Gefälligkeit statt Kompetenz

Der Jubel war gross, als mit der neuen Post-Chefin Susanne Ruoff endlich einmal eine Frau an der Spitze eines grossen Unternehmens gelangte. Dass ihr die Erfahrung fehlte, ging im Beifall unter.

Susanne Ruoff hatte das Betrugssystem jahrelang nicht gestoppt.

Susanne Ruoff hatte das Betrugssystem jahrelang nicht gestoppt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als der damalige Post-Präsident Peter Hasler 2011 die angebliche «Perle» Susanne Ruoff als neue Konzernchefin vorstellte, applaudierte die gesamte «progressive» Schweiz: «Endlich ein gutes Vorbild», so der Blick. Ruoff zeige «vor allem jungen Frauen, dass sie auch mit Kindern beruflich weiterkommen können». «Überraschend und mutig», bezeichnete die Berner Zeitung den Entscheid, eine Externe zur Post-Chefin zu machen. Von einem «wichtigen Signal» sprach die Gewerkschaft Syndicom. Gar zur «neuen Chefin des ‹Macho-Clubs›», stilisierte die Aargauer Zeitung Ruoff hoch. Dass sie keine Erfahrung in den wichtigen Post-Bereichen Logistik und Finanzmarkt hatte, über kein politisches Netzwerk verfügte und viel weniger Führungserfahrung als ihre Konkurrenten um den Chefsessel auswies, ging im Beifall fast unter. Endlich eine Frau an der Spitze eines grossen Unternehmens – und erst noch eine, die Kinder und Karriere unter einen Hut brachte – das musste einfach gut kommen! Niemand hätte gedacht, dass Ruoff einst wegen ganz profaner Buchhaltungs-Tricks den Rücktritt geben müsste.

Die Ausmasse dieser Betrügereien bei der Firmensparte Postauto sind nach Publikation mehrerer Expertenberichte nun allmählich abschätzbar: Wohl über 100 Millionen Franken beträgt der Schaden für die Öffentlichkeit durch vorsätzliche Falschverbuchungen. Die gesetzwidrige Praxis hielt möglicherweise seit 20 Jahren an.

Urs Schwaller ist angezählt

Susanne Ruoff, die schon am Freitag zurücktrat, hatte dieses Betrugssystem zwar nicht erfunden, es aber jahrelang nicht gestoppt. Auch wenn sie, wie behauptet, bis vor Kurzem nichts davon gewusst haben sollte, war ihr Abgang zwingend. Offenbar hatte sie die angeblichen «Machos» in ihrem Unternehmen nicht im Griff – beziehungsweise, diese hatten vor der überforderten Chefin so wenig Respekt, dass sie ihre Betrügereien ungeniert weiterführten.

Angezählt ist auch der aktuelle Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller. «Wir müssen künftig kritischer hinschauen, als dies in der Vergangenheit der Fall war», lautete gestern das «Mea Culpa» des früheren CVP-Ständerats. Selbst wenn man glaubt, dass Schwaller seit seinem Amtsantritt 2016 nichts von der Affäre hat wissen können: Ein klares Statement, der richtige Mann zu sein, um den Augiasstall Postauto AG auszumisten, tönt anders. Ob der Verwaltungsrat der Post jetzt unter Schwaller oder seinem Nachfolger nach einer neuen Post-Chefin oder einem neuen Post-Chef sucht: Diesmal sollte tatsächliche Kompetenz und nicht politische Gefälligkeit den Ausschlag für den Job geben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.06.2018, 07:19 Uhr

Artikel zum Thema

Erschreckende Befunde der Experten

Der Skandal bei der Postauto AG zieht weite Kreise. Der Preisüberwacher schlägt Alarm – und das Bundesamt für Verkehr (BAV) bleibt untätig. Mehr...

«Sie könnens noch 10 Mal schreiben, ich würde erst den Bericht lesen»

Video Bundesrätin Leuthard nahm zum Postauto-Skandal Stellung – und trat energisch dem «CVP-Filz»-Vorwurf entgegen. baz.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

Die Post kommt an die kurze Leine

Die Kaderlöhne sollen gekürzt, die Aufsicht extern überprüft werden: Der Bundesrat reagiert auf den Postauto-Skandal. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Edler Schlitten: Eine Yacht wird im holländischen Oss gebaut (8. August 2018).
(Bild: Piroschka van de Wouw) Mehr...