Früher war auch die Zukunft besser

Ist der Journalismus in der Krise? Jürg Ramspeck sagt: «Ich will nicht wissen, was wir alles geschrieben haben.»

Immer modern. Jürg Ramspeck (80), der frühere Chefredaktor der Weltwoche, verkörpert sechs Jahrzehnte Journalismus (Bild vom 5. Februar 2004).

Immer modern. Jürg Ramspeck (80), der frühere Chefredaktor der Weltwoche, verkörpert sechs Jahrzehnte Journalismus (Bild vom 5. Februar 2004). Bild: Keystone

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Er kommt ins Restaurant Au Premier, Hauptbahnhof Zürich, er hat einen Hund an der Leine und hängt die Jacke an die Garderobe. Wir begrüssen ihn und fragen, wie der Hund heisse. Eine kurze Frage nur, Small Talk zum Einstieg. Wir wollen mit ihm über anderes reden in der nächsten Stunde, über den Journalismus von heute und früher, die Fake-News-Debatte, ein bisschen auch über sein Leben. So stellten wir uns das vor.

Jürg Ramspeck sagt, der Hund heis­se Napo. Er sei ein «Mischling auf Terrier-Basis» und gehöre seiner Frau. Erst sollte der Hund Napoleon heissen, aber Ramspeck sagt, er habe sofort protestiert: «Das isch dumms Züügs!» Da man für die erste Hälfte von Napoleons Leben zumindest Respekt empfinden könne, habe er Napo als Kompromiss vorgeschlagen.

Vom Hund seiner Frau leitet Ramspeck über auf seine Familie und seine vier Kinder. Er hat drei aus erster Ehe und eines mit Hildegard Schwaninger, der Zürcher Klatschkolumnistin, mit der er zum zweiten Mal verheiratet ist. Dann redet er von seinen Vorfahren, die im 17. Jahrhundert, während des Dreissigjährigen Kriegs, aus Böhmen nach Basel ausgewandert und hier als Sattler tätig gewesen sind. Die Ramspecks seien heute zwar ein Zürcher Geschlecht, führten aber immer noch das Basler Dybli im Wappen.

So ist das an diesem Nachmittag: Wir fragen nach dem Hund und landen bei der Taube.

Ein bisschen ironisch

Jürg Ramspeck also: geboren 1936, aufgewachsen in Zürich, wo er die Schulen besucht, neun Monate Studium, mit zwanzig Einstieg in den Journalismus. Ein Leben für das Schreiben: Zürcher Woche, Neue Presse, Züri-Leu und vor allem 24 Jahre bei der Welt­woche, davon 14 Jahre als Co-Chef­redaktor mit Rudolf Bächtold. 2002 erhält Ramspeck den Zürcher Journalistenpreis für sein Lebenswerk. Heute, mit 80, schreibt er Kolumnen für den Blick am Abend.

In einem Interview sagte er einmal: «Ich habe keine Lust zu arbeiten, aber da ich das sowieso muss, versetze ich mich willentlich in diesen Zustand.» Auf die Frage, warum er schreibe, pflegt er zu antworten: «Weil ich nicht rechnen kann.» Es sind typische Ramspeck-Sätze: ein bisschen ironisch, ein bisschen kokett.

Als wir mit ihm den Gesprächs­termin vereinbarten, wollten wir ihn zum Mittagessen einladen. Er lehnte ab: Im Alter habe man keinen so gros­sen Hunger mehr. Jetzt sitzt er in einem Club­sessel und bestellt einen «doppelten Espresso, pur, ohne Löffel». Er hat weis­se, längere Haare. Die Kleider, die er trägt, sind schwarz und weit.

Hildegard Schwaninger beschrieb ihn einmal so: «Jürg Ramspeck ist völlig anders als alle anderen Menschen, die ich kenne. Er kümmert sich nicht darum, was andere über ihn denken. Es ist ihm egal, ob er modern ist oder im Trend. Das ist vielleicht das Geheimnis, warum er irgendwie immer im Trend ist.» Wir wollten ihn zum Auftakt fragen, ob er sich darin erkannt fühle, aber wir kommen nicht dazu, wir sitzen bereits im Film seines Lebens.

