Der Migros-Mann im Bundeshaus

Mit dem Lobbyisten Martin Schläpfer beim Polit-Dinner. Zum Job meint er: «Wir haben schon Abende gehabt, da sagst du: oh, là là.»

Martin Schläpfer rüstet an der Soirée Sélection Äpfel für seine Gäste, die Politiker aus dem Bundeshaus. Foto: Nicole Philipp

Martin Schläpfer rüstet an der Soirée Sélection Äpfel für seine Gäste, die Politiker aus dem Bundeshaus. Foto: Nicole Philipp

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Zu Beginn steht der Lobbyist alleine in der Küche. Martin Schläpfer raspelt Äpfel. Dann kommt SVP-Ständerat Alex Kuprecht, greift sich eine Schürze und brät den Zander. CVP-Ständerat Filippo Lombardi betritt die Küche, sieht EVP-Nationalrätin Marianne Streiff und sagt: «Schau an, eine weitere Frau am Herd.» SP-Nationalrat Eric Nussbaumer trottet hinzu, kochen will er heute nicht.

Schläpfer begrüsst die Politiker herzlich – alles andere wäre eine Untertreibung. «Sali, Alex, hoi, Eric!» Da ein Spruch, dort drei Küsse. Er ist der Mann des Abends, seinetwegen sind sie zur zwölften Soirée Sélection in Bern gekommen. Kochen und essen und trinken beim einstigen Sternekoch Urs Hauri. Berühmt, berüchtigt, begehrt. 40 Menschen sind auf der Gästeliste, ein Bruchteil jener, die auch gerne kommen würden. Hier sind Politiker, Chefbeamte, Verbandsfunktionäre, Journalisten. «Die Mischung machts», sagt Schläpfer. Der Mann ist Cheflobbyist der Migros, 63 Jahre alt, Ende Jahr tritt er ab.

Schläpfer ist ein Mann von mächtigem Wuchs und mit einem Schnauz, der den Proportionen entspricht. «Gross in jeder Beziehung», nennt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel den Lobbyisten Schläpfer. Es gibt hier keinen, der negativ über den Schaffhauser spricht. Im Gegenteil: Man trauert bereits heute über seinen baldigen Abgang. «Leute wie Schläpfer sterben aus», sagt Kuprecht. Schläpfer ist ein Lobbyist der alten Schule, sein Handwerk das Reden. Powerpointpräsentationen sind ihm fremd, auf Papier verteilte Abstimmungsempfehlungen ebenfalls. Politiker mögen das. Viele moderne Lobbyisten nehmen heute Dutzende Mandate von unterschiedlichen Auftraggebern wahr. Schläpfer hat nur einen: die Migros.

Stunden zuvor sitzt Schläpfer in seinem Büro in der Berner Altstadt und erklärt den Beruf des Lobbyisten, wie er ihn sieht. Eine Bezeichnung, die Lobbyisten übrigens nur mässig mögen, ein Geschmäckchen umweht ihre Arbeit. Lieber nennen sie sich Politberater, Public-Affairs-Experte oder Brückenbauer.

Sind Sie ein guter Lobbyist?
Ich habe einfach meinen Job gemacht. Gutes Lobbyieren ist eine Gratwanderung. Es erlaubt keinen Fehltritt. Sonst ist die Glaubwürdigkeit weg.

Kann man Entscheide kaufen?
Nein. Mit Geld kann man ein optimales Umfeld schaffen, aber keine Entscheide kaufen. Politiker lassen sich nicht unter Druck setzen.

Kann man Politiker täuschen?
(Denkt lange nach) Nein. Vielleicht sagt man nicht immer alles zum Thema.

Kaum einer kennt das Bundeshaus so gut wie Martin Schläpfer. Er war 18 Jahre Bundeshausjournalist und wechselte im Jahr 2003 die Seiten, um Cheflobbyist der Migros zu werden. Sein Anspruch: möglichst alle zu kennen.

