«Wer einmal gepfuscht hat ...»

Ablauf-Fleisch in den Offenverkauf: Was Konsumentenschützerin Sara Stalder zu den Machenschaften bei Coop sagt. Und was sie von den Massnahmen des Detailhändlers hält.

Fleisch im Offenverkauf ist eine Vertrauenssache: Coop-Kunde wartet auf seine bestellte Ware.

Fleisch im Offenverkauf ist eine Vertrauenssache: Coop-Kunde wartet auf seine bestellte Ware. Bild: Keystone

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In Coop-Filialen wurde abgepacktes Fleisch, das abzulaufen drohte, ausgepackt und offen verkauft. Sind Sie überrascht?
Weil die Lebensmittelkontrolle Sache der Kantone ist, bin ich nicht überrascht. Jeder Kanton ist in diesem Bereich selber organisiert. Das heisst, die Kontrollen sind nicht überall genau gleich scharf, was solchen Machenschaften Vorschub leistet. Sehr erstaunt bin ich aber, dass so etwas offenbar in grösserem Stil bei einem Grossverteiler vorkommt.

Haben wir nun mit dem Coop-Fall den Gammelfleischskandal, wie ihn Deutschland vor Jahren hatte?
Nach dem, was wir heute wissen, ganz klar nein. In Deutschland wurde schon lange abgelaufenes Fleisch neu abgepackt oder mit starker Marinade offen weiterverkauft. Was damals geschah, war ganz klar gesundheitsgefährdend.

Aber auch bei Coop wurde Fleisch am Ablauftag in den Offenverkauf genommen. Man kann davon ausgehen, dass diese Ware auch einen Tag später noch verkauft wurde.
Hier sind wir bei einem wichtigen Punkt, nämlich dem ökologischen Aspekt. Bei uns werden viele Esswaren weggeworfen, obwohl sie noch problemlos geniessbar sind. Wir haben nichts dagegen, wenn Fleisch auch am Ablauftag noch offen verkauft wird. Aber: Es muss ganz klar so deklariert werden mit entsprechender Preiskorrektur.

Coop hat das Auspacken und im Offenverkaufanpreisen jetzt grad ganz untersagt.
Diese Strategie musste der Grossverteiler vermutlich einfach wählen, weil er sofort das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen muss.

Sind die hiesigen Lebensmittelkontrollen ungenügend?
Wie gesagt, der Kantönligeist ist in diesem Bereich ein Problem. Viele kantonale Lebensmittelkontrollen sind zu wenig umfassend und oft personell zu schwach dotiert. Hier gibt es Nachholbedarf. Wir fordern schon lange vermehrt risikobasiertes Kontrollieren. Das heisst: Wenn einmal jemand gepfuscht hat, muss er verstärkt kontrolliert werden – eine schwarze Liste quasi. Und die Berichte der letzten Lebensmittelkontrollen müssten – mit einem vereinfachten System, etwa Smileys oder Ampel – offengelegt werden.

Ein Todesurteil für Händler oder auch Restaurants.
Es braucht Transparenz. Der Kanton Zug zum Beispiel praktiziert das seit knapp drei Jahren, allerdings noch auf freiwilliger Basis.

Hatten Sie das Thema schon vorher auf der Tagesordnung?
Bei den Herkunftsdeklarationen haben wir schon lange ein Problem. Nicht nur beim Fleisch, sondern auch bei Früchten und Gemüse. Es ist natürlich lukrativ, ausländische Ware als Schweizer Produkte zu verkaufen. Ich sage nicht, das passiere systematisch. Aber vermischt ist noch schnell mal was.

Ablaufdatum-Fleisch im Offenverkauf und falsche Herkunftsdeklaration. Wie kann sich der Konsument schützen?
Wenn man sichergehen will, dürfte man nur noch abgepacktes Fleisch kaufen. Aber das ist zumindest ökologisch fragwürdig. Bei Offenware ist es für den Konsumenten sehr schwierig. Kenner sehen Veränderungen bei der Farbe des Fleisches, beim Fisch sind es die Augen. Will man beim gewürzten Fleisch sicher sein, sollte es erst vor den Augen des Kunden mariniert werden.

Sie sagen, in der Schweiz werden zu viele Esswaren weggeworfen. Tun Sie etwas dagegen?
Wir prüfen eine Kampagne zu diesem heiklen Thema. Grundsätzlich sollten wir wieder sensibler werden, was die Geniessbarkeit von Esswaren anbelangt und mit gesundem Menschenverstand urteilen.

Also auch mal abgelaufene Ware essen?
Das Ablaufdatum ist vor allem einmal eine Sicherheitslinie für die Detailhändler. Wir können davon ausgehen, dass hier einige Tage Marge drin sind. Und ein Joghurt lässt sich problemlos auch kurz nach Ablauf noch konsumieren, wenn es keine anderen Verfallserscheinungen wie zum Beispiel Schimmel aufweist.

Ist das Bonussystem am Fall Coop schuld?
Klar birgt das Gefahren. Sollte es sich aber wirklich, wie vom Kassensturz berichtet, nur um 1000 Franken handeln, kann es nicht daran liegen. Es ist ja auch richtig, wenn die Detailhändler dazu angehalten werden, haushälterisch mit ihrem Lebensmittelsortiment umzugehen.

Coop verweist nun auf seine Ombudsstelle, um weiteren möglichen Fällen auf die Schliche zu kommen. Ist das die Lösung?
Für Coop ist das natürlich der einfachste Weg, weiteren Fällen Vorschub zu leisten. Grundsätzlich gehören solche internen Meldestellen in jeden grösseren Betrieb. Am Schluss ist es aber eine Frage der Betriebskultur, ob diese auch wirklich ihren Dienst tun.

Coop öffnet gegen Ende Woche die Türen seiner Metzgereien. Bringt es das?
Das ist ein Marketing-Gag, dessen Nutzen ich nicht sehe. Zudem ist auf der Homepage von Coop dazu noch immer kein Hinweis, was mich zusätzlich an der Ernsthaftigkeit der Aktion zweifeln lässt.

Abschliessend, was muss Coop nun tun?
Coop muss all die Inputs aufnehmen, die intern nun an das Unternehmen herangetragen werden. Er muss das Gespräch mit den Filialen und entsprechenden Behörden der Kantone suchen. Dem Problem ist auf den Grund zu gehen und entsprechende Konsequenzen sind gefordert. Und Coop muss die Ergebnisse der Abklärungen transparent machen, damit das Vertrauen der Käufer wiederhergestellt werden kann. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2011, 15:10 Uhr

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