Er handelt von seinen Eltern, die in Zürich das «Pianohaus Ramspeck» an der Mühlegasse 27 besassen, von Musikern, die im Elternhaus ein- und ausgingen, von Tante Julie, der Klavierlehrerin, zu der ihn sein Vater schickte: «Ich musste jeden Tag nach der Schule zu ihr, aber statt mir das Klavierspielen beizubringen, fragte sie mich nach meiner Mutter aus. So habe ich die besten Jahre meines Lebens verpasst, um richtig Klavier spielen zu lernen.»

Das ist, wie so oft, ein Satz, den man nicht zum Nennwert nehmen muss. Ramspeck neigt zum Understatement. Er spielt seit Jahrzehnten am Flügel vor Publikum, in einer Jazz-Formation, in der auch Filmregisseur Rolf Lyssy mittut, jeden Donnerstagabend in der Bar des Zürcher Hotels Eden au Lac. Er ist pensioniert, aber noch immer haupt­beruflich Journalist. «Dabei wollte ich eigentlich nie Journalist werden.» ­Wieder so ein Ramspeck-Satz.

Als er das Gymnasium besucht und schlechte Noten nach Hause bringt, geht der Vater mit ihm zum Berufsberater. Er schreibe gute Aufsätze, er könnte Journalist werden, sagt der Vater. Der Berufsberater antwortet: «Nein, dazu fehlt ihm die nötige Dynamik.» Der Junge wirkt behäbig, er ist nicht schlank. Wenn ihn seine Freunde ärgern wollen, nennen sie ihn «Nidelschinke».

Ramspeck beendet das Gymnasium und versucht es an der Universität. «Ich wollte Byzantinische Geschichte studieren, ausgerechnet», sagt er. «Ich war ein Snob, ich dachte, ich müsse etwas studieren, was niemand studiert.» Er besucht Vorlesungen, aber er langweilt sich fürchterlich. Der Professor redet nur von Tonscherben, nie von Menschen. Alles ist weniger romantisch, als er es sich vorgestellt hat.

Die Rekrutenschule unterbricht das Studium und bringt Ramspeck nach Frauenfeld, wo ihn sein Vater anruft: «Jürg, die Weltwoche sucht einen Sekretär. Das wäre vielleicht etwas für dich.» Er fährt nach Zürich, «nicht weil ich die Stelle wollte, sondern weil ich dafür einen Tag Urlaub bekam». Am Bahnhof kauft er sich zum ersten Mal im Leben eine Zeitung, die Weltwoche. Er will wissen, was ihn erwartet. Es ist das Jahr 1956. So beginnt es.

Aus der Zeit gefallen

Jürg Ramspeck ist ein gründlicher, auch begnadeter Erzähler. Er nimmt sich Zeit, seine Geschichten auszubreiten, und wirkt dabei ein bisschen aus der Zeit gefallen – heutzutage, da Journalisten das Weltgeschehen gerne im Zeitraffertempo abhandeln. Wenn er erzählt, gibt es kein Stocken, keine Sätze, die im Irgendwo enden, kein Ringen um Worte. Ein paar Mal nur verharrt er für Sekunden. Er scheint dann in sich zu gehen, schliesst die Augen und hebt den Kopf wie ein Blinder, der den Horizont sucht.

Uns interessiert, was er über die heutigen Medien denkt, über die Fake-News-Debatte und den Vorwurf, die Journalisten lebten in einer Blase. Wir tasten uns heran, wir fragen: «Herr Ramspeck, welche Zeitung lesen Sie mit grosser Lust?» – Schon stecken wir im Russland des 19. Jahrhunderts.

«Ich will Ihnen etwas sagen», hebt Ramspeck an, «ich habe heute auf dem Weg zu diesem Treffen den ‹Oblomow› gekauft von Gontscharow. Ich kenne das Buch, aber ich habe das Bedürfnis, es wieder zu lesen. Warum? Wenn ich sehe, was in der Neuen Zürcher Zeitung über Russland steht und was man von Wladimir Putin halten soll, so muss ich sagen: Im ‹Oblomow› oder im ‹Idioten› von Dostojewski erfahre ich mehr darüber, wer die Russen sind und wie sie denken und fühlen.»

