Das Raubgut in der Vitrine

Frankreich hat sich zur Rückgabe von Raubkunst an Afrika bekannt. Auch Museen in der Schweiz sollten dem Vorbild folgen.

Diese Statue im Musée du quai Branly in Paris ist eines von 26 Kunstwerken, die Benin zurückgegeben worden sind. Foto: Getty Images

Diese Statue im Musée du quai Branly in Paris ist eines von 26 Kunstwerken, die Benin zurückgegeben worden sind. Foto: Getty Images

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«Nicht lange fackeln – sofort zurückgeben!» So könnte man die Empfehlungen der beiden Experten Felwine Sarr und Bénédicte Savoy vor zwei Wochen an Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zusammenfassen. Immerhin hatte Macron schon vor einem Jahr in Burkina Faso gesagt: «Kolonialismus war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.» Deshalb werde er innerhalb von fünf Jahren die Bedingungen schaffen für die «endgültige oder vorübergehende Restitution» afrikanischer Kulturgüter aus französischen Museen an Afrika.

Macron hielt sein Versprechen zumindest in einem ersten Schritt: Kaum war der Bericht der Experten vorgelegt, gab er 26 wertvolle historische Holzstatuen an den westafrikanischen Staat Benin zurück. Per Dekret. Ein französischer Präsident kann das.

Tatsächlich ist der «Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter» von einer Klarheit im Urteil, die jahrzehntelange Diskussionen europäischer Museumsdirektoren zu unglaubwürdiger Paragrafenreiterei herabstuft. Kolonialismus, das wussten alle, war keine ruhmreiche Phase europäischer Imperialpolitik. Aber «die Zeiten waren eben anders», hiess es dann, «es galt ein anderes Recht».

Die Hüter der Schätze wehren sich

Dass in Europa Hunderttausende Objekte aus Afrika in Museen lagern, in afrikanischen Institutionen selbst aber nur wenige Tausend (von meist geringerer Qualität – die Kolonialmächte haben gezielt die besten Stücke geplündert), ist bekannt. Aber in Afrika gebe es keine echten Kenner, keine sichere Verwahrung, wehren sich dann die Hüter der Schätze.

Auch in den Reaktionen auf den Bericht in den letzten beiden Wochen überwiegt das Ja-Aber – eine grundsätzliche Zustimmung, dass zahlreiche Werke unter unvertretbaren Umständen in europäische Ausstellungen gelangt sind. Aber die Konsequenz, dass damit eine Rückgabe an die Herkunftsländer zwingend ist, wollen viele Betroffene immer noch nicht ziehen.

Dabei ist das «Sofort zurückgeben!» von Savoy und Sarr keineswegs so absolut zu verstehen, wie es auf den ersten Blick erscheint. Nur für eindeutige Raubkunst empfehlen sie eine bedingungslose Restitution. Für den grossen Rest soll es eine transparente Information der Herkunftsländer und einen offenen Dialog geben. Die Angst, dass Museen in Zürich, Brüssel, Paris oder Berlin plötzlich leer geräumt werden und die Schätze in schlecht belüfteten Bruchbuden in Afrika landen (oder gar auf dem Schwarzmarkt), ist völlig vermessen.

Warten auf Museen

Eine Rückgabe, so die Empfehlung, soll nur auf Anfrage eines betroffenen Staates stattfinden. Der Prozess ist nicht zeitlich begrenzt, kann also auch darauf warten, dass etwa ein neues Museum im Herkunftsland entsteht. Aber auch die «Zirkulation» von Werken im internationalen Kreis der Museen, die europäische Kuratoren inzwischen immer öfter vorschlagen, kann nicht bedeuten, dass die Werke einfach in Europa bleiben.

Die genaue Untersuchung der Herkunft afrikanischer Kunst wird in diesem Prozess immer wichtiger. Das Zürcher Museum Rietberg, das die wohl beste völkerkundliche Sammlung der Schweiz hat, hat damit schon vor Jahren begonnen. Das sollte aber keine Abwehrmassnahme gegen Restitutionsansprüche sein. Wo Raubkunst entdeckt wird, sollte auch in der Schweiz gelten: «Sofort zurückgeben!»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 17:47 Uhr

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