Ombudsstellen für alle!

Beratung für belästigte Politikerinnen? Die etwas andere Analyse.

Feuchtfröhlicher Abend im Bundeshaus. Parlamentarierinnen fordern die Schaffung einer professionellen Anlaufstelle im Bundeshaus für Opfer von Sexismus.

Feuchtfröhlicher Abend im Bundeshaus. Parlamentarierinnen fordern die Schaffung einer professionellen Anlaufstelle im Bundeshaus für Opfer von Sexismus. Bild: Keystone

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Stellen wir uns Frau A. vor, eine willensstarke Person, die es weit gebracht hat. Bis in den Nationalrat. Und stellen wir uns Herrn B. vor, ebenfalls erfolgreich und Mitglied des Nationalrats. Frau A. und Herr B. bringen im Parlament Vorstösse ein, schmieden Gesetze und entscheiden mit ihren Ratskollegen über die Geschicke des Landes. Sie widerstehen Druckversuchen von Lobbyisten, setzen sich gegen politische Gegner durch und haben schon manchen Machtkampf überstanden.

Herr B. aber hat ein Problem. Eines mit Frauen.

Es passiert an einem feuchtfröhlichen Parlamentarierabend. Frau A. wird von Herrn B. angetanzt. Herr B. berührt Frau A. unsittlich und sagt ihr etwas Obszönes ins Ohr. Ein inakzeptabler Vorfall also.

Es braucht Abhilfe

Frau A. hat nun mehrere Handlungsoptionen: Sie kann Herrn B. eine Standpauke halten. Oder sie kann ihm eine runterhauen. Oder sie kann ihn stehen lassen, weil angesichts des geflossenen Alkohols kaum auf sofortige Einsicht zu hoffen ist. Sie kann Herrn B. dann am nächsten Tag zur Rede stellen – je nach Dringlichkeit diskret oder öffentlichkeitswirksam. Zudem kann sie Herrn B. anzeigen, was sich insbesondere dann empfiehlt, wenn der Vorfall nicht erstmalig sein sollte.

Wahrscheinlich weiss sich Frau A. als gefestigte Persönlichkeit zu helfen. Aber man darf sich nicht täuschen: Vielleicht ist Frau A. – so willensstark sie sonst ist – in genau dieser Situation überfordert. Möglicherweise schafft sie es nicht, Rat und Unterstützung bei Leuten zu holen, die ihr nahestehen. Und Sie weiss nicht, dass es fast überall Anlaufstellen für sexuell Belästigte gibt, auch Polizeiposten genannt. In diesem Fall ist Frau A. aufgeschmissen.

Es braucht also Abhilfe in Bundesbern. Die Grüne Partei hat das erkannt. «Opfer haben heute keine fachkompetente Stelle, an die sie sich wenden können», sagte Fraktionschef Balthasar Glättli am letzten Wochenende. Auf Anregung der Grünen hat das Büro des Nationalrates bereits darüber diskutiert, eine Anlauf- und Beratungsstelle zu schaffen.

Kommt der Vorschlag durch, kann sich Frau A. in ihrer Not also an eine Bundeshaus-Ombudsstelle wenden.

Sie trifft dort auf eine Ombudsperson. Frau A. schildert ihr, was vorgefallen ist. Die Ombudsperson stellt fest, dass das Verhalten von Herrn B. inakzeptabel ist. Frau A. bekommt den Rat, Herrn B. eine Standpauke zu halten. Oder Herrn B. diskret zur Rede zu stellen. Oder ihn anzuzeigen. Nützt alles nichts, kann die Ombudsperson Herrn B. zu einem Gespräch einladen. Dieser entschuldigt sich dann bei Frau A. Oder er streitet alles ab. Jedenfalls wäre Frau A. geholfen.

Die Sache hat einen Haken

Eine neue Beratungsstelle einzurichten ist wichtig, weil es unter der Bundeshauskuppel derzeit so viele konservative Männer gibt. «Ein konservatives Klima fördert Doppelmoral», hielt Markus Theunert fest. Er muss es wissen, ist er doch Präsident des Dachverbands Schweizer Männer. Und doch gibt es da einen Haken: Was, wenn die Ombudsperson das Machtgefälle, das sie gegenüber der wehrlosen Frau A. hat, ausnutzt? Und selber übergriffig wird? Denkbar sind unsittliche Berührungen und obszöne Worte mitten im Beratungsgespräch. Solche Dinge passieren. Zwischen Männern und Frauen, zwischen Männern und Männern, und sicher auch zwischen Frauen und Frauen. Frau A. wäre erneut aufgeschmissen.

Die Parlamentarierwelt würde mit der neuen Beratungsstelle zwar ein Stück weit perfekter. Aber nicht perfekt genug. Es braucht gleich noch eine Ombudsstelle für Menschen, die von Ombudspersonen belästigt worden sind. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.12.2017, 09:23 Uhr

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