Tricksereien im Streit um die Ärztelöhne

In der giftigen Debatte um die Einkommen der Mediziner setzen beide Seiten fragwürdige Argumente ein.

Umstrittene Diagnose: Die neue Studie zu den Ärztelöhnen löst einen ungewöhnlich heftigen Schlagabtausch zwischen Bund und Medizinern aus.

Umstrittene Diagnose: Die neue Studie zu den Ärztelöhnen löst einen ungewöhnlich heftigen Schlagabtausch zwischen Bund und Medizinern aus. Bild: Christian Beutler/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Ton ist gereizt. Die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich greift den zuständigen Bundesrat Alain Berset (SP) in Inseraten ungewohnt heftig an. «Haben Sie das nötig?», fragen sie rhetorisch. Aus ihrer Sicht betreibt Bersets Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit «falschen Zahlen» eine «gezielte Fehlinformation», um die Bevölkerung «aufzuwiegeln».

Auslöser des Disputs ist eine neue Studie zu den Ärztelöhnen, die das BAG letzte Woche veröffentlicht hat. Diese kam zum Schluss, dass die Einkommen «bedeutend höher» seien, als es bisherige Erhebungen vermuten liessen. So schrieb es jedenfalls das BAG. In der Tat ergab die Studie für die selbstständigen Ärzte in den Jahren 2009 bis 2014 Medianlöhne von 250’000 bis 257’000 Franken (Medianlohn heisst, dass die eine Hälfte mehr und die andere weniger verdient).

Die letzte vergleichbare Studie kam für 2009 auf einen Wert von nur 190’000 Franken. Dazu hielt das BAG in der Medienmitteilung Folgendes fest: «Die auf Vollzeitstellen standardisierten Einkommen der selbstständigen Ärzteschaft liegen rund 30 Prozent über den bisher publizierten, nicht standardisierten Einkommenszahlen.» Diese Zahl schaffte es denn auch – ohne die komplizierten Relativierungen – in die Medienberichte.

Äpfel und Birnen verglichen

Diesen Vergleich des BAG betrachten Ärzte, die sich mit der Studie befasst haben, als irreführend bis bösartig. Das Problem dahinter: Die frühere Studie gab die effektiven Einkommen der Ärzte an, auch wenn diese nur Teilzeit tätig waren. Die neue Studie hingegen rechnet diese Teilzeiteinkommen konsequent auf Vollzeit hoch. Dies bezeichnen die Autoren als «standardisieren». Allein dadurch sind die neuen Zahlen bedeutend höher, da immer mehr Ärzte Teilzeit arbeiten. Die Aussage des BAG mit den rund 30 Prozent ist aus Sicht der Ärzte unzulässig, weil das Amt damit Äpfel (Teilzeitlöhne) mit Birnen (Vollzeitlöhne) vergleicht.

Auffällig ist jedenfalls, dass die Autoren der Studie, die der Bund extern erarbeiten liess, einen solchen Vergleich nicht machen. Stattdessen liefern sie im Anhang aussagekräftigere Zahlen zur Frage, ob und wie stark die Löhne bisher unterschätzt worden sind. So sieht das Bild schon deutlich weniger krass aus: Vergleicht man Gleiches mit Gleichem, liegt der Anstieg nicht bei den vom BAG erwähnten 30 Prozent, sondern bei 9 Prozent. Warum hat das Amt in seiner Informationspolitik nicht diese Zahl verwendet?

Das Amt sieht kein Problem

Das BAG sieht hier kein Problem: Die Aussage sei korrekt. Man habe ja darauf hingewiesen, dass bei den 30 Prozent standardisierte und nicht standardisierte Zahlen verglichen würden. Das BAG stellt sich auf den Standpunkt, es habe in der Medienmitteilung auch sonst genug klar auf die Unterschiede zwischen der früheren Studie und der neuen Untersuchung hingewiesen. Zudem seien Lohnstatistiken auf der Basis von Teilpensen nicht korrekt.

So oder so bleibt es dabei, dass die Ärztelöhne höher sind als bisher gemeint. Dies begründen die Autoren der Studie primär mit der deutlich umfangreicheren Datenbasis. Für die frühere Studie konnten nur die Einkommensdaten einer einzigen Ausgleichskasse (Medisuisse) verwendet werden, neu sind alle Ausgleichskassen erfasst und somit grundsätzlich auch sämtliche Ärzte. Dies hat gemäss den Autoren den Vorteil, dass nun alle Einkünfte in die Statistik einfliessen. Wenn zum Beispiel ein Spezialarzt gleichzeitig eine eigene Praxis führt und an einem Spital tätig ist, flossen in der früheren Statistik womöglich nur die Einkünfte aus der Praxis ein, neu sind aber auch jene aus der Arbeit im Spital erfasst.

Der Fachmann wundert sich

Gleichzeitig sind aber auch die Ärzte in ihrer Argumentation nicht immer besonders redlich. Die Zürcher Ärzte sprechen von «falschen Zahlen», und auch der nationale Dachverband FMH ortet bei der BAG-Studie «erhebliche Mängel». Ihn stört etwa, dass die Assistenzärzte mit deren tieferen Löhnen nicht erfasst sind. Diese Kritik kann das BAG elegant kontern: Die neue Studie folgt derselben Methodik wie die früheren Lohnerhebungen, welche noch von der FMH selber in Auftrag gegeben worden sind. Die Ärzte kritisieren somit quasi nachträglich ihre eigenen Lohnstudien.

Dies bestätigt Kilian Künzi vom Berner Büro Bass. Er hat früher die Studien zu den Ärztelöhnen im Auftrag der FMH miterarbeitet, nun hat er auch die neue Studie für das BAG mitverfasst. Bei der Methodik gebe es grundsätzlich keinen Unterschied, sagt er, die verwendete Kennzahl – das AHV-pflichtige Bruttoeinkommen – wurde bereits in den früheren Studien der FMH verwendet.

Künzi lässt durchblicken, dass ihn die Aufregung etwas überrascht hat, da die Unterschiede zwischen der früheren und der neuen Studie – wenn man auf Vollzeit hochrechne – gar nicht so gross seien, wie sie nun dargestellt würden. «Schon in den früheren Studien gab es vereinzelt Ärzte, die mehr als eine Million verdienten.» Zurzeit sind es gemäss der Studie 118 von total circa 35’000 berufstätigen Ärzten, die so viel verdienen. Künzi hält dazu nüchtern fest, es sei grundsätzlich nicht ratsam, sich in der Diskussion von statistischen Ausreissern leiten zu lassen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.11.2018, 19:48 Uhr

Artikel zum Thema

Ärzte verdienen deutlich mehr als angenommen

Das mittlere Einkommen liegt bei 257’000 Franken. Eine Studie des BAG belegt zudem, dass die Arztlöhne weit auseinanderklaffen. Mehr...

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...