Altschnee – die unsichtbare Gefahr am Berg

Ein Forscher hat einen Zusammenhang zwischen Altschnee und der Häufigkeit von schweren Lawinenunglücken entdeckt.

Könnten mutierte Schneekristalle die Lawine begünstigt haben? Der Snowboarder Alfons Garcia entkommt knapp einer Lawine. Video: Tamedia / Vizzr

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ausgiebige Schneefälle haben Anfang Woche das Oberwallis und dort vor allem die Vispertäler lahmgelegt. Einen Tag lang galt dort die – selten ausgerufene – höchste Alarmstufe. Nun klingt die Lawinengefahr ab. Gleichzeitig wird das Wetter für Touren abseits der Pisten gut. Doch Sonnenschein in den Bergen und ein günstigeres Lawinenbulletin heissen noch lange nicht freie Fahrt.

Frank Techel vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) fand Überraschendes heraus, als er analysierte, wo Lawinen Wintersportler töten: Nicht unbedingt dort, wo besonders häufig Skitourengänger abseits der Pisten unterwegs sind, sind immer auch die meisten Opfer zu verzeichnen. Eine Erklärung liegt tief drinnen im Schnee: Zu gries- oder zuckerartigen Körnern mutierte Schneekristalle können wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen, und die darüberliegenden Schneeschichten als Lawine abgleiten.

Naturgewalt: Ein französischer Tourist filmt einen Lawinenabgang in Grindelwald. Video: Tamedia/Storyful via Yohann Carboue

Ohne Anzeichen

Wer auf so einer Schneedecke Ski fährt, sieht von blossem Auge nichts – bis sich explosionsartig ein Schneebrett löst und auf dem instabilen Grund abrutscht: «Da solche Lawinen tiefer anreissen als Neuschneelawinen und sich mehr ausbreiten, werden sie auch grösser», erläutert Techel. Eine sogenannte Skifahrerlawine bewege oft mehrere Hundert Tonnen Schnee und fahre mit mehr als 50 Kilometern pro Stunde zu Tal. «Das ist, als ob einige Lastwagen gleichzeitig einen mitreissen.» Kommen sie dann zum Stillstand, drücken einem Verschütteten, der einen Meter unter dem Schnee liegt, mehrere 100 Kilogramm auf die Brust. Hat er sich nicht schon vorher verletzt, droht der Erstickungstod. Statistisch überlebt nur rund die Hälfte aller Verschütteten.

Regionen mit einem ausgeprägten Altschneeproblem – schwache Schichten verborgen in der Schneedecke – liegen oft in den inneralpinen Gebieten des Wallis und Graubündens. Dies ist eine mögliche Erklärung für die häufigeren schweren Lawinenunglücke mit Verletzten, Verschütteten oder gar Todesfällen in Graubünden und im Wallis. Techel will seinen Befund aber vorsichtig interpretiert haben: «Uns fehlen exakte Grundlagen.» Wie viele Wintersportler sich abseits von Pisten tummeln, lasse sich nur annähernd ermitteln. Die Auswertungen des SLF basieren auf den in einschlägigen Plattformen auf Social Media festgehaltenen Touren (Bergportal.ch und Camptocamp.org).

Keine Frage ist aber, dass viel mehr Personen abseits von Pisten unterwegs sind: Studien des Bundesamts für Sport belegen, dass sich die Zahl der Tourentage in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdreifacht haben. Waren es 1999 noch rund 700’000 Tage, ergab die breit angelegte Umfrage 2013 schon 2,2 Millionen. Dabei wurden nur Skitouren- und Schneeschuhläufer erfasst. Freerider, also Wintersportler, die den Berg nicht zu Fuss erklimmen, bleiben aussen vor. Rund zwei Drittel der rund 22 bis 23 Lawinentoten pro Jahr betreffen die erste Kategorie, ein Drittel entfällt auf die zweite.

Bewusstsein für «Altschnee» fehlt

Forscher des SLF konnten zeigen, dass sich Schneesportler abseits von Pisten einem grösseren Risiko aussetzen, je höher die Lawinengefahr gemäss der fünfteiligen Skala des Lawinenbulletins ist. Während Tourengeher dann und bei schlechtem Wetter öfters auf Touren verzichteten, konnte Techel dies nicht erkennen, wenn im Bulletin vor der Altschneeproblematik gewarnt wurde. Tückisch am Altschneeproblem ist, dass es oft schwierig erkennbar ist, über längere Zeit erhalten bleibt und erst abnimmt, wenn die schwachen Schichten mit viel Schnee überdeckt worden sind. Da in den inneralpinen Gebieten meist weniger Schnee fällt, bleibt die Gefahr länger akut. Und selbst wenn sie dann sinkt, erlebt sie im Frühjahr oft ein Comeback, wenn der Schnee schmilzt und Wasser in die Schneedecke eindringt.

Entfesselte Naturgewalt: Eine Lawine donnert bei Anzere den Berg hinunter. Bild: Keystone / Jean-Christophe Bott

Die instabile Schicht im Schnee entsteht laut Techel wegen des Temperaturunterschieds zwischen dem Boden, oft bei null Grad, und der kalten Schneeoberfläche. Eine instabile Schicht kann auch an der Oberfläche entstehen, wenn in der Nacht Feuchtigkeit zu feinen Reifblättchen erstarrt. Fällt dann Neuschnee darauf, sind sie zwar nicht verschwunden, aber von oben unsichtbar. Zu erkennen sind solche schwachen Schichten nur in Schneeprofilen. In diesem Winter haben die grossen Schneefälle das Problem, das anfänglich fast in allen Regionen vorhanden war, vielerorts gemildert, aber nicht überall: «Aktuell ist es vor allem in den inneralpinen Regionen von Graubünden und im Wallis zu beachten», sagt Techel.

Das SLF empfiehlt in diesen Fällen, grosse Steilhänge zu meiden. Besondere Vorsicht sei in schneearmen Bereichen oder bei Übergängen von viel Schnee zu wenig Schnee geboten. Das Lawinenbulletin weist jeweils auf die Gefahr hin, heute im Engadin und in Südbünden.

Erfahrung gaukelt Sicherheit vor

In einem im letzten Juni veröffentlichten Fachbeitrag mahnen die beiden Lawinenwarner Techel und Kurt Winkler davor, sich der falschen Sicherheit hinzugeben, welche die Erfahrung vieler Touren verspricht. Nicht etwa «junge Wilde» seien statistisch gesehen die häufigsten Lawinenopfer, sondern Männer zwischen 30 und 59 auf Tourenski, unterwegs in Hängen mit einer Altschneeproblematik bei der Gefahrenstufe erheblich (Stufe 3 in der fünfteiligen Skala). (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2018, 13:27 Uhr

Artikel zum Thema

«So hoch war die Lawinengefahr letztmals vor neun Jahren»

SRF-Meteorologin Daniela Schmuki erklärt die besondere Wetterlage im Wallis. Mehr...

Tourist filmt Lawinenabgang in Grindelwald

Video Spektakuläre Bilder aus den Berner Alpen. Ein französischer Tourist filmt in Grindelwald einen Lawinenabgang. Mehr...

Blog

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die 5 neusten Haartrends
Mamablog Die Sprache macht Ihr Kind zum Stereotyp
Sweet Home Unter Dach und Fach

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Die Welt in Bildern

Reich beschmückt: Eine Tänzerin in Mumbai wartet hinter den Kulissen auf ihren Auftritt. Zusammen mit anderen Transfrauen sammelt sie Geld für ihre Gemeinschaft. (20. September 2018)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...