Viele Journalisten hätten kein historisches Gedächtnis, sagt Ramspeck, kein Auge für Zusammenhänge. Das sei früher anders gewesen. Andererseits sei früher auch viel mehr Mist in den Zeitungen gestanden, die Artikel seien schlechter recherchiert gewesen als heute. «Ich will gar nicht wissen, was wir alles geschrieben haben.»

Ramspeck, das sind sechs Jahrzehnte gelebter Journalismus. Seine schönsten Jahre hat er als Redaktor der Zürcher Woche von 1963 bis 1967: «Wir waren ein winziges Hüüfeli, aber wir arbeiteten im Bewusstsein, dass wichtig ist, was wir machen», sagt er.

Es ist die Zeit des Vietnamkriegs, und Ramspeck wird ein bisschen politisiert. «Ich verstand nicht, was die Amerikaner in Vietnam wollten. Ich liebte die Amerikaner, sie hatten uns den Jazz gebracht, aber ich lehnte diesen Krieg ab.» Seine Freunde und er verstehen sich als Nonkonformisten, nicht als Linke. «Links waren die Arbeiter, erst die 68er bezeichneten sich als Linke.»

1981, mit 45, übernimmt er mit Rudolf Bächtold die Chefredaktion der Weltwoche. Im Duo leiten sie die Zeitung: Ramspeck, stets leger gekleidet, als Meister des Worts, Bächtold, immer mit Krawatte, als Mann auf der Kommandobrücke.

Jede Woche schreibt Ramspeck seine bald legendäre Glosse mit dem Titel «Untendurch». Er erschafft dafür ein Alter Ego und nennt ihn Oskar Nebel. Den Nachnamen hat er vom Satiremagazin Nebelspalter abgeleitet. Napo, der Hund, Nebel, das Pseudonym: Die Verkürzung auf zwei Silben scheint seine bevorzugte Methode zu sein, um Namen zu kreieren.

Hersteller von Humor

Auf den Redaktionsgängen ist Ramspeck oft anzutreffen, er redet mit allen. Nur dienstagabends, wenn die Weltwoche produziert wird, verbarrikadiert er sich in seinem Büro. Dann schreibt er sein «Untendurch». Irgendwann in der Nacht öffnet sich die Tür, und Ramspeck kommt heraus. Das Büro ist in Zigarettenqualm gehüllt. Auf dem Pult steht eine leere Flasche Bier. Die neuste Kolumne ist geboren.

«Die Herstellung von Humor», hat Ramspeck einmal gesagt, «erscheint leicht, sie ist aber eine schwere Aufgabe.» Beim Fabrizieren seiner Glosse bestehe der Trick darin, «ein Ereignis auf den Rücken zu legen und solcherart von unten zu betrachten. Von unten ist manches, was sich von oben als bedeutsam darstellt, ganz von selber absurd.»

Bedeutsam und absurd sind auch die Vorgänge im Weltwoche-Verlag. 1987 kauft Werner K. Rey den Verlag für 225 Millionen Franken von Max Frey. Dieser lässt sich für 60 Millionen eine Yacht bauen, die El Bravo II, und heiratet in Havanna eine Brasilianerin. Trauzeuge ist Fidel Castro, der kubanische Diktator. Frey will angeblich dessen Bruder Raul in Wirtschaftsfragen beraten. Ramspeck sagt: «Ich weiss nicht, ob es stimmt, aber es gibt ein Foto, das sie zusammen zeigt.»

Unterdessen trifft sich in Zürich der Statthalter von Rey mit der Redaktion. «Er sagte uns: ‹Wisst ihr, der Werni interessiert sich erst ab zehn Chiste›», sagt Ramspeck. «Wir konnten also zehn Millionen Franken pro Jahr verlieren, ohne dass Rey irgendetwas sagt.» Die Weltwoche macht aber keinen Verlust, im Gegenteil, sie verdient Millionen, es sind die goldenen Jahre des Journalismus, mit Ausgaben voller Inserate.

