Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl

Wie private Sozialfirmen mit Steuergeldern und ohne Erfolgskontrolle wirtschaften. Die Zahl der Personen, die im Sozialwesen tätig sind, hat sich seit 1991 verdoppelt.

Steigende Sozialhilfekosten. Wenn die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde eine Familienbetreuung anordnet, kann das teuer werden (Symbolbild).

Steigende Sozialhilfekosten. Wenn die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde eine Familienbetreuung anordnet, kann das teuer werden (Symbolbild). Bild: Keystone

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Einer eritreischen Mutter mit sieben Kindern verdankt die Zürcher Gemeinde Hagenbuch, dass das 1000- Seelen-Dörfchen zwischen Winterthur und Frauenfeld seit 2014 in der ganzen Schweiz bekannt ist. Der Unterhalt der kinderreichen Frau kostete die Gemeindekasse 60'000 Franken im Monat, was die Stimmberechtigten so erzürnte, dass sie an der Gemeindeversammlung das Budget ablehnten. Hagenbuch wurde zum Synonym für die Auswüchse in der Flüchtlingsbetreuung.

Dabei gibt es Grund zur Annahme, dass es auch anders gegangen wäre. Anfänglich kümmerte sich die Gemeinde selbst um die Flüchtlingsfamilie und beauftragte vier Personen damit, der Frau im Alltag und bei der Kinderbetreuung unter die Arme zu greifen – zum Gemeindetarif von 30 Franken pro Stunde. Gemeindepräsidentin Therese Schläpfer (SVP) ist überzeugt, dass diese Bemühungen gefruchtet hätten. Zum einen, weil die Gemeinde allein schon aus finanziellen Gründen an einer gelungenen Integration interessiert sei. «Zum andern hätten wir mit der Kürzung der Sozialhilfe Druck machen können, falls die Familie nicht kooperiert.»

Immer mehr Familiencoaching

Doch es kam anders: Nach zwei Monaten – die eritreischen Kinder hatten gerade ein paar Briefkästen und Strassenlaternen zerstört – ging bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eine Gefährdungsmeldung ein. Die Behörde übernahm den Fall und beauftragte eine private Firma mit der professionellen Familienbegleitung. Ab diesem Zeitpunkt hatte die Gemeinde nichts mehr zu sagen, erhielt keine Informationen mehr, sondern nur noch Rechnungen.

Hagenbuch ist ein Extremfall, aber kein Einzelfall. Das Familiencoaching oder die sozialpädagogische Familienbegleitung ist ein Zweig der Sozialarbeit, der in den letzten Jahren stark gewachsen ist – was nicht zuletzt mit der steigenden Zahl von Flüchtlingen zu tun hat. Dass häusliche Gewalt bei Migranten häufiger ein Thema ist, zeigte nicht nur eine Studie des Kriminologen Martin Kilias – es deckt sich auch mit den Erfahrungen mancher Kesb. Allerdings spricht man dort nur hinter vorgehaltener Hand darüber. Vor allem muslimische Familien seien problematisch, etwa weil die Männer ihre Frauen daheim einsperrten, sagt ein Mitglied einer Kesb, das anonym bleiben will. Auch Migranten aus Afrika seien oft schwierig, sagt die Mitarbeiterin eines Sozialdienstes in einer mittelgrossen Stadt. Sie hätten oft viele Kinder und würden ihre elterlichen Pflichten nicht wahrnehmen.

Ein Verhalten, das nicht nur die Integration gefährdet, sondern auch erhebliche Kosten für die Allgemeinheit verursacht. Davon profitieren Beratungsfirmen, wie sie in den letzten Jahren überall in der Schweiz entstanden sind. Einige von ihnen sind wie die öffentlichrechtlich organisierte Zürcher AOZ auf die Betreuung von Migranten spezialisiert. Die meisten Firmen sind Privatunternehmen. Finanziert sind sie jedoch faktisch zu 100 Prozent durch Steuergelder, denn die Auftraggeber sind fast ausschliesslich die Kesb, Jugendämter und Gerichte.

Gericht verfügt Rundum-Betreuung

So war es auch im unlängst in dieser Zeitung geschilderten Fall Saidi ein Gericht, das die Rundum-Betreuung einer tunesischen Familie verfügt hatte. Ein Entscheid, der finanzielle Konsequenzen hatte: Der gewalttätige Ehemann und seine mit der Betreuung der zwei Kinder angeblich überforderte 26 Jahre jüngere Ehefrau verursachten seit Ende 2016 Sozialkosten in der Höhe von über 400'000 Franken. Trotz intensiver sozialpädagogischer Betreuung wurden die Kinder inzwischen in einem Heim platziert.

