«Die Wirkung ist gleich null»

Ein arbeitsloser Wirtschaftsinformatiker und SP-Wähler über «Inländervorrang light» und die Personenfreizügigkeit

Eine Schweiz für die Schweizer. Beat Marti (52) hat innerhalb von vier Jahren dreimal wegen einer Reorganisation die Stelle verloren (Symbolbild).

Eine Schweiz für die Schweizer. Beat Marti (52) hat innerhalb von vier Jahren dreimal wegen einer Reorganisation die Stelle verloren (Symbolbild). Bild: iStock

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Ich bin kein «Globalisierungsverlierer» oder «Protestwähler», wie es jetzt immer wieder heisst. Politiker und Medien, die solche Begriffe verwenden, haben keine Ahnung von der Wirklichkeit. Ich habe alles gemacht, was man tun muss, um in einer globalisierten Welt eine Chance zu haben.

Ich bin Wirtschaftsinformatiker mit Uni-Abschluss und habe mich stets weitergebildet. Ich habe viel Berufserfahrung, habe Projekte begleitet und geleitet. Jetzt im Alter von 52 bekomme ich keine Chance mehr. Nach Hunderten von Bewerbungen bin ich ausgesteuert. Nicht einmal mehr in der Arbeitslosenstatistik tauche ich auf. Für jene, die achselzuckend von «Globalisierungsverlierern» reden, gibt es mich gar nicht.

Die nackten Zahlen sagen, dass Leute über 50 seltener arbeitslos sind als jüngere. Und wenn doch, dann dauert es zwar länger, bis sie eine Stelle finden, aber es klappt dann schon irgendwie. Alles kein Problem also. Meine Realität sieht anders aus. Ich habe innerhalb von vier Jahren dreimal wegen einer Reorganisation die Stelle verloren. Ohne ein Verschulden stand ich jeweils auf der Strasse, einfach weil ich überzählig war.

Das erste Mal bei den SBB kam ich der Kündigung zuvor. Es sei ein Makel, hiess es, wenn man nicht selber kündige. Ich dachte mir, es sei ja kein Problem, als Informatiker wieder eine Stelle zu finden. Es ging dann doch länger, als ich erwartet hatte. Ein knappes halbes Jahr nach meiner Kündigung kam ich zur Swisscom. Kurz darauf wurden dort mehrere Bereiche zusammengelegt. Es traf mich, weil ich noch nicht lange dabei war. Bevor sie mich entlassen haben, schrieb ich wieder die Kündigung, immer noch der Meinung, das sei von Vorteil. Dann dauerte es ein Dreivierteljahr, bis ich eine neue Stelle fand – wiederum bei den SBB, aber im Bereich Infrastruktur.

Eigentlich erniedrigend

Dort war ich eineinhalb Jahre. Die Arbeit gefiel mir, bis ich wieder wegen einer Reorganisation vor der Kündigung stand. Da wurde ich gemäss Gesamtarbeitsvertrag in eine Auffanggesellschaft ausgelagert. Dort muss man jede Arbeit annehmen. Man weiss dann, dass man dich nicht mehr will, aber sie beschäftigen dich irgendwie bei vollem Lohn weiter. Was sozial gemeint ist, ist eigentlich erniedrigend. Man muss dauernd zehn offene Bewerbungen haben, was dazu führt, dass man sich auch auf unsinnige Stellen bewerben muss. Ich fiel in ein Loch. Immer wieder wurde ich zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, welche aber auch aufgrund meines psychischen Zustandes mit einer Absage endeten. Das war bitter.

Am Schluss war ich nur noch Servicetechniker, der mit einem Lieferwagen durch die Schweiz fuhr und Billettdrucker an den Schaltern auswechselte. So will man die Leute loswerden, dazu bringen, dass sie genug haben und kündigen. Die SBB sagen immer, das sei eine Chance, um im Arbeitsmarkt zu bleiben. Das ist dummes Geschwätz. Ich kann doch nicht in meinem Lebenslauf aufführen, dass ich zum Servicetechniker gemacht wurde, dann habe ich erst recht keine Chance mehr!

Irgendwann kommt dann alles zusammen: Das berufliche Abstellgleis, auf das man dich geschoben hat, die Frustration, das Alter, die psychischen Probleme, und in der Folge gibt es Beziehungsprobleme, so auch bei mir. Ich bekam Abstiegsängste, geriet in Isolation. Es ist ein Teufelskreis, aus dem man fast nicht mehr herauskommt.