Als Niklaus Meienberg, der Star-­Mitarbeiter, wieder einmal eine Krise hat, machen ihm Ramspeck und Bächtold ein Angebot: «Du kannst verreisen, wohin du willst, wir bezahlen es.» Meienberg fällt nichts ein. Er bleibt in Zürich.

1991 bricht das Firmen-Imperium von Rey zusammen, und die schönen Gewinne verschwinden in der gigantischen Konkursmasse. Ramspeck erzählt es mit leisem Bedauern, ohne jedes Zeichen von Aufregung. Stoisch fast sitzt er in seinem Clubsessel, man kann ihn sich unruhig nicht vorstellen.

Es ist ein Montag im Dezember 1997, als bekannt wird, dass die Zürcher Bankgesellschaft und der Basler Bankverein fusionieren. Der Redaktionsschluss steht bevor, der Inlandchef wird nervös: «Wir müssen unbedingt auch aus Basel etwas im Blatt haben zu dieser Megafusion, irgendetwas!» Ramspeck sagt: «Wir müssen gar nichts. Wenn wir eine gute Idee haben, realisieren wir sie. Wir können eine Schnitzelbangg schreiben zu dieser Fusion oder von mir aus ein Gedicht. Aber irgend­etwas, das schreiben wir nicht.» Der Inlandchef lächelt säuerlich. Ramspeck ist auch als Chefredaktor ein Nonkonformist geblieben.

Einmal lässt ihm ein Werber ausrichten, er würde gerne eine Kolumne im Wirtschaftsteil schreiben. Der Mann heisst Martin Suter. «Ich wusste, dass er ein guter Texter ist. Das war mir irgendwoher bekannt», sagt Ramspeck. Er gibt ihm die Kolumne, ohne eine Arbeitsprobe zu verlangen. Die Kolumne heisst «Business Class» und ist der Start von Suters Schriftstellerkarriere. Ramspeck liest bis heute jedes Buch von Suter. «Sie sind raffiniert, aber manchmal finde ich seine Schlüsse erzählerisch etwas ­mutlos.»

Goalie mit Zigarette

Jürg Ramspeck kann über alles reden, er redet auch über Fussball und erzählt, wie er lange in einem «Güggeli­-Verein» gespielt habe, einer Plauschmannschaft, zusammen mit alten Freunden. «Wir spielten einmal gegen die Nationalmannschaft der Malediven, das Resultat bleibt geheim.» Er sei Goalie gewesen, «aber ich hatte keine Verpflichtung, einen Ball zu halten, und ich durfte im Tor rauchen».

Einzig über die heutige Weltwoche mag er nicht gross sprechen, er weicht dem Thema aus. Seine Frau hat dort noch immer ihre Kolumne. Mit Roger Köppel, dem Verleger und Chefredaktor, telefoniere er ein- bis zweimal im Jahr, das sei immer interessant. «Er ist ein Mensch, der laut ausrufen muss, um sich selbst zu überzeugen.»

Dass Köppel allein verantwortlich ist für die Weltwoche, gefällt ihm. Karl von Schumacher, ihr Gründer, habe vor seinem Tod einen letzten Wunsch geäus­sert: dass die Zeitung jemandem gehöre, der mit ihr stehe und falle. «Das weiss ich von Manuel Gasser», sagt Ramspeck. Gasser war Mitbegründer der Weltwoche. Er hat Ramspeck angestellt, damals vor über sechzig Jahren.

Ramspeck könnte sich heute zurücklehnen und den Pensionär geben. Er könnte nochmals einen Espresso bestellen, die Beine überei­n­anderschlagen und den Gästen zu­schauen, die im «Au Premier» kommen und gehen, während jetzt draussen die Sonne untergeht. Ramspeck bestellt keinen Kaffee. Er erzählt von seinem neusten Projekt.

Was läge näher als eine Autobiografie? Ramspeck sagt, das käme ihm nie in den Sinn. Er plane ein Buch über eine wichtige Figur. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.04.2017, 13:23 Uhr

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