Erbitterter Kampf um das Erbe von Pascale Bruderer

Jetzt kandidiert im Aargau auch noch Cédric Wermuth für den Ständerat. Es kommt zum Grosskampf zwischen SVP, SP und CVP.

«Die Verteidigung des Sitzes von Pascale Bruderer wird für die SP eine grosse Herausforderung»: Wermuth kündigt auf Facebook seine Ambitionen an.

«Die Verteidigung des Sitzes von Pascale Bruderer wird für die SP eine grosse Herausforderung»: Wermuth kündigt auf Facebook seine Ambitionen an. Bild: Keystone

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Vergesst Zürich! Vergesst Bern! In den beiden grössten Deutschschweizer Kantonen ist vom eidgenössischen Wahlkampf 2019 bis jetzt so gut wie nichts zu spüren. Im Aargau jedoch ist er bereits jetzt, 14 Monate vor der Wahl, voll entbrannt. Allein heute Donnerstag haben zwei national bekannte Politiker ihre Kandidatur für den Ständerat angemeldet. Am frühen Morgen stieg SP-Nationalrat Cédric Wermuth ins Rennen. Und nur wenig später teilte die CVP Aargau mit, dass auch ihre Präsidentin Marianne Binder in den Ständerat will.

Provoziert wird der ungewöhnlich frühe Wahlkampfstart im drittgrössten Deutschschweizer Kanton durch die frühe Rücktrittsankündigung von Pascale Bruderer. Schon im Januar hat die erst 41-jährige SP-Ständerätin überraschend ihren Rückzug aus der Politik per Ende Legislatur bekannt gegeben. Das weckt nun links wie rechts Gelüste.

  • Die SVP – mit 38 Prozent Wähleranteil und sieben Nationalräten die stärkste Partei im Aargau – hatte ihren Ständeratssitz 2011 an Bruderer verloren und will ihn jetzt um jeden Preis zurückholen. Schaffen soll das der Nationalrat und Müllereiunternehmer Hansjörg Knecht, der allerdings bis jetzt in Bern unauffällig geblieben ist. Am 29. August wird die SVP Knecht offiziell nominieren.
  • Für die CVP – die bei den Wahlen 2015 nur noch 8,6 Prozent und ein einziges Nationalratsmandat erzielte – geht es darum, den Absturz in die politische Bedeutungslosigkeit zu stoppen. Diese Aufgabe soll nun Binder schaffen. Binder erlangte als langjährige Kommunikationschef der CVP Schweiz nationale Bekanntheit, ist politisch angriffig und gilt als enge Vertraute des nationalen Parteichefs Gerhard Pfister. Offiziell nominiert wird Binder von einer CVP-Delegiertenversammlung am 21. August.
  • Für die SP stellt sich angesichts dieser Konkurrenz fast eine Mission impossible. Bei den letzten Wahlen erzielte sie im Aargau nur 16 Prozent Wähleranteil und zwei Nationalratsmandate. Und dass ein Aargauer Sozialdemokrat ins Stöckli einzieht, kommt im konservativen Kanton ohnehin äusserst selten vor. Vor Pascale Bruderer schaffte das nur ein einziger Aargauer SP-Politiker – in den 1940er-Jahren.

Gibts in der SP eine zweite Bruderer?

Als Pascale Bruderer 2011 erstmals ins Stöckli gewählt wurde, war das darum eine politische Sensation. Möglich wurde sie, weil Bruderer ein liberales Image hat, das sie bis weit ins bürgerliche Lager hinein wählbar macht. Der einzige andere Aargauer SP-Politiker, der ähnlich breit abgestützt ist, wäre SP-Regierungsrat Urs Hofmann. Doch Hofmann hat eine Ständeratskandidatur ausgeschlossen. Auch die ehemalige grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli hätte sich Chancen ausrechnen können, genügend bürgerliche Stimmen zu mobilisieren, um Bruderers Ständeratssitz im linken Lager zu halten. Doch auch Hochuli hat bereits abgesagt.

Anders als die pragmatischen Exekutivpolitiker Hochuli und Hofmann steht Cédric Wermuth für eine dezidiert linke Politik. Seine politische Revoluzzerjahre als aufmüpfiger Juso-Chef sind noch nicht vergessen. Doch Wermuth ist nicht der einzige SP-Kandidat für die Bruderer-Nachfolge. Vor ihm hat bereits seine Nationalratskollegin Yvonne Feri ihr Interesse angemeldet. Damit steht der SP Aargau nun eine spannende Kampf- und Richtungswahl bevor. Anders als Wermuth gehört Feri dem Reformflügel der SP an, zu dem sich auch Pascale Bruderer zählte. Am 26. September kommt es an einem ausserordentlichen Parteitag zum Showdown zwischen Feri und Wermuth.

FDP-Ständerat Müller gibt Rätsel auf

Stille Zuschauerin in diesem Dreikampf zwischen SVP, SP und CVP ist die FDP – bis jetzt jedenfalls. Der Freisinn besetzt mit dem prominenten Philipp Müller, Ex-Präsident der FDP Schweiz, derzeit den zweiten Aargauer Ständerat. Falls Müller 2019 nochmals antritt, ist ihm sein Sitz so gut wie sicher. Doch kandidiert er tatsächlich noch einmal? Seit Monaten spannt Philipp Müller Freund und Feind auf die Folter. Auch als ihn diese Zeitung am Mittwoch nach seinen Plänen für die Wahl fragte, antwortete Müller knapp, damit befasse er sich nicht.

Für einen Rücktritt Müllers spricht, dass er 2019 bereits 67-jährig sein wird und auf eine sehr lange Politikerlaufbahn zurückblicken kann. Tritt nach Bruderer auch noch Müller ab, würde der Aargauer Ständeratswahlkampf noch brisanter. Gegen einen Rücktritt Müllers spricht jedoch, dass er erst vor vier Jahren Ständerat wurde und seine Partei damals von mindestens zwei Amtszeiten ausging. Würde Müller jetzt aufhören, riskiert die FDP den Sitzverlust.

Die meisten Aargauer Politbeobachter gehen daher davon aus, dass Müller 2019 nochmals antritt, aber bereits ein oder zwei Jahre später vorzeitig zurücktreten wird. Auf diese Weise könnte er dem Aargauer FDP-Baudirektor Stephan Attiger, dessen Amtszeit in der Kantonsregierung 2020 endet, den Weg ins Stöckli ebnen.

So oder so steht der Aargau vor einem Kräftemessen mit offenem Ausgang, bei dem für alle grossen Parteien viel auf dem Spiel steht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 14:16 Uhr

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