Nach knapp vier Jahren ging die Taktik der SBB auf und ich ging. Es war der Tiefpunkt. Es hiess immer, man müsse etwas anderes probieren. Es gibt Tausende von Broschüren und Tipps, eine grosse Beratungsindustrie mit Mentaltrainern und Job-Coaches, die es alle gut mit dir meinen, die dich «arbeitsmarkttauglich» – so das nichtssagende Schlagwort – machen wollen. Ich versuchte eine neue Ausbildung, die mit Informatik nichts zu tun hat.

Es war nur frustrierend. Es wird dir gesagt, du musst diesen Kurs oder jenes Coaching machen, dann klappt es mit einer Stelle. Ich wollte meine Situation aktiv verbessern und machte alles mit, aber am Schluss wurde es doch nichts mit dem Job. Danach ging ich in den nächsten Kurs, wo es wieder hiess, dann klappe es ganz sicher. Man probiert alles aus, aber es funktioniert nichts. Das Schlimmste daran ist, dass man immer wieder das eigene Scheitern erlebt.

Ausländer eingeladen

Das Angebot an gut ausgebildeten Informatikern hat sich mit der Personenfreizügigkeit vervielfacht. Die Arbeitgeber begannen ganz anders zu suchen. Stelleninserate wurden auf Englisch geschaltet und Hilfe beim Zuzug in die Schweiz offeriert. Deutsch wurde zwar verlangt, aber auf einem tiefen Niveau. Ausländer wurden regelrecht in die Schweiz eingeladen.

Ich bin kein Freund der SVP, sondern habe eigentlich immer sozialdemokratisch gewählt. Am 9. Februar 2014 habe ich dann zum ersten Mal ein SVP-Anliegen unterstützt, die Masseneinwanderungs-Initiative. Ich wollte, dass die Problematik der über 50-jährigen Arbeitslosen von Politik und Medien nicht mehr ignoriert werden kann. Die Sozialdemokratie Europas sieht ihr Heil im Internationalismus, im Ziel, alles gleichzumachen und dann schön gleichmässig an alle zu verteilen. Der Schuss geht aber nach hinten los: Man kann nicht die Globalisierung stärken, freien Verkehr von Waren, Gütern und Personen fördern und gleichzeitig die heimischen Arbeitsplätze schützen. Da habe ich begonnen, an der Sozialdemokratie zu zweifeln.

Meine Generation hat der Initiative am deutlichsten von allen zugestimmt. Wir sind jene, die wegen der Personenfreizügigkeit am meisten verlieren können. Wir ahnen, dass wir praktisch keine Chance haben, wenn wir wegen einer Reorganisation auf die Strasse gestellt werden. Aus diesem Grund sind viele gegen die Freizügigkeit, denn dann haben wir wieder eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Darum ging und darum geht es.

Mein Wunschtraum ist, dass wir wieder eine Schweiz für die Schweizer bekommen, dass wir unsere Kultur erhalten können. Nicht falsch verstehen: Ich bin kein Folklore-Schweizer. Aber es geht etwas verloren mit der hohen Zuwanderung. Wenn ich in einem Bahnhof unterwegs bin, dann komme ich mir als Schweizer vor, als wäre ich in der Minderheit. Das macht mir nicht Angst, aber mir wird unwohl. Ich frage mich, wieso ich überhaupt noch hier lebe. Es hat etwas mit meiner Identität zu tun. Es gibt diese Sehnsucht, um mich herum Gleichgesinnte zu haben, die eine gewisse Bescheidenheit, Rechtschaffenheit und Fairness mit mir gemeinsam haben. Kürzlich wurde im Kanton Bern eine Tankstelle von dreihundert Autofahrern gestürmt, weil aus Versehen der Liter Benzin für 14 Rappen statt 1.40 Franken verkauft wurde. Niemand kam auf die Idee, den Tankstellenbesitzer oder die Polizei zu informieren, dass da etwas falsch läuft. Alle wollten möglichst profitieren. Mit der grossen Zuwanderung ist ein typisch schweizerisches Zusammengehörigkeitsgefühl, eine schweizerische Solidarität verloren gegangen. Und ja: Es gibt eine Verrohung der Sitten.

Oft kam mit der Personenfreizügigkeit ein deutscher Chef in eine Firma und stellte von da an nur noch Deutsche an. Bei denen gibt es eine Loyalität unter ihresgleichen. Die Schweizer waren dann plötzlich nur noch eine kleine Minderheit. Bei Swisscom gibt es Abteilungen, bei denen nur noch fünf von siebzig Leuten aus der Schweiz sind. Vor 2008 war das Verhältnis umgekehrt. Und es ist schon so, dass ausländische Arbeitskräfte deutlich weniger verdienen als Schweizer. Für sie sieht es nach viel Geld aus, aber sie sehen die hohen Lebenshaltungskosten nicht, bevor sie nicht hierhergezogen sind.

