«Bösartige Attacken»: Gorbatschow tritt gegen Bäumle nach

Green Cross kommt nicht zur Ruhe. Gründungspräsident Gorbatschow erhebt neue Vorwürfe – Interimspräsident Bäumle wehrt sich.

«Schmutzige Spiele» der Schweizer Green-Cross-Führung: Michail Gorbatschow, früherer Präsident von Green Cross International. Foto: Doris Fanconi (TA)

«Schmutzige Spiele» der Schweizer Green-Cross-Führung: Michail Gorbatschow, früherer Präsident von Green Cross International. Foto: Doris Fanconi (TA)

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Michail Gorbatschow war ein Jugendidol von Martin Bäumle – und ein Grund dafür, weshalb der heutige GLP-Nationalrat vor vielen Jahren Green Cross beigetreten war. Gemeinsam engagierten sie sich für die Umweltschutzorganisation, die der letzte Präsident der Sowjetunion im Jahr 1993 gegründet hatte. Inzwischen steckt Green Cross International (GCI) in seiner grössten Krise: Es geht um finanzielle Probleme und personelle Querelen. Gorbatschow ist nicht mehr gut auf seinen früheren Mitstreiter Bäumle zu sprechen. Als Präsident von Green Cross Schweiz (GCCH) ist Bäumle nach Ansicht von Gorbatschow für die Krise von GCI verantwortlich.

«Unrechtmässige» Wahl von Bäumle

In einem Schreiben an die nationalen GC-Organisationen, das baz.ch/Newsnet vorliegt, formuliert Gorbatschow heftige Kritik. Die Rede ist von «schmutzigen Spielen» sowie «Lügen und Manipulationen». «Es ist das passiert, wovor ich gewarnt habe»: Gorbatschow meint damit Bäumles Wahl zum GCI-Interimspräsidenten anlässlich einer GCI-Vorstandssitzung am 24. Februar in Zürich. Dieses Board-Meeting wurde kurzfristig einberufen, nachdem es zu einem Eklat gekommen war.

Aus Protest war Gorbatschow aus dem Vorstand von GCI zurückgetreten, ebenso sein Nachfolger im GCI-Präsidium, Jean-Michel Cousteau, der Sohn des berühmten Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau. Gorbatschow, mittlerweile 86 Jahre alt, hatte in seinem Rücktrittsschreiben der Führung von GCCH den «Versuch einer feindlichen Übernahme» von GCI vorgeworfen. Und er legte den Titel als Gründungspräsident ab.

Im jüngsten Brief schreibt Gorbatschow, dass GCCH die «betrügerische und illegitime Sitzung» in Zürich zu einer «unrechtmässigen Übernahme» der GC-Dachorganisation genutzt habe. Nur zwei rechtmässige Vertreter von nationalen GC-Organisationen hätten an diesem Board-Meeting teilgenommen. Die Schweizer GC-Organisation habe mit ihren «brutalen und bösartigen Attacken» GCI einen «nie dagewesenen Schaden» zugefügt, heisst es im Schreiben des russischen Friedensnobelpreisträgers.

«Wir versuchen, GCI zu sanieren»

GC Schweiz zeigt sich «überrascht» von den heftigen Vorwürfen Gorbatschows. «Wir vermuten, dass er über die finanzielle Lage von GCI nicht korrekt informiert worden ist», sagt Bäumle auf Anfrage von baz.ch/Newsnet. Die Wahl zum Übergangspräsidenten von GCI bezeichnet er als «korrekt und juristisch nicht anfechtbar». An der Sitzung in Zürich habe die Mehrheit der GCI-Vorstandsmitglieder teilgenommen. Dabei sei er einstimmig zum Vorstandsvorsitzenden gewählt worden, hält Bäumle fest.

«Korrekte und juristisch nicht anfechtbare Wahl»: Martin Bäumle, Interimspräsident von Green Cross International. Foto: Keystone

Im Weiteren bestreitet Bäumle, dass er in einen Machtkampf mit Gorbatschow verwickelt sei. Er handle nur im Interesse von GCI und seines Gründers. «Wir versuchen, GCI finanziell zu sanieren und einen ungeordneten Konkurs zu vermeiden.» Die Umweltschutzorganisation mit Sitz in Genf war zuletzt nicht mehr in der Lage, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, weil mehrere nationale Organisationen von GC keine Gelder mehr überwiesen hatten. Seine Zahlungsverweigerung begründete GCCH mit der mangelnden Transparenz bei GCI.

Zweckentfremdung von Geldern

Die Illiquidität bei GCI ist eine Tatsache. Laut Bäumle gibt es beim Organisationskapital ein Minus von 1,7 Millionen Franken. Genaue Angaben zu den Finanzen soll der im letzten Jahr abgetretene GCI-Geschäftsführer Alexander Likhotal immer verweigert haben. «Aufgrund der nun vorliegenden Daten müssen wir annehmen, dass zur Deckung der administrativen Kosten Gelder zweckentfremdet wurden», sagt Bäumle. Aus diesem Grund habe die Geschäftsführung keine Transparenz schaffen wollen.

Die neue Führung um Bäumle möchte nun das Geschäftsgebaren der bisherigen Finanzverantwortlichen von GCI einer genauen Prüfung unter­ziehen. Vor allem will sie Sanierungsmassnahmen erarbeiten, über die an der nächsten Generalversammlung im Herbst 2017 entschieden werden soll. Über die Senkung der administrativen Kosten und Entlassungen soll die finanzielle Lage von GCI bis 2018 stabilisiert werden. Im Vorgehen der neuen GCI-Führung sieht Gorbatschow ein Ablenkungsmanöver der Schweizer aufgrund eigener Missstände. So deutet er eine Zweckentfremdung von Spendengeldern an, was aber von GCCH entschieden zurückgewiesen wird.

Gespräch Bäumle - Gorbatschow nicht möglich

Eine baldige ausserordentliche GCI-Generalversammlung fordern sechs nationale GC-Organisationen. Darunter sind Russland und Italien, die auch im GCI-Vorstand vertreten sind. Gorbatschow unterstützt diese Forderung. Und er hofft, «dass alle, die GCI wiederbeleben wollen, an dieser Generalversammlung teilnehmen werden». Bäumle sieht darin keine Anzeichen für eine Spaltung der Umweltschutzorganisation. «Das sind höchstens interne Turbulenzen, die nach aussen getragen werden.»

Bisher war es nicht möglich, Gorbatschow und Bäumle zu einem klärenden Gespräch an einen Tisch zu bringen. «Wir haben das seit längerem versucht, das scheint aber aktuell unmöglich», sagt Bäumle, der das Amt als Interimspräsident im Herbst wieder abgeben will. «Vielleicht ist ein Gespräch mit Gorbatschow möglich, sobald sich die Wogen geglättet haben und sich ein Sanierungserfolg von GCI abzeichnet.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 21:51 Uhr

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