Hintergrund

«Wie eine Müllkippe in der Dritten Welt»

Die Fotos vom verlassenen Open-Air-Gelände in St. Gallen werfen Fragen auf. Lässt sich das nicht vermeiden? Wir haben bei den Organisatoren und bei Bastien Girod, Nationalrat der Grünen, nachgefragt.

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«Das Sittertobel sieht aus wie eine Müllkippe in der Dritten Welt», sagt der grüne Politiker Bastien Girod. Wir erreichen ihn, als in der nationalrätlichen Umweltkommission gerade das Thema Littering diskutiert wird. «Das ist der Ausdruck unserer Wegwerfgesellschaft. Man lässt das Zelt lieber stehen, als dass man es abbaut, nach Hause nimmt, reinigt und für den nächsten Gebrauch einlagert. Ein trauriges Bild.»

30'000 Leute waren vier Tage im St. Galler Sittertobel. Sie haben Konzerte erlebt, den Regen verflucht, im Schlamm getanzt und Abfall hinterlassen. Viel Abfall. «Es werden auch dieses Jahr um die 200 Tonnen sein», sagt Mica Frei, der als Mitglied der Geschäftsleitung des Open Air St. Gallen zuständig ist für Bauten, Technik und das Gelände. «Wir haben rund 500 Zelte abgeräumt. Die meisten waren in schlechtem Zustand.»

Die wenigen Zelte, die in gutem Zustand waren, wurden gereinigt, getrocknet, verpackt und einem guten Zweck zugeführt. «Wir unterstützen verschiedene Hilfswerke», sagt Frei. In diesem Jahr wurde zum ersten Mal die Aktion «Love your tent» durchgeführt. Jeder, der sein Zelt beim Verlassen des Areals als Spende für einen guten Zweck abgegeben hat, wurde mit zehn Franken belohnt. «Wir hatten eigentlich gehofft, dass so viele intakte Zelte zusammenkommen. Aber am Ende haben wir auch zehn Franken für Zelte gegeben, die direkt in den Müll wanderten.»

Mit der Aktion ist man trotzdem zufrieden. «Es ist recht gut gelaufen. Es wurden zwischen 300 und 400 Zelte abgegeben. Ich könnte mir vorstellen, dass wir so etwas wieder machen», sagt Frei. «Wir haben schon so viel probiert: Wettbewerbe, Flyer und Abfallsäcke verteilt, Aufrufe, aber eigentlich sind die 200 Tonnen nicht mehr Müll, als die Leute in vier Tagen zu Hause produziert hätten.» Eine Studie der Weltbank, wonach jeder Schweizer pro Tag 2,61 Kilo Abfall produziert, bestätigt die Annahme.

Trotzdem ortet der grüne Nationalrat Bastien Girod Verbesserungspotenzial: «Man müsste es mit einer Littering-Busse angehen.» Es wäre allerdings schwierig, auszumachen, wer sein Zelt liegen lässt. Die Besucher packen am Morgen ihre Ware und gehen an die Konzerte und verlassen danach das Gelände, ohne noch einmal zum Zelt zurückzukehren. «Deshalb müsste man auch über den Preis gehen, damit es sich der Zeltbesitzer zweimal überlegt, ob er ein intaktes Zelt einfach zurücklässt», sagt Girod.

«Wenn der Bund für Zelte Vorschriften macht über Rezyklierbarkeit von Materialien sowie modulare Bauweise, damit ein defektes Zelt repariert werden kann, dann verteuert sich die Herstellung, der Preis für den Konsumenten wird höher. Dann lohnt es sich auch für den Konsumenten nicht mehr, das Zelt einfach wegzuwerfen.» Bis dahin kostet das günstigste Zweierzelt weniger als 20 Franken. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.07.2013, 14:16 Uhr

Bastien Girod ist Umweltwissenschaftler und Nationalrat der Grünen Partei Schweiz.

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