Die Mutter verweigert die Kooperation und ist deswegen bereits in der dritten Institution untergebracht. Weitere Kosten verursacht auch der gewalttätige Vater, dem die Behörden trotzdem ein erweitertes Besuchsrecht gewährten. Das heisst konkret, dass er seine Kinder nicht nur im Heim in Anwesenheit der dortigen Betreuungspersonen besuchen, sondern sie auch vier Stunden pro Woche zu sich nach Hause nehmen darf. Weil die Kesb ihm nicht traut, stellt sie ihm eine Familienbegleitung zur Seite, die ihn «im Umgang mit den Kindern coachen» sowie seine «Erziehungskompetenzen» einschätzen soll. Kostenpunkt: 17'000 Franken für vorerst sechs Monate. Dass der Coach danach eine Verlängerung beantragt, ist wahrscheinlich. Ein Ketzer, wer fragt, ob hier wirklich das Kindswohl im Vordergrund steht.

Laut einer 2016 publizierten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sind Zweifel angebracht. Danach landen Kinder in Deutschland immer häufiger bei Pflegeeltern oder im Heim. 2005 wurden knapp 26'000 Minderjährige von den Jugendämtern in ihre Obhut genommen, 2014 waren es mit mehr als 48'000 bereits fast doppelt so viele. Wie die Welt gestützt auf die Studie berichtet, haben sich in Deutschland die staatlichen Ausgaben für Kindesschutzmassnahmen in nur zehn Jahren auf jährlich neun Milliarden Euro fast verdoppelt. Die Forscher stellten zudem fest, dass es in der Erziehungsberatung zum Teil extreme Kostendifferenzen gibt. So gibt das ostdeutsche Bundesland Mecklenburg-Vorpommern mit 830 Euro pro Fall zehnmal mehr aus als Niedersachsen oder Bayern.

Laut der Studie herrscht bei den Kosten Intransparenz. Eine mögliche Erklärung dafür ist laut den Forschern der Jugendhilfeausschuss, das zentrale Steuerungsgremium des Jugendamtes. Hier werden Gelder gesprochen und Massnahmen bestimmt. Im Ausschuss sitzen auch die grossen Anbieter sozialer Dienste wie etwa die Caritas oder die Arbeitgeberwohlfahrt, die auch in der Jugendhilfe aktiv sind. Damit sind Anbieter an Entscheidungen beteiligt, die sie selbst betreffen, und können sich so Aufträge zuschanzen. Marie Möller, Ko-Autorin der Studie, wies in der Welt darauf hin, dass die Erziehungshilfe ein staatlich finanzierter Wachstumsmarkt sei, dem es an Transparenz und Kontrolle fehle. «Es geht um sehr viel Geld, das hier von den Anbietern verdient wird.»

Dem Bund fehlen Daten

Auch in der Schweiz boomt die Sozialbranche. Das zeigen die Anfang Januar vom Staatssekretariat für Wirtschaft präsentierten Zahlen. Danach entstand allein seit 2008 der überwiegende Teil der neuen Stellen in staatlichen oder staatsnahen Bereichen. Im Sozialbereich inklusive Heimen gibt es über 45'000 Vollzeitstellen mehr. Nur der Gesundheitsbereich hat sich stärker entwickelt. Das Sozialwesen sei seit den 1980er-Jahren massiv ausgebaut worden, sagt Lynn Blattmann, Geschäftsführerin des Fachverbandes unternehmerisch geführter Sozialfirmen. «Bereits 1991 haben über 100'000 Personen im Sozialwesen gearbeitet, bis ins erste Quartal 2016 hat sich ihre Zahl auf rund 200'000 Stellen fast verdoppelt.» Und auch in der Schweiz fehlt es an Transparenz. Es ist unklar, wie viele Anbieter es im Bereich der sozialpädagogischen Familienbegleitung gibt, welche Umsätze sie mit Steuergeldern generieren und nach welchen Kriterien sie ihre Tarife festlegen.

Laut dem Bericht des Bundesrats zur Sozialhilfe fehlt es an Datenmaterial. Die Autoren verweisen auf eine Evaluation, die das Bundesamt für Justiz anhand einer kleinen Stichprobe in vier Kantonen durchgeführt hatte und die ergab, dass die Firmen einen Stundensatz von 120 bis 170 Franken verrechnen. Wie den Websites einiger dieser Firmen zu entnehmen ist, kosten Sitzungen, Protokolle, Berichte und die Anfahrt extra. Die Autoren des Sozialberichts kommen zum Schluss: «Eine grössere Transparenz für die Tarife von Anbietenden, insbesondere bei ambulanten Massnahmen, könnte einen schweizweiten Vergleich erlauben und dabei helfen, Marktmechanismen besser spielen zu lassen.»

Die Kosten für solche Massnahmen treiben die Sozialausgaben in die Höhe. Zwar gibt es keine konkreten Zahlen dazu. Ein Indiz liefert jedoch der bereits erwähnte Bericht des Bundesrates zur Sozialhilfe. Danach stieg die Zahl der Sozialhilfeempfänger von 2005 bis 2015 «nur» um 11,8 Prozent auf 265 626 Personen. Die Kosten für die Sozialhilfe im weiteren Sinn, wozu neben der wirtschaftlichen Unterstützung auch die Familienbeihilfen gehören, stiegen hingegen um 68,75 Prozent von 5,5 auf 8 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Die Landesverteidigung kostete im selben Jahr 4,5 Milliarden Franken.

