Gentleman vom Eis

Paul Wyss, alt Nationalrat und einst Direktor der Handelskammer, wird 90 Jahre alt. Eine Schweizer Karriere.

Umgänglich, klug und vernetzt: Paul Wyss (Mitte) mit Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz (r.) und Lennart Meri (l), estnischer Staatspräsident, bei der Eröffung der Mustermesse 1994.

Umgänglich, klug und vernetzt: Paul Wyss (Mitte) mit Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz (r.) und Lennart Meri (l), estnischer Staatspräsident, bei der Eröffung der Mustermesse 1994. Bild: Keystone

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Paul Wyss war erst vierzehn Jahre alt, als ihn der damalige Eishockeyclub EHC Basel-Rotweiss entdeckte, besser: sichtete – denn schwer war das nicht. Obwohl noch ein Bub, war Wyss in jungen Jahren kräftig in die Höhe geschossen: Er mass im Alter von vierzehn Jahren bereits 1 Meter 80, und wenn er also Schlittschuhlaufen ging, was er gerne und oft tat, war er nicht zu übersehen, sodass er eines Tages auch einem Eishockeyspieler des EHC aufgefallen sein muss: «Willst du nicht bei uns als Goalie mitmachen?»

1 Meter 80 schien gross genug, um das kleine Tor auf dem Eisfeld auf immer zu verbarrikadieren – und Paul Wyss, sonst ein eher milder, konzilianter Typ, stellte sich in diesem Fall gerne als Hindernis zur Verfügung. Es begann eine jahrelange Karriere und Leidenschaft, die Wyss in Basel, in der Region, ja in der ganzen Schweiz bekannt machte, so bekannt, dass er später, nicht zuletzt deswegen, auch zu einem genauso prominenten Politiker werden sollte. Man handelte ihn als Bundesrat.

Wir schreiben das Jahr 1942, als man Wyss als Goalie anwarb, und der EHC Basel-Rotweiss war damals nicht irgendein Club, sondern er erlebte gerade eine seiner besten Zeiten. Vor Kurzem, 1941, gerade in die Nationalliga A aufgestiegen, verbesserte er sich Jahr für Jahr, bis er in der Saison 1945/1946 fast den Meistertitel erringen sollte. Man schlug die beiden Grossmächte der Epoche, den Zürcher Schlittschuhclub ZSC und den HC Davos, bedrängte den SC Bern undwurde Vizemeister.

Bald zählte der EHC Basel-Rotweiss zu den renommiertesten Eishockeyclubs des Landes. Wyss, ein glücklicher Mensch, meistens, hatte auch hier Glück. Kaum war er in den Club eingetreten, musste der bisherige Goalie der ersten Mannschaft ins Militär, immerhin herrschte Krieg, und in der Not fragte man den vierzehnjährigen Wyss, ob er nicht einspringen könnte, was dieser natürlich tat. Er tat das so souverän und versiegelte sein Tor derart luftdicht, dass man ihm innert kürzester Zeit einen Stammplatz anbot.

Der Amateur

Als die einstige Nummer eins aus dem Militärdienst zurückkehrte, wollte ihn der EHC nicht mehr, sondern zog ihm Wyss vor. Der Schüler wurde zum jungen, grossen Star des EHC Basel-Rotweiss. Er absolvierte zahllose Spiele, am Ende gar für die Nationalmannschaft. 1952 fuhr er für die Schweiz an die Olympischen Spiele in Oslo, wo er erneut grosses Glück hatte. Als Goalie Nummer 2 war er vorgesehen, weil aber die Nummer eins, Hans Bänninger, ein Mann vom ZSC, sich am Abend vor einem wichtigen Spiel sinnlos betrunken hatte, kam Wyss zum Einsatz. Die Schweiz beendete das Turnier auf Rang fünf. Was auf dem Eis gelang, missriet Wyss dagegen in der Schule, wo die Lehrer ihm vorhielten, zu viel Eishockey im Kopf zu haben statt des Stoffes, sodass ihn die Eltern irgendwann aus dem Gymnasium nahmen und an eine Handelsschule im Welschland schickten.

Erst nach diesem Umweg holte er in Basel die Matura nach, begann hier das Studium der Nationalökonomie, das er nachher in Bern abschloss. Dass es Bern war, hatte abermals mit dem Eishockey zu tun. Der SC Bern hatte ihn als Torwart abgeworben, also schrieb er sich auch an der dortigen Universität ein. 1954 als Nationalökonom promoviert, zog es ihn indessen zurück in seine Heimatstadt – und warum? Weil der EHC ihn rief, das Goal stand leer.

