Der Feldzug gegen Glyphosat

Pestizidgegner sind auf einer Mission. Sachargumente stören da nur.

Unkraut im Visier. Glyphosat kommt in der Regel als Nacherntebehandlung zum Einsatz.

Unkraut im Visier. Glyphosat kommt in der Regel als Nacherntebehandlung zum Einsatz. Bild: Keystone

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Es war eine Entwarnung, und sie war komplett: Rückstände des Pflanzenschutzmittels Glyphosat stellen kein Gesundheitsrisiko dar, gab der Bundesrat Anfang Mai bekannt. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen hatte zuvor 243 Proben von Lebensmitteln aus dem Detailhandel nach Glyphosat-Spuren untersucht. In sechzig Prozent der Waren konnten keine solchen gefunden werden. Bei vierzig Prozent liessen sich Rückstände zwar nachweisen, allerdings in sehr geringen Konzentrationen.

Alle Mengen lägen «weit unter den geltenden Rückstandshöchstgehalten», schrieb der Bundesrat. Er machte dies anhand von Vergleichen anschaulich: «Erst beim täglichen Konsum von beispielsweise 72 Kilogramm Teigwaren, 655 Kilogramm Brot, 10 Kilogramm Kichererbsen oder 1600 Liter Wein pro Kopf wäre mit gesundheitsschädigenden Folgen durch Glyphosatrückstände zu rechnen.» Es gebe keinen Handlungsbedarf punkto Schutz der Bevölkerung. Ein Resultat der Untersuchung war, dass in der Schweiz produzierte Lebensmittel noch weniger belastet sind als Importprodukte. Das entsprach durchaus den Erwartungen, ist doch der Einsatz von Glyphosat kurz vor der landwirtschaftlichen Ernte in der Schweiz verboten – im Gegensatz zum Ausland.

300 Tonnen pro Jahr

Veranlasst worden war die Untersuchung vom Nationalrat. Dieser hatte vor zwei Jahren einen Vorstoss seiner Wissenschaftskommission an den Bundesrat überwiesen und darin einen Bericht zu den Auswirkungen von Glyphosat verlangt. Glyphosat ist das Pflanzenschutzmittel, das nicht nur weltweit, sondern auch in der Schweiz mit etwa 300 Tonnen pro Jahr am häufigsten eingesetzt wird. Der Vorstoss hatte sich auf den Entscheid der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (IARC) von 2015 berufen, das Mittel als «potenziell krebserregend» einzustufen. «Auch die Schweizer Bevölkerung ist gefährdet, da Rückstände davon im Wasser oder in Lebensmitteln vorkommen können», schrieb die Wissenschaftskommission im Vorstoss. «Die Untersuchung soll zeigen, wie gross die Gefahr von Glyphosat ist», liess sich Kommissionspräsident Matthias Aebischer (SP) zitieren.

Schon im Januar 2016 hatte der Bundesrat in seiner Stellungnahme zum Vorstoss zwar darauf aufmerksam gemacht, dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit inzwischen eine Neubewertung von Glyphosat abgeschlossen hatte und dabei keine Krebsgefahr für Menschen hatte erkennen können. Zudem wies er darauf hin, dass die gemessenen Rückstände im menschlichen Urin «weit unterhalb gesundheitlich bedenklicher Dosen» liegen. Dennoch erachtete es die Regierung als «sinnvoll», eine Studie zu Glyphosat in Lebensmittel durchzuführen und empfahl den Vorstoss zur Annahme.

Im Bereich von Milliardstelgramm

So komplett die Entwarnung punkto Rückständen in Lebensmittel nun aber war, so wirkungslos war sie auch: Die Pestizidgegner in der Politik, bei den NGOs und bei den Medien erklärten die Resultate der Untersuchung kurzum für irrelevant. «Bund wischt Bedenken vom Tisch», behauptete 20 Minuten. Der Bundesrat «verharmlose die Gefahren von Glyphosat für die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt», liess sich die Baselbieter Nationalrätin Maya Graf (Grüne) zitieren. Sie plädierte für den «schrittweisen Glyphosat-Ausstieg», wie ihn die Grünen schon letztes Jahr in einem parlamentarischen Vorstoss gefordert hatten. Die Bevölkerung sehe den Pestizideinsatz «zunehmend kritischer», orakelte die Umweltorganisation Greenpeace. «Kein Persilschein für Glyphosat», war die Reaktion der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). Denn für die Konsumenten sei es «wenig erbaulich, zu hören, dass auf immerhin vierzig Prozent der untersuchten Produkte solche Rückstände zu finden sind», so die SKS.

Es tönt zwar in der Tat beunruhigend, dass sich bei einem Teil der Lebensmittel «potenziell krebserregende» Rückstände nachweisen lassen. Die Pestizidgegner setzen voll auf die Verunsicherung, die diese Meldung auslösen kann – und übergehen bewusst deren wissenschaftliche Einordnung.

