Stipendien fürs Studium? Glückssache

Der Anteil Studenten, die finanzielle Unterstützung erhalten, nimmt laufend ab. Dies verstärke die Chancenungleichheit, kritisieren linke Politiker.

Universitäten und Fachhochschulen sind beliebt: Studenten im Lichthof der Uni Zürich.

Universitäten und Fachhochschulen sind beliebt: Studenten im Lichthof der Uni Zürich. Bild: Petra Orosz /Keystone

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Der Lernhunger der jungen Schweizer ist gross: Zählte das Land im Jahr 2004 rund 480’000 Studenten, Lehrlinge und Mittelschüler, so waren es 2016 bereits 600’000 – eine Zunahme von 26 Prozent. Mit dieser Entwicklung nicht mitgehalten hat die Anzahl Stipendien, welche die Kantone an Studenten und Lehrlinge vergeben: Diese ist konstant geblieben.

Das zeigt der neuste Bildungsbericht, der vergangenen Monat publiziert wurde. Demnach reduzierte sich die Stipendienquote an den Universitäten und Fachhochschulen von 15 Prozent (2004) auf 10 Prozent (2016).

Kürzungen im Aargau

Gleichzeitig nimmt in einigen Kantonen der Druck auf das Stipendienwesen zu. Zwar sorgt ein Stipendienkonkordat seit 2013 für eine gewisse Harmonisierung. Dennoch haben die Kantone weiterhin einen beträchtlichen Spielraum. So hat der Kanton Aargau im Zuge eines Sparpakets kürzlich beschlossen, dass Bezüger von Stipendien nach Ende ihrer Ausbildung dem Kanton ein Drittel des Geldes zurückzahlen müssen.

Der Kanton Luzern unterstützt seit 2014 weniger Studenten und Lehrlinge finanziell, diese erhalten dafür aber einen höheren Beitrag. Und in Zürich hat kürzlich der Entscheid der ETH für Aufregung gesorgt, die Studiengebühren um 500 Franken pro Jahr zu erhöhen. Nach Protesten seitens der Studierenden hielt der ETH-Rat an der Erhöhung fest, beschränkte sie aber auf 300 Franken pro Jahr.

Weniger Geld in Randkantonen

SP-Nationalrätin Martina Munz macht die Abnahme der Stipendienquote Sorgen. «Es findet eine Entsolidarisierung statt, welche die Chancenungleichheit weiter verstärkt», sagt sie. Schon heute studierten vor allem Kinder von finanziell besser gestellten Eltern, während Kinder von weniger gut ausgebildeten Eltern deutlich seltener eine Uniausbildung absolvierten.

Problematisch findet Munz auch, dass in den Kantonen sehr unterschiedliche Kriterien für die Vergabe von Stipendien gelten. «Im Kanton Schaffhausen beispielsweise ist die Schwelle für das Einkommen der Eltern, das zu einem Stipendium berechtigt, sehr hoch angesetzt.» Generell gelte: Je weniger zahlungskräftig der Kanton und je grösser der Spardruck, desto weniger Geld stehe für Stipendien zur Verfügung. «Damit sind die Chancen in Randkantonen geringer, finanzielle Unterstützung zu erhalten.»

Munz weist weiter darauf hin, dass fehlende Stipendien die Studiendauer verlängern und damit die Bildungskosten erhöhen. Die SP-Politikerin fordert deshalb die Kantone dazu auf, das Budget für die Stipendien wieder zu erhöhen. Wichtig sei zudem, über die Kantone hinweg für gleich lange Spiesse zu sorgen.

Keine Zeit für Nebenjobs

Dieser Meinung ist auch Lionel Burri, Vorstand des Verbands Schweizer Studierendenschaften (VSS). Die heutige Situation benachteilige jene, die aus ärmeren Verhältnissen kämen und ein zeitintensives Fach studieren wollten. «Wer an der ETH oder Medizin studieren will, hat keine Zeit für einen 50-Prozent-Job neben dem Studium», sagt Burri.

Dabei zeigten die Zahlen, dass schon heute 22 Prozent der Studierenden neben ihrem Studium mehr als 40 Prozent arbeiteten. Insgesamt gehen laut Bundesamt für Statistik 75 Prozent der Studierenden neben dem Studium einer Arbeit nach, die meisten (52 Prozent) allerdings in Pensen von weniger als 40 Prozent. Wie Munz fordert Burri eine weitere Harmonisierung des Stipendienwesens der Kantone. Zudem müsse auch der Bund seine Ausgaben für die Stipendien wieder erhöhen.

Gute Nachrichten

Ganz anders interpretiert FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen die Zahlen. Wenn die Kantone weniger Stipendien vergäben, sei das eine gute Botschaft. «Das bedeutet, dass sich mehr Personen ein Studium ohne Stipendium leisten können.» Zumal die Kriterien für ein Stipendium entscheidend seien und nicht die Höhe des Budgets. Aus diesem Grund lehnt Wasserfallen auch eine Erhöhung der Stipendien-Budgets ab. Er ist überzeugt: «Wer für sein Studium oder die Lehre nach den vorgegebenen Kriterien finanzielle Unterstützung braucht, erhält sie.»

Auch von einer stärkeren Harmonisierung unter den Kantonen hält der Bildungspolitiker nichts: Das bestehende Konkordat sei flexibler und nehme Rücksicht darauf, dass die Lebenshaltungskosten im Tessin und in Zürich unterschiedlich hoch seien. «Das heutige System funktioniert gut», so Wasserfallen.

Gar nicht nachvollziehen könne er im Übrigen den Aufschrei wegen der geplanten Erhöhung der Studiengebühren an der ETH. «Diese machen den kleinsten Teil der Studienkosten aus.» Selbst mit der Gebührenerhöhung koste ein Studientag an der ETH noch immer lediglich 10 Franken pro Tag – «und das für eine der weltweit besten Universitäten». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2018, 20:14 Uhr

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