Dem Eishockey verdankte er schliesslich auch seine erste Anstellung. Es war die Zeit des unprofessionellen Sports, wo angebliche Amateure von einflussreichen Herren im Hintergrund mit Lohn und Brot versorgt wurden. Als der EHC ihn anfragte, bot ihm der Club daher gleichzeitig an, ihm eine Stelle zu verschaffen. Ohne sich darum kümmern zu müssen, durfte sich Wyss bald bei Firmen vorstellen, deren Chefs sich irgendwie mit dem EHC Basel-Rotweiss verbunden fühlten – und da es sich damals bei diesem Club um eine erste Adresse in der Stadt handelte, waren es auch Firmen mit bestem Ruf, die sich um den sonst unbewährten, promovierten Goalie bemühten. Gewiss, inzwischen war er auch Offizier geworden, er hatte mit anderen Worten alles vorzuweisen, was es brauchte, um in der damaligen Schweiz beruflich voranzukommen.

Also sprach Dr. Wyss, Goalie, beim Bankverein vor, der Grossbank schlechthin, dann bei der National-Versicherung und bei J. R. Geigy, einer berühmten Chemiefirma, die damals mit dem Insektizid DDT einen internationalen Verkaufsrenner im Angebot hatte – und die über einen fast ebenso berühmten Chef verfügte, Carl Koechlin. Dieser stellte Wyss, der von Chemie, Farben, Dünger oder Schädlingsbekämpfung gar nichts verstand, sofort an. Wyss trat in die Personalabteilung ein – wie damals die HR, Human Relations, noch auf gut Deutsch hiess. Hier machte er glänzende Karriere. Er blieb bis 1977.

Wer sich heute mit Wyss zusammensetzt, wie ich dies vor wenigen Wochen tun durfte, redet mit einem Mann der feinen, mitunter leisen Töne, was ganz offensichtlich nicht an seinem hohen Alter liegt –, dieser Mann ist nicht versöhnlich geworden, sondern war versöhnlich, seit man ihm, dem Vierzehnjährigen, das Tor anvertraute, weil man ihm alles zutraute.

Jedes Wort scheint überlegt, kein Satz ist böse, kein Gedanke zu scharf: Und dennoch hat ausgerechnet dieser gutmütige Mann, dieser Gentleman vom Eis, beim Unternehmen, das ihn jetzt anstellte, eine Art Revolution ausgelöst. Aus einer etwas steifen, sehr Baslerischen, auch hierarchischen Firma formte Wyss ein Vorbild der neuesten Managementlehren. Heute würde man als partizipativen Führungsstil bezeichnen, was Wyss in den folgenden Jahren zuerst bei der Geigy, dann – nach der Fusion mit der Ciba im Jahr 1970 – als Personalchef bei der Ciba-Geigy durchsetzte. Statt befohlen und angeordnet wurde jetzt gefragt und einbezogen, statt einer Oligarchie der Akademiker herrschte eine Art innerbetrieblicher Parlamentarismus.

Bundesrat oder Basler

Manches drückte sich im Symbolischen aus: Als Wyss bei der Geigy anfing, war es hier (wie in der ganzen Basler Chemie) üblich, dass sich die Hierarchiestufen auch an der Arbeitskleidung erkennen liessen: die Chemiearbeiter trugen blaue Overalls, die Laboranten braune Kittel, die Chemiker, allesamt Akademiker, traten im weissen Kittel auf – und in der Regel liessen sie sich vornehm als «Doktor» ansprechen; ebenso gab es für diese drei Stände gesonderte Toiletten, damit sich niemand unnötig genieren musste –, bis Paul Wyss, der Versöhner, mit diesem sanitarischen Klassenkampf aufräumte. Künftig waren vor dem WC alle gleich. Dass sich Wyss mit diesen Neuerungen nicht allseits beliebt machte, insbesondere beim ersten Stand nicht, den Chemikern, lässt sich unschwer ausmalen – doch Wyss ist noch mit neunzig Jahren ganz der diskrete Personalchef, der nur vorsichtig andeutet, wie verbissen, wie verständnislos man ihn, den Doktor und hohen Offizier, bekämpfte und anfeindete, der auf manche wohl wie ein Verräter an der eigenen Klasse gewirkt hatte.

