«Vier Wochen Vaterschaftsurlaub sind chancenlos»

SVP-Nationalrat Felix Müri lehnt einen Vaterschaftsurlaub dezidiert ab. Väter sollen sich daheim engagieren, sagt er, aber auf eigene Rechnung.

«Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, nach dem Staat zu rufen»: SVP-Nationalrat Felix Müri, hier während der Frühlingssession 2017.

«Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, nach dem Staat zu rufen»: SVP-Nationalrat Felix Müri, hier während der Frühlingssession 2017. Bild: Keystone

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Mein Grossvater durfte bei der Arbeit nicht einmal eine Pause machen, als sein Sohn zur Welt kam. Ist es nicht gut, dass sich die Gesellschaft entwickelt?
Doch. Ich bin anders als mein Vater, und mein Sohn ist wieder anders als ich. Was mir aber Bauchweh macht, ist, dass der Staat zunehmend für alles verantwortlich sein soll. Das wollte mein Vater nicht, und das wollen auch meine Söhne nicht.

Wie wichtig sind die Väter kurz nach der Geburt eines Kindes?
Wichtig. Sie sollen helfen beim Wickeln, Schoppengeben und so weiter. Das fördert die Bindung zwischen Vater und Kind, aber auch den familiären Zusammenhalt. Das Verständnis des Vaters für die Aufgaben der Mutter. Mir war es wichtig, dass ich nach der Geburt meiner vier Kinder je zwei Wochen zu Hause bleiben kann. Das hatte ich mit meinem Arbeitgeber vereinbart. Aber es war ebenso klar, dass ich nachher wieder arbeiten gehe. Meine Frau und ich stammen beide aus traditionellen Grossfamilien, in denen die Mutter immer da war. So wollten wir es ebenfalls machen.

Wenn Väter nach der Geburt zu Hause bleiben wollen, müssen sie – anders als Mütter – Ferien beziehen. Ist das richtig?
Ja. Der Vater soll Ferien beziehen, das sollte ihm die Zeit mit dem Kind wert sein. Mir war sie das wert. Und es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, zu fordern, dass der Staat oder der Arbeitgeber das bezahlen sollen. Im Gegenteil, ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt. In den ersten Monaten nach der Geburt kann man ohnehin nicht verreisen. Warum also nicht die Ferien für den Vaterschaftsurlaub beziehen?

Umfrage

Was für einen Vaterschaftsurlaub wünschen Sie sich?






Können junge Familien alles allein stemmen?
Unsere vier Kinder kamen innerhalb von fünf Jahren zur Welt. Es war eine strenge Zeit. Vorübergehend waren wir froh um die Spitex, die im Haushalt mithalf, die wir zur Hälfte selber zahlten, die andere Hälfte übernahm die Gemeinde bei kinderreichen Familien. Weiter halfen uns die Steuerabzüge von 10'000 Franken pro Kind. Damit konnte ich den 13. Monatslohn praktisch behalten und in die Familie investieren. Heute gibt es so viele staatliche Leistungen im Bereich der Familienpolitik, dass wir den Überblick verloren haben. Wir wissen nicht mehr, was wichtig ist.

Video - Initiative für Vaterschaftsurlaub eingereicht

Die Initiative "Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub - zum Nutzen der ganzen Familie" will vier Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub einführen.

