Demagogische Kampfrhetorik

Warum Strehles Faschismus-Analyse unerhört, unanständig ahistorisch und antiaufklärerisch ist.

Verunstaltetes Wahlplakat von Guido Halbeisen. (Symbolbild)

Verunstaltetes Wahlplakat von Guido Halbeisen. (Symbolbild) Bild: zVg.

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Der ehemalige Chefredaktor des «Tages-Anzeiger», Res Strehle, hat versucht, ein ganz dickes Brett zu bohren. Der Titel «Unter Faschismus-Verdacht» verpackt das Totschlagargument in der politischen Auseinandersetzung, die Faschismus-Keule, in eine «Analyse und Wortwahl der Sprachmuster» von 10 europäischen und 7 aussereuropäischen Parteien. Darunter Alt-Right und Republikaner in den USA, Likud in Israel, AfD, FPÖ und natürlich die PNOS und die SVP in der Schweiz. Merkwürdigerweise ist «Alt-Right» gar keine Partei, fehlen die zweitstärkste holländische Partei von Wilders und der Front National aus Frankreich, obwohl dessen Präsidentin Le Pen als Kandidatin für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Meinungsumfragen auf Platz eins liegt.

Der emeritierte Historiker Carlo Moos setzt gleich am Anfang den Ton. Auf die Frage, ob in der Welt ein neuer Faschismus drohe, «verschränkt er die Arme und denkt nach». Dann raunt er «ja» und «fügt beinahe unhörbar an: «Es ist gefährlich.»» Das ist es allerdings, aber in erster Linie deswegen, weil in dieser «Analyse» der übliche Schindluder mit dem Begriff «Faschismus» getrieben wird. Denn am Anfang jeder Untersuchung, die auch nur ansatzweise den Anspruch eines gewissen intellektuellen oder wissenschaftlichen Niveaus erheben will, müsste eine klare Definition der Begrifflichkeit stehen. «Faschismus» ist aber von allen politischen Etikettierungen wie «liberal», «konservativ», «sozialistisch», «kommunistisch» oder gar «rechts» oder «links» die am schwierigsten zu fassende Worthülse. Eigentlich ist sie ein politisches Äquivalent zu der individuellen Beschimpfung «Arschloch».

«Zeit, den Faschismus-Verdacht zu klären –möglichst sachlich», verspricht Strehle. Dazu verwendet er die vom verstorbenen italienischen Schriftsteller Umberto Eco entwickelte Methode des Abklopfens von Parteien nach der Verwendung von «14 urfaschistischen Sprachmustern», darunter «Führer-», «Helden-» und «Traditionskult», «Nationalistische Obsession», «Misstrauen gegenüber Intellektuellen», «Appell an frustrierte Mittelklasse» oder «Gegen unabhängige Gerichte». Daraus ergibt sich dann eine Hitparade der untersuchten Parteien, in der die türkische MHP auf Platz eins steht, gefolgt von der deutschen NPD und der Schweizer PNOS. Die US-Republikaner stehen auf Platz 13 mit 8 erfüllten Kriterien, die SVP und Berlusconis PdL teilen sich den letzten Platz mit 7 verwendeten «urfaschistischen Sprachmustern». Wie das genau nachgewiesen wird, erschliesst sich dem Leser leider nicht, da die interaktiven Buttons zumindest beim Erscheinen des Artikels nicht funktionieren.

Das ist zwar peinlich, ändert aber nichts daran, dass diese angebliche Analyse reine Demagogie ist, weil sie sich um eine Definition des Grundbegriffs, was denn genau «urfaschistisch» sei, drückt. Das ist verständlich, denn es gibt ein ganzes Meer von Versuchen, die Unzahl von politischen Bewegungen, die sich selbst als faschistisch bezeichneten oder nachträglich als faschistisch bezeichnete ideologische Elemente verwendeten, zu analysieren und zu definieren. Fokussiert wird dabei naheliegenderweise auf den deutschen Hitler-Faschismus. Aber schon dieser unterscheidet sich von der namensgebenden italienischen Spielart eines Mussolini, dieser wiederum vom Franco-Faschismus, usw. Sicherlich weisen Elemente wie Führerkult, Totalitätsanspruch, paramilitärisch organisierte Parteistruktur, eine auf Mythen beruhendes Narrativ von irrationalen Kulten mit Wurzeln in der fernen Vergangenheit und ein totalitäres Gesellschaftsmodell Gemeinsamkeiten in allen Bewegungen auf, die als faschistisch bezeichnet werden.