Doch Wyss genoss das unbedingte Vertrauen von Louis von Planta, dem Chef der damaligen Ciba-Geigy. Was Wyss vorschlug, fand meistens dessen Zustimmung, was Wyss revolutionierte, hiess von Planta im Stil eines aufgeklärten Monarchen gut, und was dieser Mann, einer der mächtigsten Wirtschaftsführer der Schweiz in den 1970er-Jahren, deckte –, dagegen begehrte niemand auf. Er mochte noch so viele Doktortitel und weisse Kittel tragen.

1977 fragte Louis von Planta seinen Personalchef Wyss, ob er nicht Direktor der Basler Handelskammer werden möchte, eine Position, die damals zu den bedeutendsten der Basler, ja der Schweizer Wirtschaftspolitik gehörte. Wyss sagte zu und versah das Amt bis 1993. Fast zur gleichen Zeit, ebenfalls mit der wichtigen Unterstützung durch von Planta, zog Wyss für die FDP Basel-Stadt in den Nationalrat ein. Hier blieb er bis 1994. Zwar war von Planta ein Liberaler, doch wusste er, dass in Bern seinerzeit nur der Freisinn zählte, und dass es für die Basler Wirtschaft unabdingbar war, hier im eigentlichen Vorzimmer der Macht zu sitzen. Also riet von Planta Wyss, der eher einem Basler Liberalen als einem hiesigen Radikalen glich, sich trotzdem für die FDP aufstellen zu lassen.

Von Planta selber fungierte als Präsident des Vororts, wie Economiesuisse, der Spitzenverband der schweizerischen Wirtschaft, noch hiess. Er hiess nicht bloss «Vorort» – er war es auch. An diesem Verband kam niemand vorbei, kein Bundesrat, keine Partei, kein Gott. Und Wyss, der Vertraute des Vorortspräsidenten, stieg in Bern daher nicht ganz überraschend rasch zu einem sehr gewichtigen Politiker auf. Als das Parlament 1984 einen freisinnigen Bundesrat zu bestimmen hatte, kam auch Wyss in Frage. Zwar wählte man schliesslich den Zürcher Rudolf Friedrich, aber manche ahnten, dass Wyss, der Umgängliche, gut Vernetzte und Kluge, wohl besser in dieses Gremium gepasst hätte als der knorrige, etwas depressive Einzelgänger aus Winterthur – wäre Wyss kein Basler gewesen. Bedauert er das heute? Wäre er gerne Bundesrat geworden?

«Nein», sagt er mir – und er sagt es ohne Bitterkeit und ohne Wehmut, sondern mit Realitätssinn: Die Basler hätten in Bern immer einen schweren Stand gehabt. Zu reich, zu selbstständig und eine «zu grosse Schnurre». Wer würde sie gerne wählen? Dass Hans-Peter Tschudi, «ein gescheiter Mann» und letzter Basler Bundesrat (von 1959 bis 1973), es in die Regierung gebracht hatte, sei eher als Sonderfall zu betrachten.

Der Sonderfall Basel. Wenn wir uns ab und zu trafen in den vergangenen Jahren, gab mir Paul Wyss manchmal grossväterlichen Rat. Zwei Dinge betonte er: Basel ist eine Grenzstadt, zu zwei Dritteln fast vom Ausland umgeben, was jedem Unternehmen zu denken geben muss, besonders aber einer Zeitung. Anspruchslos ist es nicht, hier eine rentable Zeitung zu führen. Zweitens erzählte er oft vom Baslerischen und riet mir, der ab und an zum Polemischen neigt, davon abzulassen. Die Basler mögen das nicht, sagte er mir, sie ertragen es nicht, wenn man zu harte Urteile fällt. Den ersten Rat nahm ich ernst, auch wenn selbst ich die Lage von Basel nicht zu ändern vermochte. Den zweiten beherzigte ich. Aber nicht immer gelang es mir, wie manche Basler mir nur zu gerne bestätigen dürften.

Paul Wyss, ein grosser Basler, wird heute 90 Jahre alt. Ich gratuliere sehr herzlich. Wyss erfreut sich bester Gesundheit, er sprüht, er erzählt, er ärgert sich – wir hätten stundenlang über sein Leben reden können. Im Übrigen scheint er immer noch sehr gross, etwa 1 Meter 80. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.07.2018, 11:40 Uhr

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