Hier machte es bei Markus Ritter klick

Wissen Sie, was «Land Grabbing» bedeutet? Für den obersten Schweizer Bauern war dies der Start für die Ernährungs-Initiative – wegen eines hohen Besuchs aus China.

Sein Staat kennt «Land Grabbing» bestens – und er inspirierte den Bauernverband zur Ernährungssicherheits-Intitiative: 
Chinas Premier Li Keqiang inmitten von Jodlern auf einem Hof in Embrach. (24. Mai 2013)

Sein Staat kennt «Land Grabbing» bestens – und er inspirierte den Bauernverband zur Ernährungssicherheits-Intitiative: Chinas Premier Li Keqiang inmitten von Jodlern auf einem Hof in Embrach. (24. Mai 2013) Bild: Keystone

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Knapp und gegen den Willen des Bundesrats hat der Nationalrat am Mittwoch die Initiative für Ernährungssicherheit unterstützt. Die Initianten rund um den Präsidenten des Bauernverbands, CVP-Nationalrat Markus Ritter, haben damit ihre Forderung, der Bund solle die Versorgung der Bevölkerung durch einheimische Produkte fördern, einen Schritt weitergebracht.

Ritter liegt mit seiner Forderung vor allem eines am Herzen: den Verlust von Kulturland zu reduzieren. Jährlich würden 2700 Hektaren «bestes Kulturland» verbaut, erklärte Ritter in seinem Plädoyer im Rat. Und 1400 Hektaren pro Jahr würden verwalden: «Damit werden unsere natürlichen Ressourcen für die Lebensmittelproduktion immer weiter eingeschränkt.»

Innerhalb der letzten 30 Jahre wurde der Schweizer Boden immer mehr zum Wohnen als für die Landwirtschaft benutzt. Quelle: BFS Arealstatistik.

Für den Bauernverbandspräsidenten ist klar, dass für die Versorgung der Schweizer Bevölkerung mit einheimischen Produkten viel Land gebraucht wird. Die Schweiz sei jetzt nur noch zu 50 Prozent selbstversorgend, und es werde immer weniger.

Kritiker der Initiative für Ernährungssicherheit sehen in der Vorlage einen versteckten Versuch, die Reformen in der Landwirtschaft wieder rückgängig zu machen. Ein weiterer Vorwurf der Gegner ist, dass die Initiative nichts verändern würde und nicht klar ist, welche Gesetze betroffen wären.

Das chinesische Land Grabbing als Inspiration für die Initiative

Ritter vergleicht die Reduzierung von Kulturland in der Schweiz in seiner Argumentation mit dem Land Grabbing: dem grossflächigen Aufkaufen von Land in Schwellen- und Drittweltländern durch finanziell starke Staaten, vor allem in Afrika und in Asien.

«Das Land Grabbing zeigt, dass sich viele Staaten auf der ganzen Welt bewusst sind, dass die Versorgung ihrer Bevölkerung mittel- und langfristig mit dem eigenen Kulturland nicht gesichert ist», sagt Ritter. In den kommenden 20 Jahren würde es in weiten Teilen der Erde zu einem «Engpass in der Ernährungssicherheit» kommen. Es sei wichtig, dass die Versorgung der Schweizer Bevölkerung für die Zukunft gesichert werde: «Das geht nur, wenn der Verlust von Kulturland deutlich reduziert wird. Andernfalls ist in 200 Jahren die ganze Schweiz vom Bodensee bis zum Genfersee verbaut.»

Besonders bekannt für das Land Grabbing sind die Chinesen. Schon seit mehreren Jahren kauft sich das Land systematisch in afrikanische Farmen, beispielsweise in Moçambique, ein und bringt zur Bewirtschaftung nicht selten gleich noch chinesische Bauern mit.

Es sind denn auch die Chinesen, die Ritter und die anderen Initianten für diese Initiative inspiriert haben. Während eines Besuchs des chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang, unter anderem auf einem Hof eines Mitglieds des Bauernverbands, sei die Idee entstanden, sagt Ritter.

Über 220 Millionen Hektaren wurden in Drittweltländern gekauft

Land Grabbing wird mittlerweile von vielen Staaten oder auch privaten Investoren getätigt. Japan, Südkorea und China bezwecken damit vor allem, sicherstellen zu können, ihre Bevölkerung ausreichend zu ernähren. Golfstaaten wie Katar oder Saudiarabien haben das gleiche Ziel vor Augen, doch verschiedene Bedingungen. Wegen der Wüstenlandschaften ist der landwirtschaftliche Anbau in ihren Ländern schwierig. Durch den Ankauf von Land in fruchtbareren Regionen wollen sie vor allem unabhängiger werden.

Die dritte Gruppe, multinationale Konzerne oder private Investoren, sind neu, aber immer stärker in diesem Markt tätig. Sie profitieren von der Nahrungsmittelknappheit und benutzen das Land hauptsächlich, um daraus finanziellen Profit zu schlagen.

Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. Bild: TA-Grafik str, san / Quelle: Martin Häusling MDEP

Mittlerweile hat der Landkauf solche Ausmasse angenommen, dass die Welternährungsorganisation FAO und Nichtregierungsorganisationen wie die Welthungerhilfe von einem «Neokolonialismus» sprechen. Die internationale Entwicklungsorganisation Oxfam schätzt, dass in Entwicklungsländern seit 2001 über 220 Millionen Hektaren Land von ausländischen Investoren aufgekauft wurden oder gepachtet werden.

Auch Schweizer Firmen kaufen Land, um damit ein Geschäft zu machen

Die Folgen des Land Grabbing können dramatisch sein. Es kann eine künstlich hohe Nachfrage für Nahrungsmittel entstehen, was die Preise für die lokale Bevölkerung in die Höhe schnellen lässt. Ausserdem bauen Unternehmen auf dem Land oft keine Nahrung an, sondern benutzen die Fläche für die Produktion von Treibstoff oder Tierfutter.

Auch Schweizer Investoren werden mit Land Grabbing in Verbindung gebracht. Der Schweizer Ölmilliardär und Kunstmäzen Jean-Claude Gandur kaufte 2011 57'000 Hektaren Land in Sierra Leone. Dort baut er jetzt Zuckerrohr für die Herstellung des Treibstoffs Bioethanol an. NGOs bezichtigen ihn des Land Grabbing. Sie kritisieren, er würde den Bauern wichtiges Kulturland entziehen.

Oft werden Landgeschäfte im Geheimen abgeschlossen und bleiben unerkannt. Gemäss einem Bericht von «Modern Diplomacy» soll aber auch Glencore in der Ukraine 80'000 Hektaren Land kontrollieren. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.03.2016, 18:00 Uhr

Initiative für Ernährungssicherheit

Die Initiative will die «Ernährungssicherheit» mit einem zusätzlichen Artikel in der Verfassung verankern. Damit soll der Bundesrat beauftragt werden, Massnahmen zu treffen, um die «Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aus vielfältiger und nachhaltiger einheimischer Produktion» zu stärken. Damit meinen die Befürworter vor allem Massnahmen gegen den Verlust von Kulturland. Zusätzlich soll der administrative Aufwand in der Landwirtschaft verringert werden. Die Initiative ist das Resultat der erfolgreichsten Unterschriftensammlung seit 20 Jahren. In nur drei Monaten konnten 147'812 Signaturen gesammelt werden.

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