So süchtig sind die Schweizer

Alkohol, Rauchen, Drogen: 10 Grafiken zeigen, wie sich der Konsum von legalen und illegalen Substanzen entwickelt.

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In ihrem Jahresbericht kritisiert die Stiftung «Sucht Schweiz» die Politik: Diese komme mit neuen Herausforderungen wie dem Boom von CBD-Cannabis nicht zurecht. Zudem stagnierten suchtbedingte Probleme – etwa durch Alkohol- oder Tabakkonsum – auf hohem Niveau, weil das Parlament nicht regulierend in diese Märkte eingreife, so der Vorwurf. Doch haben die Schweizerinnen und Schweizer wirklich ein Suchtproblem? Wir haben die Zahlen illustriert.

Onlinewerbung fördert Alkoholkonsum

Die Zahl der Abstinenten hat in den letzten Jahren auf 14,1 Prozent leicht zugenommen, trotzdem trinken immer noch gut acht von zehn Schweizerinnen und Schweizern ab 15 Jahren Alkohol. Beim Risikokonsum gibt es ebenfalls kaum Veränderungen: 21,6 Prozent der Bevölkerung trinken zu häufig oder zu viel Alkohol.

Ein Mann trinkt risikoreich, wenn er im Schnitt 40 Gramm reinen Alkohol pro Tag oder mehr zu sich nimmt. Das entspricht drei bis vier Stangen Bier (0,3 Liter à 5 Prozent), drei bis vier Gläsern Wein (0,1 Liter à 13 Prozent) oder etwa gleich vielen Gläschen Schnaps (0,04 Liter à 40 Prozent). Bei Frauen ist es die Hälfte. Allerdings dürften diese Angaben nach den Erkenntnissen einer kürzlich publizierten Studie noch nach unten korrigiert werden.

2016 wurden in der Schweiz pro Kopf 7,9 Liter reiner Alkohol konsumiert – das entspricht fast 55 Liter Bier, 34 Liter Wein, 3,6 Liter Spirituosen und 1,7 Liter Obstwein. Wie Zahlen der Eidgenössischen Alkoholverwaltung zeigen, geht der Pro-Kopf-Konsum jedoch kontinuierlich zurück und hat den tiefsten Wert seit über siebzig Jahren erreicht.

Trotzdem schlägt «Sucht Schweiz» Alarm: Eine Viertelmillion sei alkoholabhängig, warnt die Stiftung. Rund 1600 Menschen würden jährlich frühzeitig an missbräuchlichem Alkoholkonsum sterben, also mehr als vier pro Tag. Hinzu kommt die Schädigung von Angehörigen und Unbeteiligten. Gemäss einer Erhebung der Stiftung war 2016 mehr als die Hälfte der Bevölkerung in irgendeiner Weise negativ vom Konsum Dritter betroffen.

Sorgen bereitet «Sucht Schweiz» auch die zunehmende Werbung im Internet. Diese beeinflusst gemäss dem Bericht die Trinkmenge und das Einstiegsalter sowie die Einstellung zu Alkohol. Anstatt gesetzliche Massnahmen einzuführen, wolle das Parlament aber weiter deregulieren, kritisiert die Stiftung. Im letzten September hob das Parlament das Alkoholverbot an Autobahnraststätten auf. Und eine parlamentarische Initiative will die Biersteuer abschaffen.

Neue Tabakprodukte drängen auf den Markt

Im Gegensatz zu vielen westlichen Ländern stagniert die Raucherquote in der Schweiz. Seit 2011 gibt jedes Jahr gut ein Viertel der Bevölkerung an, täglich oder gelegentlich zu rauchen – und dies, obwohl man in der Schweiz für eine Schachtel mehr zahlt als in vielen anderen europäischen Ländern.

Umgerechnet fast 8 Franken betrug 2017 hierzulande der Durchschnittspreis für 20 Zigaretten, wie ein Vergleich der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz zeigt. In zahlreichen Ländern müssen Raucher weniger tief in die Tasche greifen, wenn die Preise gewichtet (Preislevel-Index der EU) betrachtet werden.

