vorliegt, betont sie wiederholt unter Verweis auf die Bundesanwaltschaft, dass die Kreditraten vielleicht mit dem «Erlös des Drogenhandels in Sri Lanka» beglichen würden – was komisch anmutet, denn der Geldfluss müsste doch umgekehrt sein: von der reichen Schweiz ins Bürgerkriegsland. Doch auch die Geldwäschereimeldestelle, angesiedelt im Bundesamt für Polizei, vermutet in einem Schreiben an die Bundesanwaltschaft, dass die Kreditraten möglicherweise mit Drogengeld beglichen wurden.

Die Bundesanwaltschaft jedenfalls hat ihr Ziel erreicht: Sie verfügt nun über umfangreiche Informationen zu Krediten, Vermittlern und Kreditnehmern, die ihr bei den Ermittlungen weiterhelfen. Am 11. Januar 2011 schlägt sie zu. In einer koordinierten Aktion in zehn Kantonen verhaftet sie zehn Personen. Die Beschuldigten, so teilt sie mit, hätten Landsleute dazu gebracht, «überhöhte Kredite aufzunehmen», «meist gestützt auf gefälschte Lohnausweise». Mehrere Millionen Franken seien so für Waffenlieferungen an die Tamil Tigers geflossen. Kein Wort zu Drogengeldern.

«Schlichtweg falsch»

Gestern teilte die Bundesanwaltschaft auf Anfrage mit, sie sei «in keinem Verfahrensstadium» davon ausgegangen, «dass es sich beim Vorwurf der Geldwäscherei um Drogengelder handle». Dann schreibt sie noch: «Sollte jemand das Gegenteil behaupten, ist dies schlichtweg falsch.»

Unwahrscheinlich scheint aber auch, dass die Bank Now den Vorgang erfunden hat. Die Credit-Suisse-Tochter wollte gestern dazu keine Stellung nehmen. Daniel Thelesklaf, früherer Chef der Meldestelle für Geldwäscherei, hatte «10 vor 10» erklärt: «Man hat offenbar versucht, an diese Informationen heranzukommen und ist ungewöhnliche Wege gegangen.» Das sei manchmal nicht anders möglich bei Ermittlungen gegen kriminelle Organisationen. «Aber illegal darf der Weg nie sein», betonte Thelesklaf. Einen solchen Verdacht zu erfinden, das sei «klar nicht zulässig». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2011, 08:59 Uhr

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