Was ist dran, am Mythos HSG?

Die Universität St. Gallen gilt als Kaderschmiede schlechthin. Insider sagen, die Schule sei nicht bloss für eine Elite der Bonzen und Karrieresüchtigen – die Studierenden interessierten sich auch für Inhalte.

Begehrte HSG: 3000 Ausländer absolvieren dieses Jahr Aufnahmetests für 200 Studienplätze.

Begehrte HSG: 3000 Ausländer absolvieren dieses Jahr Aufnahmetests für 200 Studienplätze. Bild: Keystone

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Konfrontiert man Dr. Thorsten Thiel mit dem Klischee des HSG-Studenten, der mit hochgeklapptem Polokragen «Business-Tools» auswendig lernt, um bei McKinsey Karriere zu machen, seufzt er laut auf. Thiel ist Leiter des Career-Service-Centers der Uni St. Gallen (HSG). Sein 11-köpfiges Team gibt pro Semester etwa 1000 Beratungen zu Berufswahl, Arbeitgebertypen oder auch dem Führen erster Lohnverhandlungen. Damit berät das Career-Center knapp ein Sechstel der 6500 Studenten.

Das Bild ist falsch

Thiel kennt die ganze Bandbreite der HSG-Studenten, Weiterbildungsteilnehmer und Alumni. Er ist überzeugt: Das Bild des mehr an Karriere als an Inhalten interessierten HSGlers ist falsch. Zwar gehört McKinsey zu den Wunscharbeitgebern (Grafik rechts). «Aber», kontert Thiel, «demgegenüber stehen fast 38 Prozent unserer Bachelorabgänger und 28 Prozent unserer Masterabsolventen, die bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) einsteigen.» HSG-Studenten wüssten, dass sich der Erfolg eher einstelle, wenn man in einem Beruf arbeite, der einen interessiere. Stark zugenommen habe auch ihr Interesse an der Pharma- und Energiebranche. Ihre Vorlieben ähnelten denen von Studenten an anderen Universitäten.

Doch müssen sie mit 1020 Franken etwa ein Drittel höhere Semestergebühren bezahlen als ihre Kollegen in Zürich und Basel. Nichtschweizer bezahlen nochmals 150 Franken mehr. Bei Neueinschreibungen gilt ein maximaler Ausländeranteil von 25 Prozent. Aktuell kämpfen 3000 ausländische Bewerber bei Aufnahmetests um 200 Studienplätze.

Persönlichkeit und Netzwerk

Was die HSG ausmacht, sind Praxisnähe, Persönlichkeit und Netzwerk. «Der Slogan stimmt: Die HSG fordert und fördert Persönlichkeiten», schreibt Unternehmensberater Hannes Grassegger* (27). Er hat 2006 abgeschlossen, studierte in Singapur und lernte Italienisch in Florenz. Für ihn steht die HSG kulturell den Liberal Arts Colleges der USA nahe. In St. Gallen fand er eine «Elite der Ideenreichen, durchaus auch kritischen, aber proaktiven Menschen, nicht eine Elite der ‹Bonzen›.»

Vernetzung wird gefördert durch das gemeinsame erste «Assessment»-Jahr aller Fachrichtungen, die Alumni und die «Paten». Zu Studienbeginn habe sie eine «Patin» aus einem höheren Semester bekommen, die ihr geholfen habe, sich zurechtzufinden, erzählt eine Absolventin. Der Zusammenhalt trage sich fort im HSG-Alumni-Netzwerk, das ihr geschäftlich und persönlich sehr nütze. Die Atmosphäre des Social Networks mit 19 000 Mitgliedern sei wie an der Uni: motiviert, fröhlich, hilfsbereit.

Kleiner Frauenanteil

Auch Grassegger traf in New York Schweizer Diplomaten und sass in Boston am HSG-Stammtisch. Doch grenzt er ein: Ruf und Netzwerk der HSG seien im deutschen Sprachraum zwar definitiv karrierefördernd. Darüber hinaus – vor allem in den USA – weniger. Auch die propagierte Internationalität sei begrenzt. Drei Viertel aller 2000 Ausländer an der HSG stammen aus Deutschland und Österreich. Und: Nur 30,5 Prozent der Studierenden sind Frauen. In der Professorenschaft liegt der Frauenanteil bei etwa der Hälfte des Schweizer Schnitts von 14 Prozent. «In manchen Kursen waren wir zwei von fünfzig», erinnert sich eine BWL-Studentin, Kolleginnen hätten deswegen abgebrochen. Für Berufseinsteiger sind die Gehaltsunterschiede zwischen HSGlern und anderen Absolventen nicht signifikant, wie auch Thiel zugibt. Grosse Unternehmen hätten da klar definierte Lohnbandbreiten, egal wer anklopfe.

*Namensvetter des Autors (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2010, 23:00 Uhr

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