Energiezukunft: Wunsch und Wirklichkeit

Warum das neue Energiegesetz ein Wunschtraum jenseits der physikalischen Grenzen ist.

Man müsste auf jedem dritten Dach Solarpanels installieren, damit die nötige Stromproduktion erreicht werden kann. (Symbolbild)

Man müsste auf jedem dritten Dach Solarpanels installieren, damit die nötige Stromproduktion erreicht werden kann. (Symbolbild) Bild: Alexandra Wey/Keystone

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Das neue Energiegesetz fordert innerhalb von 18 Jahren den Aufbau einer Stromproduktion von 11,4 Terawattstunden (TWh) aus neuen Erneuerbaren. Teilt man das auf Fotovoltaik und Wind­energie auf, entspricht das einer Solarpanelfläche in der Grösse des Thunersees oder einem Drittel der verfügbaren Dachflächen plus 1300 Windturbinen quer durchs Land. Damit wäre die Hälfte der Stromproduktion der Kernkraftwerke ersetzt. Allerdings nicht in der Qualität gleichmässiger Bandlast, sondern in höchst variabler Leistung, abhängig von Wetter, Tages- und Jahreszeit.

Nicht in diesem Gesetz, aber mit den internationalen Klimavereinbarungen verpflichtet sich die Schweiz ausserdem zur Halbierung der Treibhaus- gasemissionen. Um dies zu erreichen, müssten neben baulichen Sanierungen in allen Haushalten die Öl- und Gasheizungen mit Wärmepumpen ersetzt und sämtliche Personenwagen elektrifiziert werden. Mit beiden Massnahmen würde der Verbrauch fossiler Energie halbiert, der Stromverbrauch jedoch um 22 TWh erhöht. Das entspricht der heutigen Produktion der Kernkraftwerke.

Der Wunsch nach einer nachhaltigen und CO2-armen Energieversorgung ist unbestritten. Technisch ist das meiste denkbar. Auch Innovationen und unerwartete Durchbrüche sollte man nie unterschätzen. So wie das Gesetz aber formuliert ist, schliessen sich Energiestrategie, Klimapolitik und Umweltschutz gegenseitig aus.

Machbar sind Effizienzsteigerungen im Energieverbrauch. Hier darf man von einem ähnlich verlaufenden Absenkpfad der letzten zehn Jahre ausgehen. In absoluten Zahlen wird das Resultat durch das Bevölkerungswachstum allerdings nahezu wettgemacht.

Problematisch ist der Ersatz der Kernkraftwerke. Die neuen Erneuerbaren ersetzen im besten Fall schon rechnerisch nur die Hälfte der Produktion. Die wirkliche Problematik liegt in der saisonalen Speicherung. Die Überschüsse aus den Sommermonaten können nicht in die produktionsarmen Wintermonate gerettet werden. Der erwartete Bedarf an Batterien für die Tagesspeicherung zeigt die Problematik. 3,6 Millionen Haushalte mit je einem Tesla-Powerwall-Akku und fünf Millionen Elektrofahrzeugen ergeben eine Speicherkapazität von 0,3 TWh. Das reicht gerade für den Haushalts- und Fahrbedarf von einem Tag, sofern die Batterien überhaupt geladen werden können. Zum Heizen reichts nicht. Das sind bereits 1,5 Millionen Tonnen an Batterien. Alle acht Jahre müssen sie als Sondermüll behandelt und aufwendig rezykliert werden. Für eine saisonale Speicherung kommen Batterien nicht infrage. Pumpspeicherseen stehen keine zur Verfügung. Sie dienen der Produktion von Wasserkraft und können nicht umfunktioniert werden.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Allein wegen physikalischer Grenzen ist das Energiegesetz absurd.

Mit der landesweiten Umrüstung zu Wärmepumpenheizungen und dem flächendeckenden Zubau von Fotovoltaik wird sich in den Wintermonaten der bereits heute bestehende Mangel an Eigenproduktion noch weiter verstärken.

Die saisonale Stromlücke müsste durch Gaskraftwerke ersetzt werden. Damit wäre allerdings die Treibhausgasreduktion nicht mehr 50 Prozent, sondern im besten Fall noch 25 Prozent. Hier kommt die Idee, mit überschüssigem Windstrom Methan zu produzieren, ins Spiel. Das könnte später wieder verstromt werden. Der Wirkungsgrad der Umwandlungskette ist im besten Fall 25 Prozent. Das heisst, dass alleine dafür mindestens weitere 3000 Windturbinen und entsprechende Gasspeicher gebraucht würden. Man kann es drehen oder wenden, wie man will, alleine aufgrund physikalischer Grenzen sind die Forderungen des Energiegesetzes absurd. Von den Kosten war noch nicht einmal die Rede. Ein Nein zum unüberlegten Energiegesetz erscheint zwingend.

Markus Häring ist Geologe, Vorstand des Carnot-Cournot-­Netzwerks, Thinktank für Politberatung in Technik und Wirtschaft, Autor des Buches «Der 2000-Watt-Irrtum». (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.03.2017, 10:32 Uhr

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