An wen wir die Ärzte verlieren

Trotz Ärztemangel hängen viele Mediziner in der Schweiz ihren Kittel an den Haken. Andere Branchen profitieren.

Jeder Zehnte geht: Ärzte im Operationssaal. (Archivbild)

Jeder Zehnte geht: Ärzte im Operationssaal. (Archivbild) Bild: Keystone

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Es herrscht Ärztemangel – und ein Teil der ausgebildeten Ärzte wandert in andere Branchen ab. Pro Abschlussjahrgang der Humanmedizin verliert die Schweiz rund zehn Prozent der 800 Mediziner. Zu diesem Befund kommt eine Studie des Büros Vatter und des Forschungsinstituts GFS. Die Zahl liegt zwar tiefer als gemeinhin vermutet, ist aber für einen Berufsstand, der ohnehin schon massgeblich auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen ist, einschneidend.

Als Gründe für den Berufsausstieg nennen die Ärzte gemäss der Befragung am häufigsten die Arbeitsbedingungen. Ein Maximum von 50 Wochenstunden wäre gesetzlich festgeschrieben. Doch faktisch liege das Pensum meist deutlich höher, sagt Nico van der Heiden vom Verband der Assistenz- und Oberärzte (VSAO). Dazu komme der Schichtbetrieb mit Nacht- und Wochenenddiensten. Dieser ist besonders bei Ärztinnen ausschlaggebend für den Berufswechsel. Denn mit den unregelmässigen Einsatzzeiten lässt sich eine Familie nur schwer vereinbaren. Mit dem zunehmenden Frauenanteil im Beruf wird sich das Problem noch verschärfen. Gefordert werden deshalb mehr Teilzeitstellen auf allen Hierarchiestufen und betriebsnahe Kinderbetreuungsplätze mit langen Öffnungszeiten.

Abgang in die Pharmabranche

Fast die Hälfte der abwandernden Mediziner steigt noch vor dem Facharzttitel aus. Beliebt ist ein Wechsel in die Pharmaindustrie oder die Medizinaltechnik. Weitere Tätigkeitsfelder finden sich in der Prävention oder bei Versicherungen. Damit bleibt zwar ein Teil der ausgebildeten Ärzte dem Gesundheitsbereich im weiteren Sinn erhalten. Dennoch ist es das Ziel der Ärztevereinigungen, die ausgebildeten Mediziner im Beruf zu halten. Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen soll der Anziehungskraft anderer Tätigkeiten entgegenwirken.

Zum Beispiel die Arbeitszeiten: Mit einem Jobwechsel kommen die ausgebildeten Ärzte dem Ideal der 42-Stunden-Woche deutlich näher. Zudem verdienen sie in anderen Branchen besser. Das mag besonders in der Assistenzzeit, in der viele der Abgänger ihrem Beruf den Rücken kehren, eine starke Motivation für einen Wechsel sein. Damit dieses Verhältnis wieder angemessener ist, gäbe es gemäss van der Heiden eine einfache Lösung: Durchschnittlich wenden Ärzte pro Woche 30 Stunden für die Administration auf. Doch Berichte verfassen und Dienstpläne machen – das könnte auch nicht medizinisch ausgebildetes Personal. Stationssekretariate seien eine Möglichkeit, wie Ärzte entlastet werden könnten. Auch die Ärzteverbindung FMH sieht Potenzial in den Sekretariaten, um die Ärzte «weg vom Papier und zurück zum Patienten zu bringen», wie Vizepräsident Christoph Bosshard sagt. In Spitälern sind diese bislang noch wenig verbreitet. Einer flächendeckenden Einführung dürften allerdings die Kosten im Weg stehen. «Makabrerweise ist ein Assistenzarzt aufgrund seiner vielen Überstunden die günstigere Lösung», gibt van der Heiden zu bedenken.

Ärzte auf Zeit

Um dem Bedürfnis der Ärzteschaft nach einer besseren Work-Life-Balance nachzukommen, hat das Schweizer Institut für Ärzterekrutierung das Modell «Ärzte auf Zeit» entwickelt. Dabei können Praxen und Kliniken für einen definierten Zeitraum Mediziner anfordern, um personelle Engpässe zu überbrücken. Zum Einsatz kommen zum einen in die Familienarbeit involvierte Ärzte, zum anderen bereits pensionierte Mediziner. Die FMH sieht in solchen Modellen Chancen – sofern tatsächlich sichergestellt werde, dass die Arbeitsbedingungen dieser «Ärzte auf Zeit» nicht schlechter als diejenigen der Festangestellten seien. Der VSAO gibt dem Ansatz als «Nische» eine Zukunft, «aber kaum als Lösung für alle Schweizer Spitäler», wie van der Heiden sagt.

Die medizinische Ausbildung gilt als teuerstes Studium. Die Kosten werden in verschiedenen Studien unterschiedlich beziffert und dürften bis zu 125'000 Franken pro Studienjahr betragen. Obwohl jeder zehnte Arzt abwandert, sei das Potenzial nicht verloren, sagt Volkswirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger. Der Beitrag der Ärzte zum Allgemeinwohl sei im Spital oder in der eigenen Praxis nicht höher als etwa in der Pharmabranche. Auch Bosshard sagt: «Zwei Drittel der Ärzte, die ihren Beruf verlassen, wechseln in Aufgabenbereiche, in denen medizinisches Wissen von Nutzen oder sogar Voraussetzung ist.» Der Pharmakonzern Novartis betont, auf Ärzte angewiesen zu sein – sie würden aber nicht gezielt angeworben. Sprecher Markus Jaggi sagt, Mediziner würden nicht nur ausgebildet, um Allgemeinpraktiker zu werden. «Das Medizinstudium ist Grundlage für viele Berufe und Industrien.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.08.2016, 17:35 Uhr

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