Viele finden: Ein Vaterschaftsurlaub ist wichtig. Mit vier Wochen, wie ihn eine Volksinitiative fordert, oder zwei Wochen, wie ihn das Parlament vielleicht als Gegenentwurf beschliesst. Was meinen Sie dazu?
Man kann über einen Gegenentwurf diskutieren. Aber vier Wochen Vaterschaftsurlaub sind chancenlos, und eine solidarische Finanzierung ebenfalls. Ich lehne beides entschieden ab. Möglich wären Branchenlösungen und Gesamtarbeitsverträge. Aber wir müssen uns grundsätzlich Gedanken machen: Was ist wirklich wichtig in der Familienpolitik? Der Staat engagiert sich schon an so vielen Fronten, man kann ihm nicht immer mehr aufbürden. Auch die Eigenverantwortung leidet darunter, das hat fatale Folgen. Ich bin auch der Ansicht, dass es immer mehr Scheidungen gibt, weil den Leuten alles abgenommen wird. Es schweisst Paare zusammen, wenn sie sich gemeinsam durchbeissen und jeden Franken umdrehen müssen, um eine Familie durchzubringen. Wenn man mit dem Bewusstsein aufwächst, dass einem alle schwierigen Aufgaben abgenommen werden, gibt man viel schneller auf. Als unser viertes Kind zur Welt kam, war ich mit den drei Kindern allein zu Hause, das war ziemlich anstrengend. Aber ich habe die Hilfe meiner Mutter und Schwiegermutter abgelehnt. Ich wollte das allein schaffen.

Was meinen Ihre Söhne zum Vaterschaftsurlaub?
Erstens stelle ich fest, dass Kinderhaben in den Zwanzigern noch kein Thema ist. Meine Kinder haben studiert oder Lehren gemacht und sind in der Weiterbildung oder verdienen Geld. Aber meine Söhne sagen schon, dass sie im Fall einer Vaterschaft Zeit mit den Kindern verbringen wollen. Wenn möglich ein zusätzlich gewährter Urlaub, und sonst innerhalb der regulären Ferien.

Eine Idee, die ebenfalls kursiert, ist der Elternurlaub. Dieser könnte frei zwischen Vater und Mutter aufgeteilt werden. Was halten Sie davon?
Ich finde, es geht vor allem um die Frau und ihre Gesundheit, ihr Wohlergehen. Sie bekommt das Kind, nicht der Mann. Sie muss sich erholen können. Wenn man nun den Urlaub frei aufteilen könnte, würde der Vater vielleicht sagen, ich bleibe daheim, du kannst arbeiten gehen. Das wäre für die Mutter unter Umständen nachteilig.

Aber was, wenn der Mann beispielsweise arbeitslos ist und die Frau nach vier Wochen wieder arbeiten will und kann?
Ich finde, eine Frau soll sich vorher überlegen, ob ihr das Geld wichtiger ist oder das Kind. Wenn sie einen so guten Job hat, dass sie ihn nicht aufgeben will, soll sie sich früh genug fragen: Will ich ein Kind? Wir sind nicht auf der Welt, um en masse Kinder zu produzieren. Man kann damit auch ein paar Jahre warten.

Auch viele konservative, rechts wählende Väter wollen heute Zeit mit ihren Kindern verbringen und stimmen vielleicht Ja zum Vaterschaftsurlaub. Spürt die SVP ihre Basis?
Ja, klar. Es gibt viele wie mich an unserer Basis. Unternehmer oder Landwirte, die sich so etwas wie einen Vaterschaftsurlaub nicht leisten können. Wenn man alle die geforderten Leistungen auf den Tisch legt und ein Preisschild dranhängt, sieht man, was das kosten wird, und man erschrickt. So geht es unserer Basis.

In Sachen Homosexuellen-Ehe ist die Bevölkerung deutlich offener als das Parlament. Das zeigen Umfragen.
Homosexuelle sollen zusammenleben und sich rechtlich absichern können. Aber wie weit muss der Staat eingreifen und Gesetze machen? Es folgt auch immer schon der nächste Schritt. Jetzt geht es bereits um Adoptionsrechte, Eizellenspende, Leihmutterschaft. Das Kind kann unter Umständen seine Wurzeln nicht mehr rückverfolgen, wenn es eine anonyme Spenderin oder ein Spender ist. Wo bleiben die Rechte des Kindes?