Ich dachte, ich höre nicht recht

Das Parlament hat gar nichts begriffen. «Inländervorrang light», das tönt ja wunderbar. Das soll ja bedeuten, dass Arbeitslose offene Stellen zuerst sehen, was bereits schon auf dem Stellenportal beim RAV Realität ist. Das brachte und bringt zukünftig gar nichts, denn der Arbeitgeber wird mit dem Entscheid sicher warten, bis seine Stelle allen – auch Ausländern – zugänglich ist. So hat er seine Pflicht erfüllt und kann trotzdem einstellen, wen er will. Die Wirkung ist gleich null. Daran ändert auch eine Pflicht zu Vorstellungsgesprächen mit Arbeitslosen nichts. Der absolute Gag ist dann noch, dass man das alles erst macht, wenn die Arbeitslosigkeit erheblich überdurchschnittlich ist, also irgendwo zwischen fünf und zehn Prozent. Ich dachte, ich höre nicht recht. Im Parlament ist vor allem klar geworden, dass man für Langzeitarbeitslose weiterhin gar nichts machen will.

Ein echter Vorrang für Arbeitslose im Inland, wie es ihn bis 2008 gab und wie er im Initiativtext steht, ist das natürlich nicht. Für die Arbeitslosen und die Arbeitslosenversicherung wäre aber genau dies das Beste. Damals war das Problem viel geringer, nicht nur für Leute wie mich, sondern auch für alle anderen. So krass neben dem Wählerwillen hat man noch nie eine Initiative umgesetzt. Der Wortlaut des Verfassungstextes spielte keine Rolle. Von der «eigenständigen Steuerung» der Zuwanderung, wie es die Initiative forderte, blieb am Ende leider gar nichts mehr.

Sieben EU-Fans im Bundesrat

Das Ja zur Initiative war ein Konfrontationskurs gegenüber der EU, das war allen klar, die damals Ja gestimmt haben. Ich bin wirklich kein EU-Gegner, aber etwas wagen sollten wir trotzdem. Dass die Bilateralen wegfallen würden, ist zum Teil Angstmacherei. Klar, wegen des Brexit macht uns die EU zurzeit keine Zugeständnisse, aber gegenüber den Briten wird die EU nicht hart bleiben. Das Problem ist: Wir haben sieben Fans der EU im Bundesrat. Die hätte man gar nicht zum Verhandeln nach Brüssel schicken sollen, sondern umgekehrt genau jene, die immer gesagt haben, sie würden besonders hart verhandeln und etwas herausholen. Nur leider war das nicht möglich. Die EU weiss haargenau, dass der Bundesrat EU-freundlich ist und dass sie leichtes Spiel hat mit dieser Regierung.

Die Forderung der SP nach einem Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer ist ja gut und recht, aber das rüttelt an unserem liberalen Arbeitsmarkt. Der hat eigentlich jahrzehntelang gut funktioniert. Das Problem besteht nur, seit sich durch die Personenfreizügigkeit das Angebot vervielfacht hat. Die Freizügigkeit zusammen mit einer neuen Skrupellosigkeit, auch älteren Leuten zu kündigen, ist schuld. Die beiden Sachen hängen zusammen: Die Skrupellosigkeit ist auch mit der Personenfreizügigkeit grösser geworden. Da ist der schweizerische Führungsstil, jener der Patrons und Unternehmer, die noch für ihre Leute schauten, verloren gegangen. Ausländische Chefs fühlen sich nicht der Schweizer Kultur verpflichtet. Sie verstehen gar nicht, was diese Schweizer Eigenschaften sind.

Jetzt muss ich lohnmässig unten rein. Aber ich will unbedingt wieder eine Stelle. Ich habe schon Absagen bekommen, weil der Arbeitgeber sagte, der Abstieg in Lohn und Prestige sei mir nicht zumutbar. Obwohl ich die Stelle ja unbedingt wollte! Nach jedem Scheitern wird die ganze Lebensgeschichte infrage gestellt. Ich brauche keine Ratschläge mehr, sondern eine Chance.

Aufgezeichnet von Dominik Feusi. Beat Marti ist ein Pseudonym, der wirkliche Name ist der Redaktion bekannt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.01.2017, 11:50 Uhr

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