Übungsabbruch trotz positiver Bilanz

Laut Bund ist die muslimische Asyl-Seelsorge erfolgreich, trotzdem wird sie nicht fortgeführt.

Konservativ oder offen? Seelsorgerin Belkis Osman sagt, sie thematisiere auch die Gleichberechtigung.

Konservativ oder offen? Seelsorgerin Belkis Osman sagt, sie thematisiere auch die Gleichberechtigung. Bild: Keystone

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Der Einsatz von muslimischen Seelsorgern in Gefängnissen und Asylzentren wird von der Öffentlichkeit argwöhnisch beobachtet. So auch im Sommer 2016, als das Staatssekretariat für Migration (SEM) über ein Pilotprojekt für muslimische Seelsorge informierte. Konkret ging es um den Einsatz von drei Seelsorgern im Zürcher Testasylzentrum, in dem der Bund auch die beschleunigten Verfahren erprobte. Gestern zogen die Verantwortlichen vor den Medien in Bern eine positive Bilanz: Der Einsatz der Seelsorger habe sich bewährt, sagte Daniel Keller, Leiter der Abteilung Verfahrenszentren des SEM.

Diese hätten eine Brückenfunktion zwischen den Herkunftsländern der Asylbewerber und der Schweiz wahrgenommen, letztlich aber auch ein «offenes, humanistisches Verständnis des Islam» vermittelt.

Seelsorgerin mit Kopftuch

Dass der Bund allerdings ausgerechnet die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) mit der Durchführung des Projekts betraut hatte, stiess auf Kritik. So befürchtete etwa Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, dass die Seelsorge von konservativen Gläubigen missbraucht werden könnte, um in den Asylzentren für den politischen Islam zu werben. «Der Vioz sind mehrere Diyanet-Moscheen angeschlossen, die direkt von Ankara gesteuert werden», sagt Keller-Messahli. «Wie arabische investigative Journalisten enthüllt haben, bestehen zudem Verbindungen zwischen der Vioz und der islamistischen Muslimbruderschaft.» Unverständlich sei auch, so Keller-Messahli weiter, dass der Bund mit Islamverbänden arbeiten wolle. «Sie vertreten nicht die Mehrheit der Muslime in der Schweiz, sondern nur eine konservative, oft islamistische Minderheit.»

Tatsächlich sorgte letzten November der türkische Imam B. Y., er ist einer der muslimischen Seelsorger im Pilotprojekt, für Schlagzeilen. Türkische und kurdische Asylbewerber fürchteten sich laut Tagesanzeiger vor ihm, da B. Y. zum Stiftungsrat der Türkisch-Islamischen Stiftung für die Schweiz (Tiss) gehöre, dem schweizerischen Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Als verlängerter Arm Erdogans hetze Diyanet seit dem Putsch im Juli 2016 gegen die Fetö, die «Terrororganisation von Fethullah Gülen», und spioniere deren Anhänger auch im Ausland aus. Die Beschwerden seien an Polizei und Nachrichtendienst weitergeleitet worden, sagte gestern Daniel Keller. «Die Abklärungen ergaben, dass nichts Konkretes gegen den Seelsorger vorliegt.» Allein die Gesinnung reiche nicht, um das Arbeitsverhältnis zu beenden.

Einen eher konservativen Eindruck machte auch Vioz-Vizepräsidentin Belkis Osman, eine der drei Seelsorgenden, die gestern mit Kopftuch auftrat, um über ihre Arbeit im Bundesasylzentrum zu berichten. Auf Nachfrage sagte Osman, sie spreche mit den Asylbewerbern auch darüber, dass Frauen und Männer in der Schweiz gleichberechtigt seien, oder dass Frauen leicht bekleidet und alleine auf die Strasse gehen dürften ohne gleich Freiwild für Männer zu sein. Sie sieht sich vor allem für Frauen als Vorbild. «Ich bin Muslima und trage aus religiösen Gründen das Kopftuch, aber ich bin alleine mit Männern unterwegs, fahre Auto und arbeite.» Auch Daniel Keller sieht Osmans Kopftuch eher als Vorteil im Umgang mit muslimischen Asylbewerbern, die frisch in der Schweiz angekommen und mit den hiesigen Gepflogenheiten nicht vertraut seien.

Vorläufiges Ende des Projekts

Erarbeitet wurde das Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit den reformierten und katholischen Landeskirchen sowie mit dem israelitischen Gemeindebund. Mit der wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation des Projektes beauftragte das SEM das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) von der Universität Freiburg. Und auch Evaluator Hansjörg Schmid stellte dem Projekt gute Noten aus: Dieses sei ein klarer Mehrwert für die Asylbewerber aber auch für die Betreuer und die christlichen Seelsorger.

Zwar wird das Pilotprojekt laut Daniel Keller bis Ende Juni verlängert. Danach biete noch eine Person ehrenamtlich muslimische Seelsorge an. Eine Ausdehnung des Projekts auf alle Bundesasylzentren sei jedoch nicht möglich. Etwa weil es an genügend ausgebildeten muslimischen Seelsorgern fehlt. Laut SEM ist ein Lehrgang nötig mit Fokus auf die Seelsorge, das Verhältnis von Kirche und Staat sowie Interreligiosität, der Christen und Muslimen offen steht. Ungelöst ist auch die Finanzierung der muslimischen Seelsorge – das SEM geht von einer Million Franken pro Jahr aus. Bei der christlichen Seelsorge übernehmen die Landeskirchen die Kosten. Keller: «Die muslimischen Organisationen haben erklärt, sie seien nicht in der Lage, die Kosten für die Seelsorge zu übernehmen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.02.2018, 09:43 Uhr

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