Wie ein Tamile in der Schweiz erpresst wurde

Nach der Verhaftung mehrerer Tamil Tigers erzählt der Zürcher Tamile K. A., wie ihn die Rebellen zwangen, Schulden zu machen.

Viele Menschen flüchteten vor dem Krieg.

Viele Menschen flüchteten vor dem Krieg. Bild: Keystone

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Sie sind Ende zwanzig, verdienen im Gastgewerbe 3800 Franken brutto und haben für die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) einen Kredit aufgenommen. Wieso?
Ich musste. Der Finanzchef der LTTE hat das von uns verlangt. Sie haben mich und meinen Onkel unter Druck gesetzt.

Wie lief das genau ab?
Beim ersten Mal im Sommer 2008 verlangte er von mir, dass ich 45 000 Franken aufnehmen sollte. Wir kannten das Vorgehen, mein Onkel hatte früher schon solche Kredite aufgenommen. Die LTTE hatten aber die Raten abbezahlt.

Wie haben Sie reagiert?
Ich wollte nicht. Zuerst hat er nur angerufen, beim zweiten Mal kam er vorbei und drohte mir.

Darauf nahmen Sie den Kredit auf, obwohl Sie und Ihr Onkel bereits ziemlich verschuldet waren?
Ja. Die LTTE drohten, meiner Mutter und meiner Familie in Sri Lanka würde etwas passieren. Ausserdem könne ich nie mehr nach Hause fahren. Im Dezember kamen sie wieder und verlangten nochmals Geld. Mein Onkel nahm 40 000 Franken zusätzlich auf, auch weil er sich moralisch-politisch verpflichtet fühlte. 2008 haben wir also zusammen für die LTTE 85 000 Franken Schulden gemacht, rückzahlbar über fünf Jahre. Die LTTE versprachen aber, dass sie die Kredite abbezahlen würden.

Haben sie das getan?
Ein paar Monate lang; ab März 2009, als der Konflikt in Sri Lanka eskalierte und der Kontakt schwierig wurde, hörten ihre Zahlungen auf. Dann erhielten wir Mahnungen und Betreibungen und mussten die Raten bezahlen.

Wie hoch war der Zins?
12,5 Prozent.

Haben Sie wirklich geglaubt, dass die LTTE die Raten bezahlen würden?
So erlebte es mein Onkel. Mit den grossen Krediten unterstützten sie Waffenkäufe für den Kampf der Brüder. Mit den Spenden der Exilgemeinde sollen sie die Ratenzahlungen finanziert haben.

Sie arbeiten im Gastgewerbe. Wie haben Sie den Kredit bekommen?
Es lief direkt über zwei tamilische Kreditvermittler, die mit der LTTE zusammenarbeiten. Sie beschafften den Kredit – in unserem Fall bei der Bank-now, einer Tochterfirma der Credit Suisse. Ich glaube, sie verwendeten falsche Lohnangaben, aber gesehen habe ich es nicht. Wir mussten uns nicht darum kümmern. Einmal ging das Geld direkt an den Kreditvermittler und von dort an die LTTE. Beim andern Mal hoben wir es von unserem Konto ab und übergaben es.

Haben Sie mit der Bank zu reden versucht?
Ja, ich konnte erreichen, dass meine Monatsraten gesenkt wurden.

Wie verbreitet ist diese erzwungene Kreditaufnahme durch die LTTE?
Viele Kollegen haben Schulden. Der finanzielle Druck führt in ihren Familien zu Alkoholproblemen, zu Scheidungen und häuslicher Gewalt. Vor allem 2008, als die Lage der Befreiungstiger schwierig wurde, nahm das mit den erzwungenen Krediten zu. Ich kenne Leute, die haben 100 000 Franken aufgenommen.

Gingen Sie nicht zur Polizei, weil der Kampf für die Befreiung der Heimat auch Ihrer war?
Ja, ich war sogar selber bei den LTTE, als ich noch in Sri Lanka lebte. Nach meiner Haft flüchtete ich in die Schweiz. Aber die Sympathien für die LTTE sind heute weg, weil man auch weiss, dass das Geld aus der Schweiz zum Teil in die eigenen Taschen gewisser Leute geflossen ist. Alle, die in der Schweiz für die LTTE arbeiteten, haben Gelder geklaut.

Reden Sie heute, weil Sie keine Angst mehr vor den Tigern haben?
Heute weiss ich, dass ich nicht mehr nach Sri Lanka kann.

Weshalb also reden Sie nur anonym?
Ein kleiner harter Kern der Tigers existiert noch und versucht, Druck auf die Leute auszuüben, sie dazu zu bringen, neue Kredite aufzunehmen.

Wie wollen Sie ihre Schulden je zurückzahlen? Ich weiss nicht. Wir bezahlen, so gut es geht. Aber wir werden zu einem Anwalt gehen, denn Raten von 2400 Franken im Monat verkraften wir nicht mehr lange. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2011, 10:09 Uhr

Waren auf das Geld von ihren Landsleuten im Ausland angewiesen: Tamil Tigers (Aufnahme von 1997). (Bild: Keystone )

Bundesanwaltschaft

Die Bundesanwaltschaft, welche die Razzia gegen die Tamil Tigers durchführte, sagt nicht, wie genau Kredite erpresst wurden. Es sei aber «über mehrere Gesellschaften» gelaufen. Man habe eine «solide Pyramidenstruktur» aufgebaut. Auf Anfrage bestätigt die Banknow, eine Kleinkredittochter der Credit Suisse, dass sie von der Bundesanwaltschaft kontaktiert worden sei. Sie hat ausserdem Kenntnis von einem Kunden, der Anzeige einreichte, weil er von der LTTE zu einem Kredit gezwungen worden sei. Unter Verdacht stehen zwei tamilische Kreditvermittler.

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