Die steigenden Sozialkosten müssen meist die Gemeinden tragen. Und die ächzen zunehmend unter dieser Belastung. Therese Schläpfer, Gemeindepräsidentin von Hagenbuch, war eine der Ersten, die dies öffentlich thematisierte. Zumal die von der Kesb verfügte sozialpädagogische Familienbegleitung ausser hohen Kosten wenig brachte. Und dies, obwohl sich, wie die Medien berichteten, mehrere Sozialpädagogen der privaten Solidhelp AG täglich mehrere Stunden um die Eritreerin und ihre sieben Kinder kümmerten. Sie betreuten die Frau beim Einkaufen, Putzen, Kochen und Spielen mit den Kindern – zum Stundentarif von 130 Franken, exklusive Anfahrt und sonstiger Spesen. Das Resultat nach einem Jahr intensivster Betreuung: Drei Kinder mussten ins Heim, was der Gemeinde zusätzlich zu den Solidhelp-Rechnungen Kosten von 360 000 Franken pro Jahr bescherte – und die Frau verlor ihre Wohnung.

In einer anderen Gemeinde platzierte die Kesb ein angolanisches Mädchen nach eineinhalb Jahren und einer Familienbegleitung, die mehrere 10'000 Franken gekostet hatte, schliesslich in einem Schulheim – für jährlich 50'000 Franken. Nun kümmert sich die Behörde um die beiden anderen Kinder der Familie. Laut Bericht ist der Junge in der Schule auffällig. Zwar betreuten ihn dort schon mehrere Fachleute, trotzdem sei die Schule überfordert. Auf Empfehlung des psychiatrischen Dienstes wurde eine Familienbegleitung installiert.

Laut dem Antrag zur Kostenübernahme an die Gemeinde hat der Bub «eine Tendenz zur depressiven Entwicklung, ein geringes Selbstwertgefühl, Stimmungsschwankungen und ist kritikempfindlich». Die Eltern seien überfordert, ihren Sohn «altersgercht zu führen», etwa wenn es darum geht, seinen «hohen Konsum von Computerspielen» zu regulieren. Wie einem Zwischenbericht zu entnehmen ist, hat der Familienberater weiteres Betreuungspotenzial entdeckt: Seit die Eltern eine Trennung in Erwägung ziehen, macht auch das dritte Kind der Familie Schwierigkeiten.

Mit Samthandschuhen angefasst

Es irrt allerdings, wer glaubt, dass die sozialpädagogischen Fachleute die Eltern in die Pflicht nehmen. Im Falle des verhaltensauffälligen angolanischen Buben etwa steht im Bericht der Familienberater, man habe «mit der Mutter die Aufgabe entwickelt», ihrem Sohn «täglich explizit positives Feedback zu geben».

Mit Samthandschuhen wird auch eine Eritreerin angefasst, die schlicht ihren Sohn vernachlässigt. Im Sozialarbeiterjargon heisst das dann: «Der Sohn geniesst eine kulturbedingte Freiheit durch die Mutter.» Forderungen an die Mutter stellt keiner. Vielmehr halten die Betreuer im Bericht verständnisvoll fest: «Die Mutter gibt sich sehr viel Mühe, den Alltag zu meistern. Bedingt durch ihre Persönlichkeit, ihren kulturellen Hintergrund und Analphabetismus sind ihre Möglichkeiten bescheiden.» Die Familienberater leiten die Mutter an, mit ihren Kindern zu spielen. Die Gemeinde zahlt dafür über 5000 Franken für vier Monate

Ganz absurd muten die Berichte von sozialpädagogischen Familienbegleiterinnen an, die beschreiben, wie sie ihren Schützlingen bei der «Bewältigung ihres Alltags» helfen. So lernte ein 19-jähriger Ivorer während fast zwei Jahren und für den Preis von über 20 000 Franken unter anderem, dass er Termine einhalten, Rechnungen bezahlen und ein Ticket lösen muss, wenn er öffentliche Verkehrsmittel benutzen will.

So unterschiedlich die Personen sein mögen, die von den Familienbegleitern betreut werden. Allen gemein ist, dass die Betreuer zuhanden der auftraggebenden Behörde Berichte verfassen, die dann wieder als Grundlage für das Verfügen zusätzlicher Massnahmen dienen. Eine Wirksamkeitsüberprüfung, die diesen Namen verdient, existiert nicht. «Im Sozialbereich fehlt es an Transparenz», sagt Lynn Blattmann. Die privaten Beratungsfirmen würden zwar von der öffentlichen Hand leben, ihre Geschäftsberichte seien jedoch in der Regel völlig undurchsichtig. Diese Intransparenz herrsche auch im Bereich der Arbeitsintegration. «Es geht um viel Steuergeld und es ist eigentlich ein Skandal, dass niemand über Kosten und Nutzen reden will.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.01.2018, 10:04 Uhr

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