Thiel gegen Thiel

Wie sich ein eigentlich Humorvoller selber demontiert.

Ernst, todernst. Mit der Zeit begannen Ihnen, Herr Thiel, die Haare zu Berge zu stehen. Und es kam der Tag, an dem es nicht mehr lustig war mit Ihnen.

Ernst, todernst. Mit der Zeit begannen Ihnen, Herr Thiel, die Haare zu Berge zu stehen. Und es kam der Tag, an dem es nicht mehr lustig war mit Ihnen. Bild: Keystone

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Lieber Andreas Thiel

Am Anfang waren Sie Satiriker. Ein brillanter Satiriker. Wallende Locken, spitze Zunge. Das Champagnerglas in der Hand, nahmen Sie all das aufs Korn, was Ihre Kabarettisten-Kollegen unbeachtet lassen. Sie standen nicht nur auf der Bühne, sondern schrieben auch Kolumnen – witzige fiktive Dialoge, in denen Sie Woche für Woche politisch Korrekte entlarvten. Es war gut, dass es so einen gibt wie Sie, der all die humorlosen Ecken dieser Welt ausleuchtet – auch diejenigen, in die man von der anderen Seite her hineinschauen muss, um klar zu sehen.

Mit der Zeit begannen Ihnen die Haare zu Berge zu stehen. Und es kam der Tag, an dem es nicht mehr lustig war mit Ihnen. Sie wurden ernst, todernst. Sie schrieben in der Weltwoche eine Titelgeschichte über die Abgründe des Korans. Dabei diagnostizierten Sie, dass das Buch zur Gewalt aufruft und darum inakzeptabel ist. Der Artikel war richtig und wichtig. Und mutig dazu. Aber man wusste ab dann nie mehr, ob das, was Sie sagten und schrieben, ein Witz ist oder nicht.

Mit Ihrem Auftritt in der Sendung «Schawinski» erreichten Sie schweizweite Bekanntheit. Es war unglaublich, wie Sie den eigentlich erfahrenen Medienfuchs mit seinen eigenen Waffen schlugen. Roger Schawinski wollte Sie mit flachen Argumenten als Extremisten überführen. Er hätte wissen müssen, dass er mit Ihnen ein rhetorisches Supertalent in seine Sendung geladen hatte. Sie stellten ihn bloss. Er wurde ausfällig. Sie blieben cool. Er kassierte eine Rüge des Ombudsmanns.

Für die «linken Fundis», wie Sie sie nennen, waren Sie von da an ein Dorn im Auge. Und Schawinski machte Stimmung gegen Sie. Sie verloren Engagement um Engagement.

Leider verloren Sie auch die Nerven. Und setzten zur Verteidigung an. Der «böse» Schawinski! Die «bösen» Theaterdirektoren! Und das üble, von Subventionen zerfressene Kulturmilieu!

Nach dem Humor war bald auch die Karriere weg. Und Sie schossen immer wilder um sich. Anfang dieses Jahres schrieben Sie für die Sonntagszeitung eine bitterböse Abrechnung mit Ihrem Intimfeind. Unter dem Titel «Schawinski gegen Schawinski» kamen Sie mit der Nazi-Keule. Sie warfen dem ehemaligen Radiopionier vor, dessen «Tiraden» würden «an die Sprache des Dritten Reichs» erinnern. Schawinski hatte im Rahmen seines Kampfes gegen die No-Billag-Initiative mit Blick auf die Befürworter des Gebührenstopps von einem «tief verwurzelten Hass» gegen die SRG gesprochen. Solcher Formulierungen hätten sich schon die Nazis in ihrer Hetze gegen die Juden bedient, konstatierten Sie.

Man musste leer schlucken.

In Ihrem Interview von letzter Woche in dieser Zeitung wirkten Sie wehleidig. Man musste zum Schluss kommen, dass Sie nicht über die Vergangenheit hinweggekommen sind. Sie arbeiteten sich wieder an Schawinski ab. Und wieder an den Subventionsempfängern. «Künstler werfen sich, sobald sie aus der Fachhochschule kommen, dem Staat an den Hals», sagten Sie. Es schien, dass da ein Enttäuschter spricht, ein Verratener. «Die subventionierten Theater haben nur volles Haus, wenn sie nicht subventionierte Künstler wie mich engagieren», jammerten Sie. Sie sagten auch: «Fundamentalisten haben keinen Humor.» Kann es sein, dass auch Sie inzwischen zum Fundamentalisten geworden sind?

Sie drehen nun einen Film. Es soll eine Komödie geben. Hoffen wir, dass das Projekt gelingt. Und dass der gekränkte Thiel nicht mehr länger dem souveränen Thiel im Wege steht. Es wäre schön, wenn man einfach wieder lachen könnte, wenn Sie auftreten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.02.2018, 07:31 Uhr

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