Schläpfers Leben ist Bern. Seine Frau hat er im Bundeshaus kennen gelernt. Sie sagt über ihn, dass ihm das Reden mehr läge als das Zuhören. Tatsächlich: Wenn Schläpfer einmal in Fahrt kommt, neigt er zu Monologen. Schläpfer netzwerkt, ohne etwas im Gegenzug zu fordern. Sagt er. Wird bestätigt durch die Politiker. Er geht mit manchen Parlamentariern Tennis spielen, er organisiert Golfturniere, er hat einen Stammtisch für welsche Politiker ins Leben gerufen, das Détachement Moléson. Und da ist die Soirée Sélection. Es scheint, als schaffe der apérogestählte Schläpfer schöne Orte für Politiker, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig dringt er beiläufig in deren Unterbewusstsein. Ganz im Sinne seiner Auftraggeberin.

Kritik gibt es kaum, und wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand. «Die feine Klinge ist nicht sein Ding.» Heisst: Schläpfer kann laut werden. Er sagt, manchmal habe er einen emotionalen Schub. Wer eine Schwäche derart gekonnt kaschiert, der weiss auch geschickt seine Argumente zu platzieren.

Er sieht sich als Lobbyist alter Schule: Verbindungen knüpft Martin Schläpfer im persönlichen Gespräch. Foto: Nicole Philipp

Seine vielleicht grösste Leistung hat er aber nicht im Umgang mit Politikern vollbracht, sondern beim eigenen Arbeitgeber. Dank Schläpfer hat die Migros heute eine politische Meinung. Etwa bei der Altersvorsorgereform 2020. Die Migros unterstützte diese, obwohl sie dadurch nicht mehr Eier oder Milch verkauft. Schläpfer betont die gesellschaftliche Verantwortung des grössten privaten Arbeitgebers der Schweiz, einerseits. Andererseits weiss er: Politik ist ein Geben und Nehmen. Irgendeinmal zahlt sich das aus.

Mitte November hielt Schläpfer eine Rede an der Universität St. Gallen. Der Nichtakademiker erklärte den Studenten sein Wirken und zog Bilanz. Folie 13: Die wichtigsten Leistungen der vergangenen zwölf Jahre. Grün eingefärbt die Erfolge. Rot die Misserfolge. Die Folie ist mehrheitlich grün, doch ein paar rote Felder gibt es. Eines schmerzt ihn besonders, er wird es an der Soirée Sélection noch mehrmals wiederholen, mal als Nebensatz, mal als leichte Spitze gegenüber den Parlamentariern: Die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten haben sie 2016 bachab geschickt. War nicht in seinem Sinn.

Überzeugen Sie einen Linken anders als einen Rechten?
Schwierige Frage. Beide neigen dazu, tendenziell weniger beweglich zu sein als die Politiker in der Mitte.

Was ist effektiver: ein Mittagessen oder vorgeschriebene Vorstösse?
Mit präparierten Texten zu hausieren, das ist nicht mein Stil. Ich spreche immer zuerst mit den Parlamentariern. Wenn aber ein Politiker mich bittet, für ihn eine Motion vorzubereiten, dann mach ich das.

Wen gehen Sie eher an, einen Nationalrat oder ein Ständerat?
Im Nationalrat gibt es heute bei wichtigen Geschäften den Fraktionszwang, das heisst, man darf nicht gegen die Parteilinie stimmen. Deshalb ist es meist sinnvoller, einen Ständerat anzugehen. Die sind unabhängiger, da ist mein Einfluss grösser. Vielleicht sind auch deshalb so viele Ständeräte an der Soirée Sélection, sechs von 46 sind da. Es ist eine Tradition, dass der Ständeratspräsident eine Rede hält und der Genfer Ständerat Robert Cramer jeweils mit viel Schnörkel die sechs Weine auf der Menükarte hochleben lässt. «Das ist für mich kein Lobbyanlass», sagt SVP-Ständerat Alex Kuprecht, «das ist Freizeit.» Schläpfer sagt, das Schöne an diesem Abend sei gerade das Informelle, man könne auch einmal ohne Stress und Druck fragen: «Wo klemmts?»

