Wie die Tamil Tigers in der Schweiz zu 60 Millionen Franken kamen

Erstmals zeigt sich, dass tamilische Rebellen mit illegalen Methoden Geld beschafften. Derzeit befragt die Bundesanwaltschaft Zeugen in Sri Lanka.

Schweizer Staatsanwälte befinden sich in der Hauptstadt Sri Lankas: Ein sri-lankischer Soldat steht Wache während ein ehemaliger Tamil-Tiger-Kämpfer der Küste in Colombo entlangspaziert. (Archivbild Keystone)

Schweizer Staatsanwälte befinden sich in der Hauptstadt Sri Lankas: Ein sri-lankischer Soldat steht Wache während ein ehemaliger Tamil-Tiger-Kämpfer der Küste in Colombo entlangspaziert. (Archivbild Keystone)

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Seit Dienstag sind zwei Staatsanwälte des Bundes und fünf Kriminalpolizisten in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas. Bis zum Donnerstag nächster Woche befragen sie Zeugen im Rahmen des Strafverfahrens, das in der Schweiz gegen frühere Mitglieder des hiesigen Ablegers der Rebellenarmee LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) geführt wird. Es geht um Drohungen, Erpressung, Geldwäscherei und Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation. Den LTTE-Leuten wird vorgeworfen, zur Finanzierung des Unabhängigkeitskrieges Landsleute in der Schweiz erpresst zu haben.

Die Sitzungen in Colombo dauern von morgen früh bis abends spät und werden am Wochenende nicht unterbrochen. Im Raum sitzen auch Vertreter der Regierung Sri Lankas, die vor drei Jahren den 30-jährigen Krieg gegen die Rebellen gewonnen hat.

Bereits jetzt ist klar, dass die LTTE Schweiz hierzulande Geld mit illegalen Methoden beschafft und nach Sri Lanka geschickt hatte. Das haben die bisherigen Untersuchungen ergeben, die seit 2009 geführt werden. Die Bundesanwaltschaft hat herausgefunden, dass zwischen 1999 und Mai 2009 60 Millionen Franken nach Sri Lanka geflossen sind. Ein Teil des Geldes setzte sich aus Spenden zusammen, die in der tamilischen Diaspora gesammelt wurden. Ein anderer Teil bestand aus illegalen Krediten.

Tamilen sassen auf Schulden

Dabei gingen die LTTE in der Schweiz so vor: Sie beschafften für Landsleute gefälschte Lohnabrechnungen. Mit diesen erhielten Tamilen Kredite bei Banken, meist zwischen 70'000 und 100'000 Franken. Die Höhe entsprach keineswegs den realen Einkünften. Weil die LTTE die Zinsen zahlten, willigten ihre Landsleute aber ein. Die Bundesanwaltschaft geht von 130 Fällen aus.

Das System funktionierte jahrelang reibungslos. Laut der Bundesanwältin Juliette Noto, die die Untersuchung leitet und derzeit in Colombo ist, wurden Tamilen in der Schweiz selten unter Druck gesetzt. Wer sich aber weigerte, solche Kredite aufzunehmen, der bekam dies in der Heimat zu spüren: Entweder wurde er bei der Rückkehr bedroht und geschlagen, oder Angehörige hatten Nachteile.

Das Geldbeschaffungssystem brach mit der militärischen Niederlage der Rebellen im Mai 2009 zusammen. Von da an erhielten die Tamil Tigers kaum noch Spendengelder, mit denen sie die Zinsen bezahlt hatten. Die einfachen tamilischen Arbeiter in der Schweiz sassen aber auf ihren Schulden. Ihre Not veranlasste Dutzende, bei der Bundesanwaltschaft auszusagen. Bei einer Razzia im Januar 2011 wurden 10 Personen festgenommen, die zur Führungsriege der LTTE Schweiz gehörten.

Bundesanwältin Noto will in Colombo herausfinden, wohin das Geld floss. In der tamilischen Diaspora in der Schweiz ist es ein offenes Geheimnis, dass damit Waffen gekauft wurden. Marcel Bosonnet, der Anwalt des früheren Schweiz-Chefs der LTTE, sagt, ein Teil des Geldes sei an Hilfswerke gegangen. Was mit dem Rest passierte, wisse sein Mandant nicht: Das sei vor Ort entschieden worden. Bosonnet und die anderen Anwälte der Beschuldigten verfolgen die Zeugenbefragung auf Video in einem Raum der Bundesanwaltschaft in Bern.

Ursprünglich sollten auch sie nach Colombo reisen – doch sie erhielten keine Visa. Das ist mit ein Grund, warum Bosonnet von einem «Sonderverfahren» spricht. Die Untersuchung entspreche auch deshalb nicht rechtsstaatlichen Standards, weil er seine Fragen schriftlich einreichen müsse und Zeugen nicht erscheinen, die er befragen wolle.

Konzessionen an Colombo

Bundesanwältin Noto räumt ein, dass sie gegenüber der sri-lankischen Regierung Konzessionen machen musste. Zum Beispiel sei es problematisch, dass sich Colombo weigere, einen Zeugen aufzubieten, der für die Verteidigung wichtig sei. Im Allgemeinen laufe das Verfahren aber wie in der Schweiz ab.

Dass die Anwälte kein Visum erhielten, hatte sie selber veranlasst. Und zwar aus folgendem Grund: Die Regierung in Sri Lanka forderte, dass die Anwälte in einem Nebenraum Platz nehmen müssten. Die Befragungen sollten per Video dorthin übertragen werden. Laut Noto sei dagegen nichts zu machen gewesen. Um Spesen zu sparen, ordnete sie daraufhin an, dass das Video nach Bern übertragen wird. Und sagte der Regierung in Colombo, sie müsse keine Visa ausstellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2012, 07:15 Uhr

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