Nicht Waffen töten, sondern der Mensch

Die EU zielt mit neuen Restriktionen auf unsere Wehrtradition. Doch verhindern restriktive Waffengesetze die Gewalt? Ein Vergleich Schweiz-China.


Viele Amokläufe trotz strengen Waffengesetzen: Der Tiananmen-Platz in Peking, nachdem ein Autofahrer in eine Menschengruppe fuhr, dabei fünf Menschen tötete und zahlreiche andere verletzte.

Viele Amokläufe trotz strengen Waffengesetzen: Der Tiananmen-Platz in Peking, nachdem ein Autofahrer in eine Menschengruppe fuhr, dabei fünf Menschen tötete und zahlreiche andere verletzte. Bild: Keystone

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Kain hatte kein Sturmgewehr und tötete Abel trotzdem. Jetzt soll wegen der EU eine alte Schweizer Tradition, ein Teil des Wehrwillens, abgeschafft und das Volk weitgehend entwaffnet werden. Viele Kräfte bei uns, die schon lange an der Zerstörung der Schweiz als unabhängigem, direktdemokratischem, neutralem, friedlichem und wehrhaftem Land arbeiten, stimmen zu.

Warum wird von ihnen angesichts von 216 Verkehrstoten und 3785 Schwerverletzten (2016) durch den Strassenverkehr nicht gefordert, Autos und Motorräder nur noch gegen den Nachweis zuzulassen, dass zum Beispiel ohne Auto der Beruf nicht ausgeübt werden kann? Da müsste wohl die Mehrheit der Fahrzeugbesitzer, darunter viele Befürworter der Schusswaffen-Abschaffung, auf ihre Fahrzeuge verzichten.

Es stimmt, die Schweiz steht bei den vom Uno-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (Unodoc)erfassten 218 Ländern weltweit an dritter Stelle, was die Zahl der Schusswaffen pro 100 000 Personen betrifft. Aber mit ihrer jährlichen Tötungsrate von 0,6 auf 100 000 Einwohner haben nur acht Länder eine tiefere Rate als wir: von Liechtenstein und Monaco (null) steigend über Singapur, Japan, Französisch Polynesien, Hongkong, Kuwait bis Bahrein (0,5).

Mit anderen Worten: Wir gehören zu den sichersten Ländern der Welt. Dagegen leben laut Unodoc elf Prozent der Weltbevölkerung in Ländern mit einer jährlichen Tötungsrate von 20 bis 91 auf 100 000 Einwohner.

Während der Jahrtausende bis zur Erfindung von Feuerwaffen wurden Millionen von Menschen ermordet, im Streit getötet, fielen in grossen Schlachten. Schon in der Antike wurden in Kriegen ganze Völker ausgelöscht. Die Höhlenbewohner benützten Steinbeile und -Messer, Keulen und dergleichen. Spätere Generationen hatten sich ein Arsenal von Stich- und Hiebwaffen, Pfeilbogen und Armbrüsten geschaffen, sie brannten Dörfer und Städte nieder. Dann kamen Schusswaffen dazu. Aber der Mensch änderte sich nicht und benützte dieses neue Mittel für den gleichen Zweck.

Drakonische Gesetze

Finden heute in Ländern mit sehr viel weniger Schusswaffen weniger Gewaltverbrechen statt als in der Schweiz? Ein Blick auf China ist aufschlussreich. Mit einer Tötungsrate von nur 1 auf 100 000 Einwohner steht es bei den sicheren Ländern weit vorne, wenn auch hinter der Schweiz.

Im Vergleich zur Schweiz hat seine Bevölkerung rund neun Mal weniger Schusswaffen. Seine Feuerwaffengesetze sind drakonisch. Selbst der illegale Besitz eines Luftgewehrs kann zu mehreren Jahren Gefängnis führen. Nur Jäger, Mitglieder von Sportschützenvereinen oder Sicherheitsfirmen dürfen Schusswaffen haben. Bemerkenswert ist, dass die Miao, ein kleiner Volksstamm im Süden, Glattrohrgewehre besitzen darf, weil sie ein wesentlicher Teil ihrer uralten Kultur sind.

