«Er fährt eine für Islamisten typische Strategie»

Sind die Aussagen von Abu Ramadan glaubwürdig? Wir haben die islamische Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli um eine Einschätzung gefragt.

Bekannte Kritikerin von Radikalen: Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam.

Bekannte Kritikerin von Radikalen: Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Bild: Keystone

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Welchen Eindruck haben Sie von Abu Ramadan im Interview erhalten?
Seine Aussagen machen mich wütend. Er fährt eine für Islamisten typische Strategie: alles abstreiten, sich als Opfer darstellen und alle anderen als Lügner und Hassprediger bezeichnen wie die Übersetzer seines Zitats und die Journalisten, die ihn interviewt haben. Er probiert, den Spiess umzudrehen und sein Image wieder zurechtzurücken. Dass er in zwanzig Jahren keine Landessprache gelernt und keinen Job bekommen hat, soll nicht seine eigene Schuld sein, sondern die der Schweiz, die ihn als Muslim diskriminiert.

Finden Sie einige Aussagen auch glaubwürdig?
Nein, ich halte absolut nichts für glaubwürdig. Er sagt zum Beispiel, es gebe kein einziges muslimisches Land, in das er zurückgehen könne. Trotzdem ist er etliche Male nach Libyen und Saudiarabien gereist und vielleicht noch in andere Länder, von denen wir nichts wissen.

Abu Ramadan sagt, er habe nicht gewusst, dass er als Flüchtling nicht nach Libyen hätte reisen dürfen.
Nur schon sein Anwalt hätte ihm das sagen können. In anderen Bereichen scheint sich Abu Ramadan ja mit dem Gesetz auszukennen. Zumindest sagt er, er habe nie das Gesetz verletzt. Und bei seinen Reden ist er sehr wohl aufmerksam, wo die gesetzlichen Grenzen liegen. Wieso soll er also das nicht gewusst haben, was ihn unmittelbar betrifft und worüber er bei der Erteilung seiner Aufenthaltsbewilligung aufgeklärt wurde.

Wo hätten die Journalisten noch stärker nachhaken sollen?
Man hätte ihn auf seinen Anwalt ansprechen können, mit dem er den Journalisten der «Rundschau» gedroht hat. Wie kann er sich diesen leisten? Ich habe dazu recherchiert und weiss, dass der Anwalt zur Muslimbruderschaft gehört. Ich kann das belegen. Abu Ramadan ist also sehr gut vernetzt, vor allem zu den Muslimbrüdern in Libyen.

Abu Ramadan streitet ab, Anhänger der Muslimbruderschaft zu sein.
Er kommt nachweislich aus diesem Kreis, was der Grund für seinen Asylantrag war. Das haben auch die Recherchen von Kurt Pelda von baz.ch/Newsnet gezeigt. Deshalb hat sein Anwalt auch sofort auf die Anschuldigungen reagiert, genauso wie der Islamische Zentralrat der Schweiz. Dessen Präsident, Nicolas Blancho, ist quasi in Biel aufgewachsen und hat genau in dieser Moschee zu seiner angeblichen Wahrheit gefunden. Das ist kein Geheimnis.

Er sei kein Imam oder Scheich, sondern nur Vorbeter, behauptet Abu Ramadan. Welche Rolle spielt er in der Moschee?
Ich glaube, sein Einfluss ist gross. Für die Leute, die ihm in der Moschee zuhören, spielt es keine Rolle, ober er ein ausgebildeter Imam ist oder nicht. In dem Moment, in dem er predigt, nimmt er den symbolischen Platz des Imams ein. Er steht dann oben in einer Position von Autorität, und alles, was er sagt, hat Gewicht.

Was halten Sie vom Übersetzungsstreit um sein Zitat?
Ich spreche Arabisch und kann sagen, dass seine Hassaussagen in der Moschee richtig und sehr präzis übersetzt wurden. Dass er die verschiedenen Übersetzer als Lügner bezeichnet, wirft ein schlechtes Licht auf ihn. Abu Ramadan weiss, dass ganz viele Muslime wütend auf westliche Staaten sind, die sich aus ihrer Sicht in islamischen Ländern eingemischt haben. Er bewirtschaftet dieses Gefühl. Seine Aussagen finden bei sehr vielen eine Resonanz.

«Arabische Zuhörer verstehen das schon richtig», sagt er dazu.
Mit dieser Aussage entlarvt er sich selbst. Viele Hassprediger wie er sprechen indirekt oder durch die Blume, weil sie sich darauf verlassen können, dass gewisse muslimische Ohren das schon als Aufruf verstehen. Sie spielen mit linguistischen Codes und gewissen Bildern und Gefühlen, ohne dass sie alles ausdeutschen müssen. So machen sie sich auch nicht strafbar. Islamisten sind Legalisten. Sie wissen genau, wie weit sie gehen können.

Personen aus Abu Ramadans Moschee schlossen sich Terrorgruppen an. Er weist jede Verantwortung von sich.
Ja, ich habe ähnliche Argumente schon aus der An’Nur-Moschee in Winterthur gehört. Diese Leute ziehen sich öffentlich aus der Verantwortung und sagen, sie könnten nichts dafür. In Wahrheit kreieren sie in ihren Moscheen aber eine Atmosphäre, in der Jihadismus oder sonstige Gewalt Platz finden. Hassprediger sensibilisieren ihre Zuhörer für solche Botschaften, ohne sich strafbar zu machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2017, 14:20 Uhr

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