Zentral ist das Element der rassischen Überlegenheit eines bestimmten Volkes, das pseudowissenschaftlich definiert wird (Arier) und dass dieser «Volkskörper» von schädlichen und verderblichen Einflüssen «minderwertiger» Rassen geschützt werden muss. Während das aber in Hitler-Deutschland zum Jahrhundertverbrechen der Ermordung von 6 Millionen Juden und einem reinen Vernichtungskrieg gegen die «bolschewistischen Untermenschen» der UdSSR führte, kam es in Italien zu keinen vergleichbaren Exzessen. Während von linker Seite Faschismus als «terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals» definiert wurde, betonen bürgerliche Historiker mehr totalitäre oder oligarchische Elemente. Gemeinsam war allen faschistischen Bewegungen, so sie an die Macht kamen, auch der angeblich nötige Kampf ums Überleben, der meistens in der völligen Zerstörung der Gesellschaft endete. Aus diesem Nebel der Begrifflichkeiten holen sich heutzutage Demagogen wie Strehle die Versatzstücke heraus, die ihnen zupass kommen, wenn sie aktuelle politische Parteien denunzieren wollen.

Falls das grossinquistorische Vokabular des Justemilieu zur Unterteilung der Welt in Gut und Böse – «Hetzer», «Populist», «Rechtsnationaler» oder gleich «Antidemokrat» und «Unmensch» – nicht ausreicht, wird «Faschist» obendrauf gesetzt. So wird Trump im «Spiegel» als Faschist tituliert und jede rechte Bewegung in Europa, inklusive SVP, zumindest als «faschistoid» gebrandmarkt – oder es werden ihnen, intellektuell fein ziseliert, die Verwendung von «urfaschistischen Sprachmustern» unterstellt. In völliger Beliebigkeit und unter Verwendung der vom NSDAP-Chefpropagandisten Joseph Goebbels zur Perfektion entwickelten Demagogik des absurden Zirkelschlusses: «Wer ist daran schuld, dass es uns schlecht geht? Die Juden. Warum sind sie daran schuld? Weil sie Juden sind.» Intellektuell etwas anspruchsvoller, aber die gleiche Methode verwendet eine «Analyse», die auf eine klare Definition des Begriffs «Faschismus» verzichtet, stattdessen Begrifflichkeiten unter Faschismusverdacht stellt, nach ihnen entsprechenden Parteiaussagen sucht, fündig wird und mit einem Zirkelschluss beweisen will, dass hier Anlass zum Schwingen der Faschismus-Keule besteht.

Neben der Sinnlosigkeit und Unredlichkeit dieses Vorgehens ist es unerhört, unanständig ahistorisch und antiaufklärerisch. Denn es klärt nicht, klärt auch nicht auf, bringt keinen Erkenntnisgewinn, sondern verhöhnt all die Opfer, die von tatsächlichen Ausformungen des Faschismus um ihr Leben gebracht wurden. Denn bei allem, was man beispielsweise der SVP vorwerfen kann: Es will doch niemand im Ernst behaupten, dass sie in «urfaschistischer» Manier in der Schweiz unter dem Führer Blocher ein totalitäres Regime rassisch überlegener Eidgenossen errichten möchte, um daraufhin den bewaffneten Kampf zur Ausmerzung minderwertiger Rassen zu beginnen. Daher kann man so weit gehen, Strehle nicht nur reiner, pseudointellektuell verkleideter Demagogie zu bezichtigen. Er ist vielmehr das Paradebeispiel eines Populisten, eines «terrible simplificateur», der selbst das darstellt, was er zu bekämpfen vorgibt. Ein nicht mal nützlicher Idiot, wie ihn der von ihm früher verehrte Lenin bezeichnet hätte.

Erstellt: 19.03.2017, 14:18 Uhr

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