Die Exzesse des Fürsorgestaates

Wie sich die Sozialhilfe zu einer gewinnorientierten Branche entwickelte.

Hilfe von aussen. In der RTL-Pseudo-Doku «Super Nanny» beriet Pädagogin Katharina Saalfrank überforderte Eltern.

Hilfe von aussen. In der RTL-Pseudo-Doku «Super Nanny» beriet Pädagogin Katharina Saalfrank überforderte Eltern. Bild: RTL

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Vor einigen Jahren liess der deutsche Privatsender RTL seine Zuschauer an der Überforderung von Eltern teilhaben, die unter der Anleitung einer pädagogisch ausgebildeten Super-Nanny ihre Kinder zu bändigen versuchten. Die Erziehungsschulung durch Sozialarbeiter ist selbstverständlich keine Erfindung der TV-Macher. Aus dem Unterstützen und Beraten von Müttern und Vätern ist längst ein dickes Geschäft geworden, das eine ganze Industrie zu Lohn und Brot bringt.

Im Fachjargon nennt sich dies «sozialpädagogische Familienarbeit» und die Angebote reichen von der Intensivabklärung über Familienbegleitung und -stabilisierung, Familiencoaching, interkulturelle Konfliktlösung bis hin zur Familienaktivierung. Die wenigsten Familienbegleiter arbeiten auf eigene Rechnung, sondern haben sich in einer juristischen Person, also als Verein, Stiftung, AG oder GmbH, organisiert. Die Rechnung für ihre Dienstleistungen begleicht in der Regel der Steuerzahler: Laut der Statistik des Fachverbandes der Sozialfirmen übernimmt in mehr als 92 Prozent der Fälle die öffentliche Hand die Kosten.

Und diese Kosten sind in der Regel hoch. So auch im Falle einer alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) verfügt eine sozialpädagogische Familienbegleitung für sechs Monate – für insgesamt 32 022 Franken, das sind pro Monat also stolze 5337 Franken und damit mehr Geld, als mancher Familienvater nach Hause bringt. Die Kosten muss die Wohngemeinde der überforderten Mutter übernehmen. Allerdings ohne zu wissen, worin deren Überforderung konkret besteht, denn hier hält sich die Kesb bedeckt.

«In mehr als 92 Prozent der Fälle übernimmt die öffentliche Hand die Kosten.»

Ausführlicher wird die Behörde hingegen, wenn es darum geht, die drastischen Folgen einer Verweigerung der Massnahme zu schildern. «Ohne die beantragte engmaschige Begleitung des Jungen in der Alltagsbewältigung ist das Risiko, dass sich Verhaltensweisen chronifizieren, welche eine angemessene Teilnahme an sozialen Kontakten erschweren bis verunmöglichen, sehr hoch.»

Wenn die Sozialarbeiter die Notwendigkeit von Massnahmen begründen, klingt das oft absurd, wie folgende Beispiele zeigen: «Der Sohn untergräbt die erzieherische Rolle der Mutter.» Oder: «Die Mutter muss lernen, durchzusetzen, dass ihr Sohn regelmässig die Zahnspange trägt.» Und: «Die Mutter soll mit ihrem Kind Zeitpunkt und Gestaltung des Abendessens aushandeln.»

Begleitung in allen Sprachen

Nun sind Situationen nicht undenkbar, in denen Hilfe zur Selbsthilfe sinnvoll, ja geboten ist. Wer als Kind in einem Haushalt bei einer depressiven Mutter, bei asozialen oder völlig integrationsresistenten Eltern aufwachsen muss, sieht sich mit Startschwierigkeiten im Leben konfrontiert, die durchaus mit einer Unterstützung ausgeglichen werden können. Das Ziel der Bemühungen: Sozialarbeiter versuchen die Eltern dazu zu bringen, ihr Verhalten zu korrigieren oder, simpel gesagt, endlich Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen.

Fanden noch vor wenigen Jahren die Erziehungshilfen hauptsächlich bei Einheimischen statt, so hat die Industrie mittlerweile die Migranten für sich entdeckt, die je nach Herkunft mehr oder weniger grosse Defizite bei der Alltagsbewältigung im modernen Mitteleuropa an den Tag legen. Entsprechend ist das Angebot ausgerichtet. So hat sich beispielsweise die Asylorganisation Zürich AOZ, der Platzhirsch im Sozialhelfer-Gewerbe, mit einer psychosozialen Abteilung auf die Stabilisierung von psychisch belasteten Migranten und Migrantinnen, die Klärung der Problemlage, des Eskalationspotenzials und der individuellen und kulturspezifischen Aspekte oder auf die Vermittlung bei interkulturellen Konflikten spezialisiert. Natürlich sind die Familienbegleiter in allen Sprachen unterwegs.

