Er zog den Basler Schwimm-Fall nach Strassburg

Johannes Czwalina wollte verhindern, dass Muslime benachteiligt werden.

Und plötzlich fand sich Johannes Czwalina in der Rolle des kalten Provokateurs.

Und plötzlich fand sich Johannes Czwalina in der Rolle des kalten Provokateurs. Bild: Hans-Peter Huser

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Auch muslimische Schülerinnen müssen am Schwimmunterricht teilnehmen, befand der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte diese Woche. Worauf der Vater, der den Prozess angestrengt hatte, als Verlierer dastand. Als einer, der den Islam rigide auslegt und seine Haltung auf Biegen und Brechen durchsetzen will.

Nur: Er hat sich lediglich zur Verfügung gestellt, um in Strassburg einen Grundsatzentscheid herbeizuführen. Den Prozess in die Wege geleitet hat Johannes Czwalina (64), Theologe und Unternehmensberater aus dem noblen Basler Vorort Riehen. Er hat ihn auch zusammen mit einem Freundeskreis finanziert.

Damit führt Czwalina weiter, was er vor bald sieben Jahren mit einem Kleinstinserat in Gang gesetzt hat – spontan und, wie er heute sagt, wohl auch unüberlegt. Er bot darin muslimischen Eltern an, für sie die «überhöhten» Bussen des Kantons zu bezahlen, wenn sie ihre Kinder nicht in den obligatorischen Schwimmunterricht schicken wollten.

43 Bussen für neun Familien

«Es tat mir leid, dass sie wegen ihrer Überzeugung in finanzielle Not geraten könnten», sagt Czwalina. Die Busse beläuft sich auf 350 Franken – pro Kind und Jahr. Wie viele Bussen er bisher bezahlt und wie viel Geld er für den Gang durch alle Gerichtsinstanzen ausgegeben hat, weiss er nicht. Er führe keine Buchhaltung über sein soziales Engagement, sagt er. Basel-Stadt hat seit 2010 neun Familien 43 Bussen auferlegt – bei 3000 muslimischen Schülerinnen und Schülern.

Die Reaktionen, die Czwalina mit seinem Vorgehen auslöst, sind heftig. Alleine auf das kleine Inserat hin erhielt er gegen hundert Hassbriefe und mehrere Todesdrohungen. Er fand sich in der Rolle des «kalten Provokateurs» wieder. Er fühlt sich vorverurteilt: «Menschen, die oberflächlich denken, haben meine Beweggründe nicht erfasst», sagt er. Es geht ihm um Gerechtigkeit.

Er empfindet es als diskriminierend, dass Muslime gebüsst werden, wenn sie ihre Kinder nicht in den Schwimmunterricht schicken, Juden, die private Schulen haben, aber nicht. Wobei er sich mit einem Holocaust-Mahnmal auch schon für Juden eingesetzt hat. Er habe dafür seine Eigentumswohnung verkaufen müssen, um es finanzieren zu können, sagt er, und wohne nun in einem bescheidenen Appartement.

Der Mutige kennt die Angst

Czwalina erweist sich in seinen ausgedehnten Ausführungen als begnadeter Selbstvermarkter: In Nebensätzen platziert er geschickt, dass er schon Bundestagsabgeordnete coachte oder bald als Gastprofessor einen Vortrag zum Ukrainekonflikt hält. Eine Aussage erweist sich als Titel eines seiner Bücher, das sich erfreulich gut verkauft: «Wer mutig ist, kennt die Angst.» Bei solchen Aussagen wird auch der Theologe in ihm spürbar. Und da seine Stimme in seinem Büro nachhallt, hört es sich durchs Telefon an, als würde er von einer Kanzel herunter sprechen.

Allerdings festigt Czwalina mit seinen Äusserungen selber das Bild des Provokateurs: Er lobte einst den mittlerweile verurteilten Financier Dieter Behring oder schaltete sich mit einem Beitrag in der «Basler Zeitung» in die «Handschlag-Debatte» ein. Es sei falsch, den beiden muslimischen Schülern in Therwil vorzuschreiben, der Lehrerin die Hand zu geben; Höflichkeit könne man nicht erzwingen, schrieb er.

Was treibt ihn an? «Ich will mich von meiner Überzeugung führen lassen, gleichgültig, ob sie mir Freunde oder Feinde beschert, Geld bringt oder Geld kostet», sagt er. Und so verbucht er den Gang nach Strassburg als Erfolg. Weil er dem Druck standgehalten und getan hat, was er für richtig hält. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2017, 19:49 Uhr

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