Die Interpretation des eigenen Lebens

Stephan Schmidheiny erbte ein Industrie-Imperium und mit ihm das Thema Asbest – jetzt wurde er geehrt.

Stephan Schmidheinys Lebensrolle war von Anfang an diejenige eines Erben.

Stephan Schmidheinys Lebensrolle war von Anfang an diejenige eines Erben.

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Im Theaterstück «Das grosse Welttheater» von Pedro Calderón de la Barca teilt gleich zu Beginn der Schöpfer die verschiedenen zu spielenden Rollen zu: Da gibt es den König, die Weisheit, die Schönheit, den Reichen, den Bauern, den Armen und ein ungetauftes verstorbenes Kind. In der Folge gibt er die Losung aus: «Jede Rolle kann dich heben, denn das ganze Menschenleben ist ja nur ein Schauspiel hier. Und ist dann das Spiel geschlossen, speist an meiner Seit’ zu Nacht, wers am besten hat gemacht.»

Ob er die ihm im Leben zugewiesene Rolle denn auch «gut gespielt habe», fragte sich am vergangenen Dienstagabend auch der Industrielle und Philanthrop Stephan Schmidheiny mit Referenz auf das Stück. Die «Stiftung für Freiheit und Verantwortung» hatte in die Aula der Universität Zürich geladen, um Schmidheiny «für seine ausserordentlichen Leistungen zur Förderung des Unternehmertums und sein pionierhaftes Engagement für die Öko-Effizienz» zu ehren, wie es in der Einladung hiess.

Schmidheinys Lebensrolle war von Anfang an diejenige eines Erben. Der mittlerweile 70-Jährige gehört der vierten Generation einer Industriellen-Dynastie an, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im St. Galler Rheintal mit Jacob Schmidheiny begann.

Aus einer einfachen Ziegelbrennerei am Fusse des Schlosses Heerbrugg wurde ein globales Imperium, in das 1974 auch der junge Stephan Schmidheiny eintrat. Zuerst als Verkaufsleiter der Eternit AG in Niederurnen tätig, übernahm er 1976 vom Vater Max deren Gesamtleitung und damit ein lukratives, gleichzeitig aber auch vorbelastetes Erbe.

Die Erbsünde

Die Eternit AG produzierte Bauelemente aus Asbestzement. Ein gut gehendes Geschäft – auch in den 70er-Jahren. Doch schon Anfang des Jahrzehnts häuften sich die wissenschaftlichen Befunde, dass Asbestfasern für Krebserkrankungen – vor allem Lungenkrebs – verantwortlich sein könnten. 1976, kurz nach der Übernahme der operativen Führung der Eternit-Gruppe, stellte sich Schmidheiny schliesslich diesen unangenehmen Tatsachen und liess nach asbestfreien Alternativen forschen. 1981 kündigte er dann an, in Zukunft ganz auf Asbest verzichten zu wollen – also noch bevor die Asbestverarbeitung in den europäischen Ländern verboten wurde.

Für viele Angestellte in den zahlreichen Fabrikationsanlagen der Eternit-Gruppe kam diese Umstellung aber zu spät. In Italien kam es 2009 schliesslich zum Prozess.

Die Anklage sprach von über 3000 Toten und Erkrankten, die direkt auf die Asbestfaser und die Zustände in den Eternit-Fabriken zurückgeführt werden können. Schmidheiny und seinem belgischen Geschäftspartner Baron Jean-Louis de Cartier de Marchienne wurde vorgeworfen, durch mangelnde Sicherheitsvorkehrungen in mehreren italienischen Fabriken den Tod der Arbeiter und Anwohner in Kauf genommen zu haben.

Das Gericht in Turin befand die beiden 2012 in Abwesenheit für schuldig, sie wurden zu je 16 Jahren Gefängnis und hohen Geldstrafen verurteilt. Schmidheiny zog das Urteil weiter. 2014 hob das italienische Kassationsgericht in Rom das Urteil wegen Verjährung auf. 2017 wurde in Turin allerdings ein neuer Prozess eröffnet. Das Thema Asbest haftet an Stephan Schmidheiny, es ist die tragische Staffage seiner Lebensrolle.

Die Freiheit des Darstellers

Ob er diese trotzdem gut gespielt hat, darauf hat Schmidheiny an diesem Abend nicht abschliessend geantwortet. Dies zu beurteilen, das fällt bei einer Ehrung immer auch anderen zu – an diesem Dienstagabend Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz.

Laudator Merz strich vor allem Schmidheinys Verdienste in der Schweizer Industriegeschichte heraus: Zusammen mit Nicolas Hayek hat er in den 80er-Jahren wesentlich zur Rettung der heimischen Uhrenindustrie beigetragen. Bei der Fusion von BBC und Asea zur ABB war er eine der treibenden Kräfte im Hintergrund.

Robert Nef, der Vizepräsident der Stiftung und lebenslanger Streiter für die liberale Sache in der Schweiz – tags zuvor erhielt er den Liberal Award der Jungfreisinnigen des Kantons Zürich –, sagte noch vor Alt-Bundesrat Merz einige einführende Worte zum Begriffspaar Freiheit und Verantwortung: Ohne Freiheit gebe es auch keine Verantwortung und ohne verantwortungsvolle Menschen sei an Freiheit nicht zu denken, führte Nef aus. Die Stiftung setzt sich daher auch zum Ziel, Persönlichkeiten, welche Freiheit und Verantwortung in ihrem Leben vorbildlich vereint haben, öffentlich zu ehren –dazu gehört ihrer Meinung auch Stephan Schmidheiny.

Dieser sieht sich zunehmend in der Rolle des Wohltäters. Schmidheiny gründete über die Jahre zahlreiche Stiftungen, die bislang über eine halbe Milliarde Franken in gemeinnützige Projekte investiert haben. Dies ist wohl seine Art, Verantwortung zu übernehmen – für Dritte und damit auch für sein eigenes Leben. Gleichzeitig nahm sich Schmidheiny auch immer die Freiheit, die ihm übertragene Rolle im Leben stets neu zu interpretieren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.11.2017, 09:22 Uhr

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