Der Preis für Zigaretten steigt in der Schweiz kontinuierlich. Die Anzahl der verkauften industriellen Zigaretten nimmt denn auch ab. Trotzdem stagniert die Raucherquote. Zum einen liegt das an der Zunahme selbst gedrehter Zigaretten: Der Anteil der Rauchenden, die nur noch solche konsumieren, hat sich seit 2011 mehr als verdoppelt.

Zum anderen glaubt «Sucht Schweiz», dass nicht zuletzt die Tabakwerbung für die Stagnation verantwortlich ist. Fast zwei Drittel der Bevölkerung möchten diese gemäss einer Befragung verbieten. Doch das Parlament habe im Dezember 2016 den bundesrätlichen Vorschlag für ein neues Tabakproduktegesetz zurückgewiesen, kritisiert die Stiftung. Zudem habe der Ständerat im März 2017 eine Erhöhung der Zigarettenpreise verhindert, obwohl dies besonders bei Jugendlichen präventiv wirke.

9500So viele Menschen starben 2012 in der Schweiz an den Folgen des Rauchens.

«Nikotin ist einer der am schnellsten abhängig machenden Stoffe», hält der Bericht fest. 9500 Menschen starben im Jahr 2012 in der Schweiz an den Folgen des Rauchens, wie das Bundesamt für Statistik aufgezeigt hat. Hauptursachen waren verschiedene Krebsarten (42 Prozent), Herz-Kreislauf-Erkrankungen (39 Prozent) sowie die chronisch obstruktive Lungenkrankheit (COPD, 15 Prozent). Das Risiko ist für Männer indes höher, weil mehr von ihnen (29 Prozent) rauchen als bei den Frauen (21 Prozent). Eine Rolle spielt zudem der Bildungsstand: Je höher er ist, desto tiefer ist die Raucherquote.

Hoffnung machen neue Produkte, beispielsweise E-Zigaretten. Es ist heute kaum mehr bestritten, dass diese weniger schädlich sind als die herkömmliche Zigarette und dass sie zur Risikoreduktion eingesetzt werden können, auch wenn noch kaum Langzeitstudien vorliegen. Unklar bleibt, inwiefern das Rauchen entscheidend reduziert wird. Zudem ist der Anteil der Befragten, die einen täglichen Gebrauch von E-Zigaretten angeben, verschwindend gering. Aus Sicht von «Sucht Schweiz» braucht es für eine Reduktion des Rauchens ein Werbeverbot und eine wirksame Steuer.

Chaos auf dem Cannabis-Markt

Die jüngsten Zahlen aus dem «Suchtmonitoring 2016» zum Konsum illegaler Drogen belegen, dass die Situation in der Schweiz insgesamt stabil geblieben ist. Die am meisten konsumierte Substanz ist Cannabis; sie liegt weit vor Kokain und Ecstasy.

Doch gerade beim Cannabis gebe es ein «Wirrwarr ohne Grenzen», schreibt «Sucht Schweiz». Am 1. Oktober 2013 wurde schweizweit das Ordnungsbussenverfahren für dessen Konsum eingeführt: Ein Erwachsener, der mit bis zu 10 Gramm Cannabis für den Eigengebrauch erwischt wird, sollte seither mit einer Ordnungsbusse von 100 Franken bestraft werden. Eine Studie hat allerdings gezeigt, dass die Ordnungsbussen zu keiner Klärung geführt, sondern vielmehr Verwirrung und kantonale Unterschiede geschaffen haben.

Die Art der Bestrafung und das Risiko, angehalten zu werden, variieren kantonal sehr stark. Im Kanton Zug beispielsweise muss ein Cannabiskonsument viel eher mit einer Ordnungsbusse rechnen als im Kanton Baselland.

