Das grosse Geschäft mit den Kleinen

Die Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen geht nicht selten mit horrenden Kosten einher.

Der freie Träger vermittelt die Betreuung und hat ein finanzielles Interesse daran, dass das Platzierungsverhältnis aufrechterhalten bleibt.

Der freie Träger vermittelt die Betreuung und hat ein finanzielles Interesse daran, dass das Platzierungsverhältnis aufrechterhalten bleibt. Bild: Keystone

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Mittlerweile ist die Empörung über den jungen Teenager, dessen Rundum-Betreuung offenbar mit 85 000 Franken für die Allgemeinheit zu Buche schlägt, etwas abgeflaut. Aber auch die alltäglichen, ganz gewöhnlichen Fremdplatzierungen sind es wert, einen kritischen Blick darauf zu werfen.

Dass die Betreuung und das Umsorgen von Kindern in Not zum lukrativen Geschäftsmodell geworden ist, zeigten vor einiger Zeit auch die Schlagzeilen im Kanton Aargau: Der Vater einer vorläufig aufgenommenen Familie aus Afghanistan hatte die Mutter getötet. Die Platzierung der drei Kinder schlug mit 19 000 Franken pro Monat zu Buche – pro Kind; also 57 000 Franken monatliche Kosten, um drei Kinder unterzubringen.

Nicht die Betreuung an sich, sondern das Ausmass stösst auf Unverständnis. Im betroffenen Kinderheim Brugg beträgt die Unterbringung in der Notfallgruppe 608 Franken pauschal pro Tag beziehungsweise Nacht. Für die insgesamt neun Plätze nimmt das Heim also 164 160 Franken pro Monat und demzufolge 1 969 920 Franken pro Jahr ein. Wer möchte da nicht auch ein Kinderheim eröffnen, denkt man sich sogleich.

Es braucht vernünftige Grenzen

Wie kommt es, dass für eine unbestritten wichtige Aufgabe des Staates scheinbar keine vernünftigen Verhältnisse und Grenzen existieren? Notabene für eine Aufgabe, die Eltern immer noch entgeltlos erfüllen und bis vor wenigen Jahren sogar Pflegefamilien aus reinem Pflichtbewusstsein der Gesellschaft und den Mitmenschen gegenüber unentgeltlich machten.

Die enormen Summen verleiten zur Vermutung, mit der Not von Kindern sei das grosse Geschäft zu machen. Ganz gewöhnliche Fremdplatzierungen belaufen sich im Raum Zürich auf Kosten von rund 166 000 Franken pro Jahr, für schwierige Fälle dürfte schnell die Höhe einer Viertelmillion erreichen werden.

Es ist richtig und wichtig, dass Fälle und Kosten dieser Staatsaufgabe publik werden, das Öffentlichkeitsprinzip soll hier keine Ausnahme erfahren: Mit offenem Visier wird deswegen noch lange nicht gespielt. Wer nach der Zusammensetzung der Kosten fragt und Transparenz einfordert, stösst auf vage Aussagen und unvollständige Zahlen. Sich in die Bücher schauen lassen will niemand, auf kritische Nachfragen reagieren die Vertreter des Sozialindustrie ziemlich empfindlich und wenig souverän. Sie reklamieren ein Monopol auf die Fähigkeit, zu wissen was gut für das Kind ist und was nicht und umgeben sich mit einem Unfehlbarkeitsdogma, das keinerlei Hinterfragen duldet.

Keine höhere moralische Position

Gewählte kommunale Behördenvertreter hätten keine Ahnung, daher sei die Aufgabe der Kinderplatzierungen dem Einflussbereich der Gemeinden zu entziehen, ist in etwa die Entgegnung, wenn man auf die horrenden Kosten hinweist, Schlagworte wie «Kindswohl» oder «Qualitätssicherung» sind die rechtfertigenden Begriffe. Genauer hinschauen würde wohl vielen Sozialbediensteten das Geschäft verderben.

Wer in Not geratenen Kindern hilft, agiert nicht per se aus einer höheren moralischen Position. Das zeigt sich auch bei einem neu aufgekommenen Phänomen der Fremdplatzierungsorganisation (FPO): Mitarbeiter der Jugendämter und Beistände geben zum Besten, für die Suche nach einer geeigneten Pflegefamilie seien sie «nicht zuständig». Daher schalten sie einen Vermittler ein, der einen Platz sucht und mit diesem über die Entschädigung und die Bedingungen der Kinderplatzierung verhandelt.

Von der monatlichen Entschädigung, welche die Gemeinde oder der Kanton zahlen muss – bis 15 000 Franken pro Monat und das oft bis zur Volljährigkeit des Kindes – streicht die FPO oftmals mehr als die Hälfte ein – als Dauergegenleistung für die «professionelle Begleitung» des Pflegekind-Verhältnisses. Der freie Träger, oft als juristische Person – also GmbH, AG oder Verein –organisiert, vermittelt die Betreu-ung und hat ein finanzielles Interesse daran, dass das Platzierungsverhältnis aufrechterhalten bleibt.

Aus den Fugen geraten

Bei aller Anerkennung für die schwierige Aufgabe zeigen diese Fälle exemplarisch, dass letztlich oftmals keine verlässliche Bezugsperson für das Kind da ist und wie eine wichtige staatliche Aufgabe aus den Fugen geraten ist, nicht zuletzt auch, weil zahlreiche Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Therapeuten, Jugendamt-Mitarbeiter, Beistände und Sozialbegleiter involviert sind.

Wirklich Verantwortung übernimmt keiner. Über manche fremdplatzierten Kinder beugen sich ein Dutzend Akteure und die meisten verdienen mit der Vermittlung von Heimplätzen und Pflegeeltern, mit Therapien, Gutachten, Begleitung, Betreuung und «Spezialbeschulung» an ihrem Schicksal. Als Rechtfertigung dient der Hinweis auf angeblich zukünftig eingesparte Kosten und die mutmassliche Verhinderung von Schlimmerem wie Abdriften in die Kriminalität oder Drogen.

Ob das alles gut ist für das Kind oder ob es gar seinem Willen zuwiderläuft, steht in den Sternen. Ähnlich wie bei der Kesb müssen auch bei diesen Massnahmen Beistände und Jugendamt-Mitarbeiter nicht auf die Meinung der Kinder oder ihrer Angehörigen Rücksicht nehmen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.07.2017, 07:33 Uhr

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