So tricksen die Alcopops-Hersteller das Gesetz aus

Zuckerversetzte Spirituosen unterliegen hohen Sondersteuern. Mit sogenannten Gärpops – angepassten Rezepten und Alcopops auf Basis von Wein und Bier – feiern die Getränke nun ein stilles Comeback.

Ziemlich teuer: Alcopops auf Spirituosenbasis.

Ziemlich teuer: Alcopops auf Spirituosenbasis. Bild: Keystone

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Die Klassiker wie Hooch, Bacardi Breezer oder Smirnoff Ice sind aus den Regalen und Bars verschwunden. Nach Einführung der Alcopop-Steuer (siehe rechts) sind diese Getränke für Jugendliche zumeist unerschwinglich geworden, und der Absatz ist jährlich um die Hälfte eingebrochen. Nun stehen neue Produkte in den Regalen und Bars: Litschi-Biere, Kiwi-Weine und Birnen- oder Apfel-Cider. Fast überall erhältlich, süss, berauschend, poppig aufgemacht – und günstig. Alleine in den letzten drei Monaten sind drei neue Produkte von Red Bull und Trojka auf den Markt gekommen.

Deren Vorteil für die Hersteller: Die Mischgetränke auf Basis von vergorenem Alkohol, von Fachleuten Gärpops genannt, können von der Eidgenössischen Alkoholverwaltung (EAV) nicht als Alcopops eingestuft werden. Somit entfällt die 300 Prozent erhöhte Steuer von derzeit 116 Franken pro Liter reinen Alkohol. Die Preise bleiben attraktiv und auch für Jugendliche bezahlbar.

Tricksen bei der Verpackung

Die Alcopops gleich auf Bier- oder Weinbasis zu produzieren, ist der einfachste Weg, die Alcopop-Steuer zu umgehen. Doch die Gärpops alleine vermögen die massiven Umsatzeinbrüche nicht wettzumachen. Zumindest die Gärpops auf Bierbasis leiden gemäss den Zahlen der Eidgenössischen Zollverwaltung unter einem volatilen Absatz. Wurden 2009 noch 27 000 Liter importiert, war es 2010 nur noch die Hälfte.

Die Alkoholimporteure, -hersteller und -vertreiber suchen deshalb nach neuen Möglichkeiten, die Abgabe der Alcopop-Steuer auf anderen Wegen zu umgehen. Die Gärpops sind dabei nur eine Variante alkoholischer Süssgetränke, die nicht unter das Alcopop-Gesetz fallen.«Viele Importeure oder Hersteller versuchen auch, am Rezept zu schrauben. Man mischt ein bisschen weniger Zucker bei oder andere Aromen, die den Alkoholgeschmack überdecken. Oder man macht geltend, dass das Produkt nicht konsumfertig gemischt verkauft werde, wie dies das Alcopop-Gesetz verlangt», sagt EAV-Sprecher Nicolas Rion. Der letzten Variante, dem Verkauf von Alkohol und Limonade in zwei getrennten, allerdings zusammengeklebten Behältern, hat das Bundesverwaltungsgericht Anfang Juli eine Absage erteilt.

«Markt ist wieder in Bewegung»

Beim Tüfteln am Rezept reizen die Hersteller ihren Spielraum derweil immer stärker aus. Von den bei der EAV eingereichten Proben von Mischgetränken mussten 2007 erst 18 darauf geprüft werden, ob sie den Kriterien für ein Alcopop entsprechen. Die Zahl ist kontinuierlich gestiegen. Im ersten Halbjahr 2011 musste die EAV bereits 31 der eingegangenen Proben prüfen. «Der Trend ist klar. Bis Ende des Jahres dürften wir doppelt so viele neue Mischgetränke untersucht haben als noch vor vier Jahren. Der Alcopop-Markt ist wieder in Bewegung», sagt Rion. Allerdings sei nicht damit zu rechnen, dass alle diese Getränke in den Handel kämen. «Das Rezept wird oft so lange angepasst, bis das Produkt nicht nur geschmacklich, sondern auch steuertechnisch optimiert ist», sagt Rion.

Schrauben an der Zuckergrenze

Die Degustationen, welche die Alkoholverwaltung nebst den chemischen Analysen vornimmt, zeigen, dass die Hersteller bei ihren Bemühungen erfolgreich sind. «Ein spirituosenbasiertes Süss-Mixgetränk, das 49 Gramm Zucker pro Liter aufweist und deswegen nicht der Alcopop-Sondersteuer unterstellt werden kann, wurde in der Blinddegustation als genau gleich süss empfunden wie das gleiche Getränk, das im Ausland dreimal so viel Zucker im Rezept aufweist», sagt Rion.

«Ein Akt des Widerstands»

Andreas Affentranger, Präsident des Spirituosenverbands und Chef der Distillerie Diwisa, hält den «Alarmismus» der Alkoholverwaltung für politisch motiviert. «Die Revision des Alkoholgesetzes steht an. Es ist zu befürchten, dass dieses in puncto Steuern und Werbung zuungunsten der Spirituosenbranche verschärft werden soll, während die viel grösseren und mächtigeren Sektoren Bier und Wein unbehelligt bleiben», sagt Affentranger.

Dass die Hersteller sich mit ihren Rezepten dem Alcopop-Gesetz anpassen, ist für ihn nicht nur natürlich, sondern auch ein «Akt des Widerstands gegen die Diskriminierung der Spirituosen». Affentranger selbst hat mit seiner Firma kürzlich zwei Gärpops auf den Markt gebracht. «Es geht uns auch darum, zu zeigen, dass man die Kategorie des Alcopops revidieren muss», sagt er. Man dürfe die spirituosenbasierten Alcopops gegenüber den Produkten auf Wein- und Bierbasis nicht derart benachteiligen. «Bei der heutigen Vielfalt von neuen Bier- und Wein-Mischgetränken sowie aromatisierten Schaumweinen ist die Diskriminierung der Alcopops völlig überholt», sagt Affentranger. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2011, 08:29 Uhr

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