Noch komplizierter wird die Lage durch den Boom von sogenanntem CBD-Cannabis, das weniger als 1 Prozent berauschendes THC aufweist und somit nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt ist. Seit im Sommer 2016 die ersten CBD-Produkte auf dem Schweizer Markt erschienen, hat deren Vielfalt und Verbreitung stark zugenommen. Auch Grossverteiler wie Coop oder Denner haben das legale Gras in das Sortiment ihrer Geschäfte und Kioske aufgenommen.

Diese Situation zeigt laut «Sucht Schweiz», wie wenig der Cannabismarkt reguliert ist. Die Politik finde auf die neuen Herausforderungen nicht immer kohärente, befriedigende Antworten, schreibt die Stiftung. Hinzu komme ein internationales Umfeld, das sich im Wandel befinde. «Sucht Schweiz» drängt deshalb auf eine Revision des Betäubungsmittelgesetzes.

Süchtig machende Schlafmittel

Das Thema Medikamentenmissbrauch erlebte im vergangenen Jahr eine steigende Aufmerksamkeit, was vor allem an den vielen Schlagzeilen über Opioidmissbrauch in den USA lag. Die Schweiz kennt laut dem Bericht zwar kein solches Phänomen, dafür steigt der Verkauf von Schmerzmitteln mit Abhängigkeitspotenzial stetig.

Besonders im Fokus bleibt der problematische Langzeitgebrauch von verschreibungspflichtigen Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Fast 200’000 Personen oder 2,8 Prozent der Schweizer Bevölkerung über 15 Jahren nehmen täglich oder fast täglich während mindestens eines Jahres solche Medikamente ein. Der Anteil steigt mit dem Alter kontinuierlich an und erreichte 2015 bei den über 74-Jährigen über 8 Prozent.

Dabei handelt es sich häufig um Benzodiazepine oder ähnliche suchterzeugende Medikamente, die nur über kurze Zeit eingenommen werden sollten. Eine tägliche Einnahme solcher Schlaf- oder Beruhigungsmittel über vier bis acht Wochen führt in der Regel zu einer physischen Abhängigkeit. Der lang anhaltende Gebrauch birgt gemäss dem Bericht insbesondere das Risiko von Einbussen im Bereich von Gedächtnis und Kognition, gefühlsmässiger Abstumpfung, Verminderung der psychomotorischen Koordination sowie der Reaktionsfähigkeit.

Frauen greifen anscheinend schneller auf Medikamente zurück: 9,5 Prozent der Teilnehmerinnen am «Suchtmonitoring 2016» gaben an, zumindest einmal in den letzten dreissig Tagen ein Schlaf- oder Beruhigungsmittel eingenommen zu haben. Bei den Männer waren es 5,3 Prozent. Beides sind seit 2011 Höchstwerte.

54 ProzentSo viele Schüler nehmen Substanzen für eine bessere Hirnleistung.

Zudem sind ältere Personen gefährdeter als jüngere, wie die Grafik oben zeigt. Gemäss «Sucht Schweiz» bleiben aber Psychostimulanzien zur Steigerung der Hirnleistung vor allem bei jungen Menschen ein Thema. In einer Studie mit 1400 17-jährigen Zürcher Schülerinnen und Schülern gaben 54 Prozent der Befragten an, bereits einmal mit der Einnahme von Substanzen eine bessere Hirnleistung angestrebt zu haben.

Meistens handelt es sich um vergleichsweise harmlose Aufputscher wie Energydrinks, Kaffee, Tabak, Vitamine oder pflanzliche Beruhigungsmittel, um wach zu bleiben oder um sich besser konzentrieren zu können. Gut 9 Prozent der Befragten haben aber auch schon zu Medikamenten gegriffen, zwei Drittel von ihnen zu Ritalin oder Ähnlichem.

Mit Gambling in die Schuldenfalle

In der Schweiz wurden bis heute erst zwei nationale Studien zum exzessiven Geldspiel durchgeführt, die schon einige Jahre zurückliegen. 0,8 bis 2,2 Prozent der Befragten wurden darin als problematische Gambler und 0,5 bis 0,8 Prozent als pathologische (krankhafte) Gambler eingestuft. Betroffen sind in erster Linie jüngere Männer.

