«Man redet um den heissen Brei herum»

Ein flexibles Pensionsalter rettet die AHV nicht, sagt Christoph Schaltegger, Professor für politische Ökonomie.

Arbeiten im Alter. Die Flexibilisierung führt nur dann dazu, dass die Menschen länger einem Beruf nachgehen, wenn es dafür klare finanzielle Anreize gibt.

Arbeiten im Alter. Die Flexibilisierung führt nur dann dazu, dass die Menschen länger einem Beruf nachgehen, wenn es dafür klare finanzielle Anreize gibt. Bild: Keystone

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BaZ: Herr Schaltegger, bei der anstehenden Reform der Altersvorsorge ist vieles umstritten. Gegen eine Flexibilisierung des Pensionsalters scheint es aber kaum Einwände zu geben. Sie sind allerdings skeptisch. Ist es denn falsch, dass jeder und jede zu einem individuell gewählten Zeitpunkt in Rente gehen kann?

Christoph Schaltegger: Grundsätzlich nicht. Aber die Politik erhofft sich von einer Flexibilisierung, dass viele Arbeitnehmer über das ordentliche Pensionsalter hinaus freiwillig weiterhin tätig sind und dass damit die AHV und Pensionskassen finanziell entlastet werden. Dieses Ziel hat etwa Sozialminister Alain Berset formuliert. Ob sich diese Hoffnung erfüllt, ist aber sehr fraglich. Denn dazu müssten die Anreize so gesetzt werden, dass es wirklich attraktiv ist, länger zu arbeiten. Das ist bis jetzt nicht der Fall. Ich spüre auch keinen Willen, entsprechende Veränderungen vorzunehmen.

Was müsste verändert werden? Die Renteneinbussen beziehungsweise die Rentenzuschläge für eine vorzeitige oder eine spätere Pensionierung spielen eine entscheidende Rolle. Jemand, der über das ordentliche Pensionsalter hinaus tätig sein will, muss natürlich einen klaren finanziellen Anreiz dafür haben. Die Zuschläge bei einem Aufschub der Pensionierung müssten aber viel höher sein, als die, die jetzt in der Vorlage AHV 21 des Bundesrats vorgesehen sind. Versicherungsmathematisch ist es zudem so, dass die Zuschläge bei einem späteren Abschied aus der Berufswelt sinken, wenn die Lebenserwartung steigt. Damit wird der Anreiz für eine spätere Pensionierung tendenziell leider immer kleiner. Effektiv muss bei einer solchen Flexibilisierung damit gerechnet werden, dass das effektive Pensionsalter sogar sinkt.

«Die Zuschläge bei einem Aufschub der Pensionierung müssten viel höher sein»

Gibt es Erfahrungen damit? International gesehen haben viele Länder Erfahrung mit einer Flexibilisierung des Rentenalters gemacht – etwa Deutschland. In den meisten Ländern hat ein solcher Schritt aber nicht dazu geführt, dass die Leute im Schnitt länger arbeiten. Die Anreize dafür waren zu schwach. Vielmehr hat sich das effektive Rentenalter kaum bewegt, was folglich die Altersvorsorge auch nicht entlastete.

Wie macht man es besser? Wenn man das Ziel hat, dass eine Flexibilisierung das effektive Pensionsalter erhöht und so die Altersvorsorge entlastet, darf diese de facto fast nur in eine Richtung wirken: starke finanzielle Anreize, länger zu arbeiten, und gleichzeitig grosse Rentenabschläge bei einer vorzeitigen Pensionierung. Zur Erinnerung: Nur rund ein Prozent jedes Jahrgangs schiebt heute den AHV-Rentenbezug auf, während die AHV-Vorbezugsquote bei rund 11 Prozent liegt.

Ist es in diesem Fall nicht einfacher, das Rentenalter offiziell zu erhöhen? Durchaus. Jedenfalls ist die Vorstellung, dass eine Flexibilisierung quasi schmerzlos hilft, die Altersvorsorge zu sichern, eine Illusion. Es wäre ehrlicher, das offizielle Rentenalter zu erhöhen, für Männer und Frauen.

Politisch gesehen hat diese Forderung aber einen schweren Stand. Natürlich, ein höheres Rentenalter zu fordern, ist unpopulär. Es handelt sich hier um eines der Tabus in der Debatte um die Sanierung der Altersvorsorge. Darum redet man um den heissen Brei herum und gaukelt vor, mit einer Flexibilisierung könne man eine Erhöhung des offiziellen Rentenalters umgehen. Nüchtern gesehen führt aber kein Weg an einem höheren Rentenalter vorbei.

Christoph Schaltegger ist Professor für politische Ökonomie an der Universität Luzern. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.08.2018, 12:00 Uhr

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