Pink Lobbying

Wie der Schwulen-Dachverband den Opferstatus zementieren will.

Aktion der Organisation Pink Cross in Basel.

Aktion der Organisation Pink Cross in Basel. Bild: Keystone

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Es mutet absurd an, aber der Opferstatus ist erstrebenswert geworden. Dabei geht es nur bedingt um Anteilnahme und Aufmerksamkeit. Entscheidender sind die öffentlichen Gelder, die einem als Opfer oder noch besser als Opfergruppe zuteilwerden.

Wie das geht, beschreibt der deutsche Spiegel-Journalist und Autor Jan Fleischhauer in seinem Buch «Unter Linken»: «Was nützt es, sich im Unrecht zu sehen, wenn niemand anders das genauso sieht? Erst die Anerkennung durch die Umwelt begründet den Opferstatus und verschafft einem die Vorteile, die damit möglicherweise einhergehen.» Der einfachste Weg zu Anerkennung sei die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, der Zusammenschluss mit Gleichgesinnten. Wichtig dabei sei eine starke Identität, die durchsetzungsstark mache und einem das nötige Auftreten verschaffe. «Sie kann in einer gemeinsamen Opfergeschichte begründet sein, einer langen Gruppenerfahrung von Diskriminierung und Ausgrenzung.»

Erfahrungen, die Homosexuelle hierzulande in der Vergangenheit zweifellos machten. Inzwischen sind dies allerdings Tempi passati. Beweise dafür gibt es zahlreiche. So hat die Schweizer Stimmbevölkerung 2005 klar Ja gesagt zur rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Politiker bekennen sich öffentlich zu ihrer ­Homosexualität, ja, die Mehrheit der Bieler Exekutive ist homosexuell. Ebenso der Erziehungsdirektor des Kantons Bern, der seit seiner Wahl im Jahr 2006 zweimal mit exzellenten Wahlresultaten im Amt bestätigt worden ist. Sogar bei der Polizei – einst als homophob verschrieen – gibt es seit Jahren den Verein PinkCop, der sich für die Anliegen der Community unter anderem im Unterricht der Zürcher und Genfer Polizeischule engagiert.

Dies führt zum nächsten Schritt. Wie Fleischhauer weiter schreibt, liegt die eigentliche Herausforderung am Opferstatus darin, ihn sich zu erhalten, wenn man ihn einmal gewonnen hat. Seiner Natur nach sei der Opferstatus temporär und alle Bemühungen, die er auslöse, seien auf seine Überwindung gerichtet. «Das proklamierte Ziel ist ja nicht, sich als Opfer in der Gesellschaft einzurichten, sondern sich zu emanzipieren und zur Mehrheit aufzuschlies­sen; mit der Normalität geht aber unweigerlich der Verlust der Sonderrolle einher, die einen heraushebt und besonders macht, auch besonders bedauernswert.»

Gestossen oder angespuckt

Laut Fleischhauer besteht die Kunst also darin, sich zu befreien und trotzdem Opfer zu bleiben, als Benachteiligte die Benachteiligung zu beenden, ohne den Kreis der Benachteiligten zu verlassen. Was sich nach einem Unterfangen anhört, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, lasse sich erreichen, so der Autor. «Man muss nur den richtigen Dreh raushaben.»

Den hat Pink Cross zweifellos raus. Der Schwulen-Dachverband bereitet derzeit den Nährboden, auf dem staatliche Zuwendungen gedeihen. Laut der vom Schwulen-Dachverband betriebenen Meldestelle gegen «homo- und transphobe» Gewalt gingen in den drei Monaten seit Inbetriebnahme der Stelle 100 Meldungen ein. Demnach kommt es in der Schweiz täglich zu einer Gewalttat gegen Schwule, Lesben, Bi- oder Transsexuelle oder kurz LGBT, wie der Pink-Cross-Überbegriff für diese Gruppe lautet. Es handle sich nicht nur um verbale Gewalt, betont der Pink-Cross-Geschäftsleiter Bastian Baumann. «Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen werden aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität auch physisch angegangen, etwa gestossen oder angespuckt.» Es gebe sogar Fälle, in denen die Opfer so schwer verletzt worden seien, das sie sich in Spitalpflege hätten begeben müssen.

Damit wird «homo- und transphobe» Gewalt in der Schweiz erstmals konkret beziffert. Dass das bislang nicht nötig war, liegt daran, dass Polizei und Justiz alle Gewaltopfer ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung ernst nehmen, die Täter verfolgen und bei ausreichender Beweislage verurteilen.

Weil der Staat für akzeptierte Minderheiten aber kein Geld locker macht, erhebt Pink Cross nun die Zahl der «homo- und transphoben» Gewaltdelikte. Schliesslich ist es das erklärte Ziel des Dachverbandes, das Präventions- und Beratungsangebot auszubauen. «Es braucht spezialisierte Angebote, weil die Opfer etwa bei einer Anzeige wegen häuslicher Gewalt ihre sexuelle Orientierung outen müssen», sagt Baumann. Der Verband erwartet hier mehr staatliches Engagement. «Entweder indem der Bund Präventions- und Beratungsangebote direkt oder dann über Leistungsverträge finanziert.»

Fragwürdige Zahlen

Sekundiert wird Baumann von den Medien und der Politik. So hat die Zürcher BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti bereits einen Vorstoss eingereicht, der verlangt, dass künftig in der Kriminalitätsstatistik des Bundes Gewalt gegen Homosexuelle und Transmenschen ausgewiesen wird. «Um gute Prävention machen zu können, sind statistische Daten wichtig», sagte Quadranti gegenüber Radio SRF. Weil der Bundesrat noch nichts entschieden hat, will Quadranti – beunruhigt durch die Zahlen von Pink Cross – in der Frühlingssession nachhaken. Allerdings sind die Zahlen fragwürdig.

Das beginnt damit, dass Pink Cross die Frage nicht beantworten kann, in wie vielen Fällen die Opfer physischer Gewalt ausgesetzt gewesen waren. Ebenso wenig wie die Frage nach der Anzahl Opfer, die so schwer verletzt wurden, dass sie ins Spital eingeliefert werden mussten. Geschäftsleiter Baumann vertröstet auf Mitte Jahr: «Bis dahin wollen wir die Meldungen ausgewertet haben.» Doch selbst dann sind die Zahlen mit Vorsicht zu geniessen: Weil die Opfer ihre Meldungen anonym machen können, lassen sie sich nicht überprüfen. Wegen der Länge des Fragebogens liessen sich Unschlüssigkeiten schnell entdecken, sagt Baumann. «Ich kann mir nicht vorstellen, weshalb jemand falsche Angaben machen sollte.» Dabei braucht es dafür nicht so viel Fantasie. andrea.sommer@baz.ch (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.02.2017, 08:57 Uhr

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