Denn der blosse Nachweis einer Substanz in einem Lebensmittel ist noch lange kein Beleg für eine Gesundheitsgefahr. Die Analysemethoden sind in den letzten Jahrzehnten immer feiner geworden, sodass heute bei manchen Stoffen sogar Spuren im Milliardstelgramm-Bereich auffindbar sind. Es entsteht so der falsche Eindruck, als wären immer mehr Lebensmittel «verseucht», obwohl in Wirklichkeit nur die Nachweisverfahren sensibler geworden sind. Schreitet die technologische Entwicklung voran, wird irgendwann jede beliebige Substanz an jedem Ort der Welt nachweisbar sein. Entscheidend für eine Gefährdung durch einen potenziellen Problemstoff ist aber nur, in welcher Konzentration dieser vorhanden ist.

Weniger schlimm als Alkohol

Die Klassifikation von Glyphosat als «potenziell krebserregend» durch die IARC erfolgte aber unabhängig von den real vorhandenen Konzentrationen. Konkret stützte sich die Agentur im Wesentlichen auf Versuche mit Ratten und Mäusen. Diesen wurde das Pestizid in Dosen verabreicht, die um Grössenordnungen über denen liegen, die in Lebensmitteln vorhanden sein können. Die für Menschen empfohlenen Richtwerte wurden in diesen Versuchen zum Teil um das Tausendfache überschritten. Dass viele Tiere krank wurden, ist von daher keine Überraschung. Zudem: Die IARC hat Glyphosat zwar als «potenziell krebserregend» klassiert. Damit gilt das Mittel aber als weniger gefährlich als alkoholische Getränke, gesalzener Fisch oder verarbeitetes Fleisch. Denn diese Produkte sind laut IARC-Klassifikation nicht nur potenziell, sondern eindeutig krebserregend.

Behörden wie die erwähnte Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit oder das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung berücksichtigten in ihren Einschätzungen aber die Konzentrationen, in denen Glyphosat vorkommt. Darum konnten sie bezüglich Schädlichkeit Entwarnung geben.

Alternativen sind schädlicher

Unbestritten ist der Einsatz von Pestiziden nie eine Wohltat für die Umwelt. Generell bedeutet Landwirtschaft immer ein schwerwiegender Eingriff in die Natur. Glyphosat schneidet aber bezüglich Toxizität verglichen mit andere Pflanzenschutzmittel deutlich besser ab. Alternative Herbizide seien für die Umwelt schädlicher, führten zum Beispiel der Ökotoxikologe Christoph Schäfers und der Landwirtschaftsexperte Klaus Gehring letztes Jahr in der NZZ aus.

Die Pestizidgegner propagieren zwar den völligen Verzicht auf synthetische Pflanzenschutzmittel. Ob Biolandbau aber für die Umwelt von Vorteil ist, ist fraglich. Natürliche Schutzmittel wie Kupfer, ohne die Biobetriebe kaum auskommen, sind sehr problematisch für die Umwelt, da sie die Böden dauerhaft belasten. Ohne den Einsatz von Glyphosat müsste zudem mehr gepflügt werden, denn das Pestizid hilft, dass deutlich weniger physische Eingriffe nötig sind, damit Ackerkulturen gedeihen. Häufiges Umpflügen aber fördert die Bodenerosion und damit die Landschaftszerstörung.

Den Glyphosat-Gegnern sind all diese Sachverhalte zwar mit Sicherheit bekannt. Dennoch ignorieren sie diese. Denn sie befinden sich auf einer Mission. Die Mission lautet, dass synthetische Pflanzenschutzmittel des Teufels sind. Darum versuchen sie, der Bevölkerung die Hölle heiss zu machen.

Politische Ziele im Vordergrund

Wissenschaftliche Untersuchungen zu den Gefahren von Glyphosat haben darum politisch kaum einen Nutzen. Die Pestizidgegner verlangen zwar unablässig nach zusätzlichen Forschungsanstrengungen zu den angeblichen Risiken und täuschen vor, ergebnisoffen zu sein. Fallen die Resultate aber nicht in ihrem Sinn aus, reagieren sie darauf mit Ablehnung und Häme. Für sie stehen politische Ziele im Vordergrund – zum Beispiel, der Initiative «für sauberes Trinkwasser» zum Durchbruch zu verhelfen.

Diese Initiative wurde vor einigen Monaten eingereicht und verlangt, dass Bauern nur noch dann Bundessubventionen erhalten, wenn sie ganz auf synthetische Pestizide verzichten. Um Erfolg zu haben, müssen die Kreuzritter gegen Pestizide weiterhin die menschliche Urangst vor vergifteter Nahrung und vergiftetem Wasser bewirtschaften – wissenschaftliche Argumente hin oder her. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.06.2018, 07:31 Uhr

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