Neue Realitäten in der Stromwelt

Windräder retten uns vor den Launen der Kernkraft.

Langfristig bergen Atomkraftwerke hohe Risiken.

Langfristig bergen Atomkraftwerke hohe Risiken. Bild: Keystone

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Es dröhnte jahrelang durch alle Medien, das Gejammer der Stromkonzerne über den zu tiefen Strompreis und dass die deutsche Energiewende «unseren» Strommarkt ruiniere. Und plötzlich ist da das grosse Schweigen. Denn seit Januar ist der Grosshandels-Strompreis in Höhen geschnellt, die den Schweizer Stromkonzernen wie Weihnachten und Geburtstag zusammen erscheinen müssen. In den kalten Neujahrswochen lagen die Preise tagelang über 100 Euro pro Megawattstunde, teilweise sogar über 130. Zuvor hatten sie während mehrerer Jahre nie die 100-Euro-Grenze geknackt. Und auch jetzt noch, im wärmsten Februar seit Jahren, der auf den kältesten Januar seit Jahren gefolgt ist, bewegen sich die Preise zuverlässig zwischen 40 und 60 Euro pro Megawattstunde. Vor einem Jahr dagegen freute man sich schon über ein paar Stunden mit 33 statt 28 Euro.

Nun hat jede Preishausse ihre Gewinner und Verlierer. Die Gewinner sind jene, die liefern können, die Verlierer sind jene, deren stillstehende Kraftwerke die Hausse erst möglich gemacht haben. Und das sind vor allem die Betreiber von Atomkraftwerken. Die Schweizer Stromunternehmen gehören deshalb gleichzeitig zu den Gewinnern und den Verlierern, weil ihre Wasserkraft die hohen Preise kassiert, welche die stillstehenden Atomkraftwerke Beznau und Leibstadt erst möglich machen. Der Grund für die hohen Preise ist ausgerechnet die Unzuverlässigkeit der Atomkraftwerke in der Schweiz, vor allem aber auch in Frankreich. Dort steht gegenwärtig fast die Hälfte aller AKW still.

Das Problem der Wissenschaftler

Die Röntgenbilder der Druckbehälter zeigen Schatten, von denen man nicht weiss, ob sie Materialfehler sind, in letzter Zeit entstanden sind oder ob sie schon immer da waren und man sie nur dank besseren Röntgen­geräten sieht. Alle Druckbehälter wurden innerhalb weniger Jahre bei derselben Firma hergestellt und könnten durchaus alle denselben Fabrikationsfehler haben. In der Fliegerei würde man nun einen sogenannten Tear-down des ältesten Flugzeuges anordnen. Das ist ein wissenschaftlich begleiteter Abbruch. Denn mit zerstörungsfreien Prüfverfahren wie Röntgen erreicht man nie so genaue Zahlen über die effektiv noch vorhandenen Materialstärken, wie wenn man Materialproben mit hydraulischen Geräten wissenschaftlich-akribisch zerreisst. Doch was bei Flugzeugen alltäglich ist, ist bei hoch verstrahlten Reaktor­teilen unmöglich, die Experten streiten sich und die Werke stehen still. Ungeachtet aller Sicherheitsdiskussionen sind die Atomkraftwerke damit für die Versorgungssicherheit zum grössten Un­­sicherheitsfaktor und Klumpenrisiko geworden.

Die Rettung vor der unzuverlässigen Atom­energie ist vor allem die Windenergie. Hätte Deutschland in den letzten Jahren nicht so viele Windräder gebaut, wäre es nämlich in den letzten Wochen tatsächlich so schwarz geworden in Europa, wie die SRF-Dokumentation «Blackout» am 2. Januar suggerierte. Zwar mussten in den dunklen, sehr windarmen ersten Januartagen alle Kraftwerke ans Netz, die gerade verfügbar waren. Und selbst da haben die deutschen Windanlagen so viel Strom geliefert wie zwei Werke von der Grösse des KKW Leibstadt. Inzwischen bläst der Wind wieder und die deutschen Windräder liefern zuverlässig Strom in der Grössenordnung von 22 grossen KKW. Nicht auszudenken, wenn man die nicht hätte. Dank genauen Wettermodellen kann man diese Produktion inzwischen auch sehr genau voraussagen und damit nur ein Minimum an thermischen Kraftwerken in Reserve halten.

Die Unzuverlässigkeit in der Stromversorgung kommt heute vor allem von der Kernenergie. Wind und Sonne dagegen sind zuverlässig und planbar. Und dank den durch den Ausfall der Kernenergie massiv gestiegenen Preisen sind sie auch ohne Subventionen rentabel. Über tiefe Preise wird erst wieder gejammert, wenn alle Reaktoren zurück am Netz sind. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.02.2017, 12:13 Uhr

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