Europäische Untersuchungen kamen überraschend zum Schluss, dass nicht die Aussicht auf Gewinn zentraler Beweggrund für das Glücksspiel ist, sondern meistens die Flucht vor Problemen und unangenehmen Gefühlen. Zudem verfügen Jugendliche in der Regel über ein geringeres Einkommen und geraten dementsprechend schneller in die Schuldenfalle.

Gambling hat laut «Sucht Schweiz» nicht nur schwerwiegende Konsequenzen für die spielende Person, sondern auch für ihr soziales Umfeld und die Gesellschaft. Die sozialen Kosten des problematischen Geldspiels in der Schweiz werden auf 551 bis 648 Millionen Franken pro Jahr geschätzt.

Die Anzahl Spielsperren in Schweizer Casinos hat sich in den letzten 15 Jahren verzehnfacht. 2016 war insgesamt 50’262 Personen der Zugang verwehrt. Dennoch nahmen die Erträge aus Casinos und Lotterien zu. 2016 erzielten die Casinos einen Bruttospielertrag von 689,7 Millionen Franken und damit 7,5 Millionen mehr als im Jahr davor.

Sorgen bereitet «Sucht Schweiz» aber auch das sogenannte Social-Gambling, das die Grenzen zwischen Videospielen und Geldspielen fliessend macht und kaum Alterslimiten kennt. Laut dem Bericht sehen Fachleute darin eine Suchtgefahr und eine Rückfallgefährdung für problematisch Spielende.

Aus Sicht der Stiftung unternimmt die Politik auch hier zu wenig – im Gegenteil: Das Parlament habe im Herbst das neue Geldspielgesetz verabschiedet, welches mehr Freiheiten für die Geldspielanbieter vorsieht als für den Schutz der Spielenden. Mit der Öffnung des Geldspielmarktes im Internet sei künftig mit noch mehr problematisch Spielenden zu rechnen.

Immer und überall online

Das Internet ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Der grösste Teil der Bevölkerung nutzt es täglich, beruflich und privat. Für die meisten Personen ist das unproblematisch, doch für einen Teil der Schweizerinnen und Schweizer wird die permanente Verbundenheit zu einer Sucht. Geschätzte 370’000 Personen ab 15 Jahren haben gemäss dem Bericht Mühe, ihren Internetkonsum unter Kontrolle zu halten. Das sind 5,3 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Besonders gefährdet sind Jugendliche. Laut der James-Studie von 2016 besitzen 99 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ein Mobiltelefon, 76 Prozent einen Laptop und 39 Prozent ein Tablet. Ihre durchschnittliche Internetnutzung pro Tag beträgt unter der Woche 2 Stunden und 30 Minuten und am Wochenende 3 Stunden und 40 Minuten.

Dies hat Folgen: Gut jeder vierte 15- bis 19-jährige Schweizer weist einen symptomatischen (risikoreichen) oder gar problematischen Internetkonsum auf. Eine problematische Nutzung zeichnet sich unter anderem durch einen Kontrollverlust und die Weiternutzung trotz schädlicher Folgen aus.

Viele Jugendliche seien im Bann von Onlinespielen, sozialen Netzwerken und Newssites, warnt der Bericht. Das Internet kann demnach als Katalysator für eine Reihe von Verhaltensweisen wirken, die zu einer Abhängigkeit führen können, zum Beispiel Glücksspiele, Pornografie oder zwanghaftes Shopping. Da das Ausmass des Problems eher zunehme, brauche es entsprechende Beratungen und Anlaufstellen, fordert «Sucht Schweiz».

Die Zahl der Internetuser mit problematischem Verhalten wird in der Schweiz auf 70’000 geschätzt. Offen bleibt, inwiefern sich diese Anzahl verändern wird in Anbetracht des steigenden Internetgebrauchs in der Gesamtbevölkerung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 09:52 Uhr

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