Bund verfälscht Zahlen über Suizide

Privatwaffen sind bei steigenden Zahlen an Selbsttötungen nicht das Hauptproblem.

Schweizer Sturmgewehre 90, die vor der Entlassung der Soldaten überprüft werden.

Schweizer Sturmgewehre 90, die vor der Entlassung der Soldaten überprüft werden. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Die politische Schweiz steht am Vorabend eines bedeutenden Entscheids über ein neues Waffenrecht. Hintergrund dafür ist eine neue EU-«Feuerwaffenrichtlinie», die gemäss offizieller Lesart das blutige Handwerk von Terroristen erschweren soll. Die EU-Staaten haben am Dienstag in Luxemburg die Verschärfung des Waffenrechts definitiv beschlossen.

Die Schweiz als Schengen-Mitglied hat die neuen Regeln grundsätzlich zu übernehmen. Das Justizdepartement von Bundesrätin Simonetta Sommaruga ist dieser Tage damit beschäftigt, die Vorgaben in schweizerisches Recht zu überführen. Das Referendum dagegen angekündigt haben der Schweizer Schiesssportverband (SSV) und Pro Tell, die Gesellschaft für ein freiheitliches Waffenrecht.

Eine alte Debatte

Neben den politischen Linien, die den Krach über ein verschärftes Waffenrecht prägen, spielt in der Argumentation von Befürwortern und Gegnern der Schutz vor Waffengewalt und die Verhinderung von Suiziden mit Waffen eine wichtige Rolle. Mit einer parlamentarischen Initiative fordert etwa Nationalrätin Chantal Galladé (SP, ZH) unabhängig vom neuen EU-Gesetz eine Verschärfung des Waffenrechts. Die Sicherheitspolitikerin will einen Bedürfnisnachweis für Waffenbesitzer, den Mitglieder von Schützenvereinen oder auch Jäger gut erbringen können – viele andere Waffenbesitzer, die nicht regelmässig trainieren aber nicht. Galladé argumentiert in ihrem Vorstoss, mit früher erfolgten Verschärfungen des Waffenrechts habe die Zahl der Schusswaffentoten in der Schweiz mehr als halbiert werden können. Von 466 im Jahr 1998 auf 222 im Jahr 2012. Dieser Rückgang genüge nicht. «Auch 222 Schusswaffentote in der Schweiz sind zu viel», sagte sie dem Blick. Daher sei eine erneute Verschärfung nötig.

Auffällig ist, dass in diesem Zusammenhang Argumente neue Nahrung finden, die sich Waffenbesitzer und ihre Gegner bereits vor sechs Jahren um die Ohren schlugen, als es um die (später abgelehnte) Waffen-Initiative ging. «Mörder und Selbstmörder gibt es auch ohne Sturm- und Sportgewehre», sagen die einen, «jede Waffe weniger in einem Haushalt ist ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft», die anderen. Was sagen die Fakten? Zu klären ist dabei vorab der Begriff «Schusswaffentote», der auch in den Angaben des Bundesamts für Statistik auftaucht.

Darin enthalten sind einerseits Suizide, die den überwiegend grossen Teil ausmachen, und andererseits Fremd­tötungen. So finden sich unter den von Nationalrätin Galladé erwähnten 466 Toten durch Schusswaffen 413 Suizide im Jahr 1998 sowie 205 Suizide von insgesamt 222 Schusswaffentoten im Jahr 2012.

Ein Arzt klärt auf

Das Problem: Nennt man ausschliesslich den Begriff «Schusswaffentote», kann der Eindruck entstehen, es gebe in der Schweiz viele Gewalttaten, bei denen Menschen erschossen werden. Tatsächlich aber ist die Zahl der Schusswaffentoten beinahe ausschliesslich auf Suizide zurückzuführen.

Geänderte Methode im Bundesamt für Statistik. Die Bedeutung von Schusswaffen als Suizidinstrument ist seit Langem sehr gering. Im Grossformat anzeigen.Grafik BaZ/Monika Müller

Der Arzt und Schütze Luca Cettuzzi, ein Tessiner, der in der Deutschschweiz lebt und arbeitet, ist der Sache näher auf den Grund gegangen. Ihm fällt auf, dass eine geänderte Methode im Bundesamt für Statistik dazu führt, dass die Anzahl Suizide gesamtschweizerisch rückläufig erscheint (blaue Linie oben). Tatsächlich aber steigt sie (schwarze Linie). Doch nicht nur das. Mit der neuen Methode ab 2009 wird die Be­deutung von Schusswaffen als Suizid­­instrumente nach oben gedrückt. Der Grund für diese «Verfälschung» ist, dass das Bundesamt für Statistik assistierte Suizide separat ausweist, also die Sterbehilfe. Damit rückt die Schusswaffe in der Rangliste der häufigsten Suizid­methoden von Platz vier auf Platz drei vor. Bis 2009 war die Schusswaffe konstant auf Platz vier und damit abgeschlagen an letzter Stelle. Die Bundesstatistiker insinuieren mit der Auslagerung der begleiteten Vergiftungen (Sterbehilfe) rückläufige Zahlen bei Selbsttötungen –bei hoher Wichtigkeit von Waffen.

Die BaZ zeigt auf (siehe Grafik), wie in der Gesamtzahl der Selbsttötungen assistierte und nicht assistierte Vergiftungen zusammengeführt sind (schwarz). Ebenfalls ersichtlich ist die deutliche Zunahme der begleiteten Suizide (türkis). Die Bedeutung von Schusswaffen ist seit Jahren auf tiefem Niveau rückläufig. Für Cettuzzi ist klar: «Die Bedeutung von Schusswaffen als Suizidinstrumente ist seit Langem sehr gering. Ich vermute aufgrund der Entwicklung der letzten Jahre schwer, dass eine zugänglichere Sterbehilfe dazu geführt hat, dass viele Suizide, die früher mit einer Schusswaffe begangen worden wären, nun unter Begleitung einer Sterbehilfeorganisation erfolgen.»

Dass Selbsttötungen oft aus dem Affekt erfolgen, weil gerade eine Waffe da ist – auch dies darf aufgrund der vollständigen statistischen Zahlen angezweifelt werden. Denn die Beanspruchung der Sterbehilfe entspricht wohl kaum einer Kurzschlusshandlung.

Wer die Zahl Suizide in der Schweiz reduzieren will, müsste nicht bei einem verschärften Waffenrecht ansetzen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.04.2017, 14:49 Uhr

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