Das Lobbyistengeschäft hat sich in den vergangenen 20 Jahren verändert – es ist zur Boombranche geworden. Bis in die 90er-Jahre ging nichts ohne die Big Linkers, mächtige Männer aus der Wirtschaft, die im Militär hohe Grade hatten und gleichzeitig Politik machten. Alle Fäden liefen bei diesen wenigen, meist freisinnigen Männern zusammen, begleitet von einem steten Filzverdacht.

Seither hat eine Professionalisierung stattgefunden, Agenturen entstanden wie jene von Farner oder Furrerhugi, die beiden Marktführer. Und damit stieg auch die Zahl der Lobbyisten. Zu viele habe es, eine Gedränge sei es mittlerweile im Bundeshaus, sagen die Politiker an der Soirée Sélection. «Sie nehmen uns im Café die Plätze weg», sagt Eric Nussbaumer. Dichtestress im Bundeshaus. CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt sagt, manchmal wisse man gar nicht mehr, für was die Lobbyisten stehen, so viele Mandate hätten sie.

Schläpfer sieht das kritisch, genauso wie die mangelnde Selbstkritik seiner Branche. «Die grössten Lobbyisten hocken bereits im Bundeshaus», sagt er. Parlamentarier, die in Verbänden aktiv sind oder als Verwaltungsräte bei Firmen. Schläpfer hat über die Jahre beobachtet, wie sich immer mehr Politiker bereits in der Amtszeit mit Mandaten auf die Zeit als Nichtpolitiker vorbereiten. Er hält dies für die bedenklichste Entwicklung.

Wie wichtig ist das Duzen?
Eine ganz heikle Frage. Eigentlich trägt man als Lobbyist einem Parlamentarier kein Du an.

Sie sind aber mit vielen per Du.
Das stimmt. Das ergibt sich daraus, dass man sich seit Jahren kennt und sich immer wieder begegnet.

Hilft Alkohol beim Lobbyieren?
Alkohol ist ein gängiges Genussmittel. Es ist so, man trinkt. Für einen Abstinenzler wäre es schwierig in gewissen Runden. Wir haben schon Abende gehabt, da sagst du: oh, là là. Da lernte man einen Parteipräsidenten oder einen künftigen Bundesrat von einer ganz anderen Seite kennen.

Es ist mittlerweile 21.34 Uhr an der Soirée Sélection. Am Tisch mit den welschen Politikern um Ständeratspräsident Jean-René Fournier und Ex-Nationalratspräsident Dominique de Buman haben sie zusammen mit Filippo Lombardi zu singen begonnen, zweistimmig, gar nicht mal so schlecht. Koch Hauri wird am Tisch verlangt, die Politiker umtreibt eine Lust nach Whiskey. Schläpfer sitzt eine Reihe weiter und unterhält seinen Tisch, er besitzt auch die seltene Gabe des Conferenciers.

Als der Abend schon fast zu Ende ist, erhebt sich Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen. Er hält eine Rede auf die Migros, er dankt für die Zusammenarbeit und spricht davon, dass die Migros «die besten Rahmenbedingungen» brauche. Das erste Mal an diesem Abend geht es um knallharte wirtschaftliche Interessen der Migros. Kathy Riklin verabschiedet sich mit einem klingelnden Telefon. Filippo Lombardi kämpft mit dem Einschlafen, immer wieder fallen ihm die Augen zu, und selbst Martin Schläpfer raunt seinem Tischnachbar einen Scherz zu. Nicht allen fällt das Lobbyieren gleich leicht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.12.2018, 19:20 Uhr

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