Messer, Beile, Hämmer

Wie kommt China mit so wenig Schusswaffen zu einer jährlichen Tötungsrate von 1 auf 100 000 Einwohner? Während zweier China-Aufenthalte habe ich systematisch zwei Tageszeitungen der kommunistischen Partei Chinas auf Verbrechen durch-sucht. Auch auf der Webpage der Schweizer Botschaft in Peking werden einige grosse Fälle genannt.

Welche Mittel benützen Gewalttäter, auch Amokläufer? Messer, Beile, Hämmer, Autos, Sprengstoff, Benzin, alles, was geeignet ist. In den letzten Jahren gab es sehr viele Amokläufe in Kindergärten, Schulen, auch in Super-märkten. Ein Psychiater in Shanghai nannte als Grund «soziale Rache» der zahlreichen Chinesen, die mit der Entwicklung nicht einverstanden sind oder davon negativ betroffen werden.

So fuhr beispielsweise ein Autolenker absichtlich in eine Gruppe von 28 Kindergärtnern, verletzte einige tödlich, viele andere schwer; ein Passagier brachte in einem vollen Bus zehn Liter Benzin zu Explosion und riss 47 mit in den Tod, 38 erlitten schwere Verbrennungen; mit Messern bewaffnete Täter erstachen am Bahnhof von Kunming 134 Menschen und verletzten viele hundert schwer; mit einem Messer erstach ein Mann acht Primarschüler; ein anderer erschlug mit einem Hammer sieben Kindergartenkinder, zwei Erwachsene und verletzte elf weitere schwer; ein Angreifer stach auf 23 Primarschüler und eine ältere Frau ein, konnte aber überwältig werden (in diesem Fall überlebten alle Kinder); vor dem Tiananmen-Platz, dem Herzen Pekings, fuhr ein Fahrer sein Auto in eine Gruppe, tötete dabei fünf Menschen und verletzte zahlreiche andere; in einer Stadt verursachten mehrere Sprengsätze elf Tote und Dutzende von Verletzten.

Sprung aus dem Fenster

Die Schusswaffengegner behaupten, ohne Schusswaffen könnten Selbstmorde massiv reduziert werden. Gibt es in China keine Selbstmorde? Wie bringt man sich ohne Schusswaffe um?

Am «populärsten» ist der Sprung aus dem Fenster. Bei den für die Arbeiter errichteten Schlafsilos sieht man in China immer wieder auf der Höhe der Decke des Erdgeschosses horizontal weit nach aussen und rund um die Gebäude reichende Netze. Mit ihnen sollen diejenigen aufgefangen werden, die sich durch einen Sprung aus dem Fenster umbringen wollen.

Foxconn baute in Südchina Schlafsilos für 30 000 neue Mitarbeiter (enge Achterzimmer mit vier doppelstöckigen Kajütenbetten), die nach der Entlassung der 30 000 Apple-Mitarbeiter in den USA die Montage der Apple-Produkte übernahmen.

Da die Bauten soeben fertiggestellt worden, aber die Netze noch nicht installiert waren, hatten sich schon 28 der soeben eingezogenen Arbeiterinnen und Arbeiter durch einen Sprung aus dem Fenster umgebracht.

Keiner erschoss sich

Auch in Ungnade gefallene führende Parteimitglieder bringen sich so um oder werden aufgefordert, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Am 18. Februar 2013 veröffentliche die kommunistische Parteizeitung Global Times einen Artikel über 24 chinesische Spitzenbeamte – Mitglieder der KP – die zwischen 2009 und 2013 Selbstmord begangen hatten.

16 hatten sich durch Sprung aus dem Fenster umgebracht, fünf hatten sich erhängt, einer hatte sich vor den Zug geworfen, und einer hatte sich eine Schlagader aufgeschnitten. Bei einem war die Todesursache unklar.

Nicht einer hatte sich erschossen. Die Zeitung schrieb, sie und die Leser glaubten der offiziellen Begründung – Depressionen – nicht. Sie forderte eine wahrheitsgemässe Information.

Gewalt gegen das Leben geht vom Menschen aus und hängt nicht von den Mitteln ab. Verhindern wir darum einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Abschaffung der Schweiz.

Gotthard Frick, Bottmingen, war als Projektleiter weltweit tätig. Er ist Volkswirtschafter, Mitglied der SP und ehemaliger Kommandant eines Infanterie-Bataillons. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 11:07 Uhr

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