Abgesehen von der Rückverfolgbarkeit der eigenen Herkunft – inwiefern sind Kinder benachteiligt, wenn sie zwei Mütter oder zwei Väter haben?
Hier fehlt uns die Erfahrung. Wir wissen nicht, was herauskommt, wenn traditionelle Familienstrukturen aufgebrochen werden und Familien in allen Formen möglich sind. Ich stelle mir vor, dass es Kinder schwieriger haben, die in der Schule merken, dass bei ihnen zu Hause etwas anders ist als bei den anderen. Vielleicht kann ich es mir auch nicht vorstellen, weil ich es nicht kenne. Ich habe weitergegeben, was ich als Kind erlebt habe und sich für mich bewährt hat. Dass man die Ehe im religiösen Sinn nicht öffnet, ist für mich selbstverständlich. Das hat mit dem Glauben zu tun. Die Ehe ist vom lieben Gott vorgegeben. Ich verurteile Homosexualität nicht, bin aber der Meinung, dass gewisse Dinge Eheleuten im traditionellen Sinn vorbehalten sein sollen. Alles andere ist für mich nicht nachvollziehbar, ich kapiere es nicht. Aber vielleicht muss ich das auch der nächsten oder übernächsten Generation überlassen.

Die Wissenschafts- und Bildungskommission des Nationalrats, die Sie präsidieren, hat letzte Woche die Eizellenspende überraschend knapp abgelehnt. Ein Zeichen?
Es waren am Ende der Sitzung nicht mehr alle Kommissionsmitglieder anwesend, sonst wäre der Entscheid deutlicher ausgefallen. Übrigens tun sich viele bürgerliche Politiker schwer mit den Themen Vaterschaftsurlaub, Ehe-Öffnung, Fortpflanzungsmedizin et cetera. Weil sie sich schämen, zu ihrer konservativen Meinung zu stehen. Sie wollen nicht als altmodisch gelten. Es braucht tatsächlich etwas Mut, konservative Ansichten zu vertreten. Wenn ich dieses Interview gebe, weiss ich jetzt schon, was nachher an Rückmeldungen auf mich zukommt. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.07.2017, 18:27 Uhr

Zur Person

Felix Müri (59) hat vier Kinder (Jahrgänge 1990 bis 1995), kommt aus Emmenbrücke LU, und hat früher im Aussendienst Kühlschränke und Waschmaschinen verkauft. Seit rund 20 Jahren hat er ein eigenes Unternehmen, das Küchengeräte importiert. Müri sitzt seit 2003 für die SVP im Nationalrat. Er präsidiert die Kommission für Wissenschaft und Bildung. (bl)

Initiative eingereicht

Väter sollen nach der Geburt eines Kindes mindestens vier Wochen bezahlten Urlaub erhalten. Das fordert die Initiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub – zum Nutzen der ganzen Familie», die am Dienstag eingereicht worden ist. Die Initianten haben 107'106 beglaubigte Unterschriften übergeben. Innerhalb eines Jahres seien mehr als 130'000 Unterschriften gesammelt worden, teilten sie mit.

Der Vaterschaftsurlaub soll wie der Mutterschaftsurlaub über die Erwerbsersatzordnung finanziert werden. Die Kosten betrügen gemäss Berechnungen des Bundesrates von 2013 maximal 380 Millionen Franken. Zur Finanzierung müssten Arbeitgeber und Arbeitnehmer je 0,06 Lohnprozente mehr einzahlen. Hinter der Initiative steht der Verein «Vaterschaftsurlaub jetzt». Dieser wird von den Dachverbänden Travailsuisse, Männer.ch, Alliance F und Pro Familia getragen. Diese hatten die Initiative vor rund einem Jahr lanciert.

Im Parlament hatte der Vaterschaftsurlaub bisher keine Chance. So lehnte der Nationalrat vergangenes Jahr eine parlamentarische Initiative von Martin Candinas (CVP, GR) ab, der einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub forderte. Im März scheiterte ein Vorstoss von Rosmarie Quadranti (BDP, ZH) für eine bezahlte Elternzeit. Noch hängig ist ein Vorstoss von Kathrin Bertschy (GLP, BE). Die Befürworter eines Vaterschaftsurlaubs wollen aber nicht länger auf das Parlament setzen. Nach über dreissig erfolglosen Vorstössen reiche es, schreiben sie. (SDA)

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