Verdacht auf Preisabsprachen

Laut einem Bericht des Bundesrates kostet eine Stunde ambulante Sozialarbeit in der Familie zwischen 120 und 170 Franken. Unter diesem Preis offeriert seit einigen Jahren kein Anbieter mehr, was auf ein Preiskartell in der Branche hindeutet. Hinzu kommen immer noch Wegpauschalen sowie Gespräche mit Fachleuten und eine unglaubliche Anzahl Stunden an Vor- und Nachbearbeitungszeit. Etwa 14 000 bis 20 000 Franken für jeweils sechs Monate Erziehungsarbeit sind im Raum Zürich die Regel.

Oftmals laufen die Verträge über Jahre. Besonders teuer sind Fälle, in denen ein Arzt oder die Polizei Meldung über eine Verletzung bei einem Kind bei der Kesb macht, die dann eine Intensivabklärung bei einem dieser Familienbegleiter in Auftrag gibt. Das waren beispielsweise in einem konkreten Fall 68 Stunden à 135 Franken, zuzüglich Testverfahren, ausführlicher Berichte, Fachgespräche, Telefonate und E-Mails, Support, Fahrspesen und so weiter und so fort. Massnahmen, die sich auf insgesamt 14 500 Franken beliefen – für einen Monat, wohlverstanden.

Die Rechnung landet bei der zuständigen Gemeinde, die sie ohne Mitwirkungs- und Überprüfungsrecht begleichen muss. Und: Aus Datenschutzgründen erhalten die Gemeinden oft nicht einmal alle Informationen, die nötig wären, um einen Fall beurteilen zu können. Dass die Gemeinden nichts mehr zu sagen haben, ist seit 2013 so, als schweizweit die neue, professionelle Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde eingeführt wurde. Zwar trugen auch davor die Gemeinden die finanziellen Folgen von vormundschaftlichen Massnahmen. Sie konnten allerdings selber entscheiden, ob und welche Massnahmen verfügt werden sollten, und diese auch wieder einstellen, falls sie keinen Erfolg zeitigten.

Teuer und wenig erfolgreich

In der Kesb, die im Alleingang über Art und Nutzen von Massnahmen entscheidet, sitzen oft ehemalige Sozialarbeiter oder andere Fachpersonen aus dem Sozialbereich. In einigen Fällen waren sie sogar an einer der Sozialfirmen beteiligt, die von der Kesb lukrative Aufträge erhalten. Der Gesetzgeber hat dieser professionalisierten Vormundschaftsbehörde also einen mehr oder weniger allmächtigen Bereich zugewiesen, der sich einer Überprüfung weitgehend entzieht.

«Gewinnorientierte Unternehmen verwalten die Armut nur.»

Und so überrascht es nicht, dass die von der Kesb verfügten Massnahmen nicht nur sehr teuer, sondern oft auch wenig erfolgreich sind. Es gibt Fälle, in denen Sozialarbeiter für mehrere Tausend Franken pro Monat über Jahre in einem Haushalt für Ordnung sorgen sollten, aber der Kinderzahnarzt noch immer mangelnde Mundhygiene und daraus resultierende teure Zahnarztkosten rapportiert.

Im bekanntesten Fall, jenem von Hagenbuch, hatte die kinderreiche eritreische Familie trotz fünf Jahren Erziehungshilfen schliesslich wegen Verwahrlosung die Kündigung der Wohnung erhalten. Selbst Odilo Noti von der Caritas kritisierte die privaten Anbieter einst im Blick anhand des Falles von Hagenbuch: «Gewinnorientierte Unternehmen verwalten die Armut nur.» Ihr einziges Interesse sei es, den Auftrag möglichst lange wahrzunehmen – und möglichst viel zu verdienen.

Auf Kritik reagieren die Kesb-Verantwortlichen zuweilen recht dünnhäutig: «Wenn uns die Kinder das nicht mehr wert sind, müssten wir zum Verdingkindersystem zurückkehren», schrieb einst trotzig die stellvertretende Kesb-Chefin von Dietikon, Claudia Hafner, im Tages-Anzeiger im Zuge der Berichterstattung zu Hagenbuch. Die Branche lebt davon, dass sich ihre Tätigkeiten und Dimensionen der Öffentlichkeit entziehen.

Barbara Steinemann ist Mitglied der Sozialbehörde der Gemeinde Regensdorf und sitzt für die Zürcher SVP im Nationalrat. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.03.2018, 09:22 Uhr

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