Politische Sollbruchstelle der Schweiz

Der Doppeladler ist das Deutschschweizer Wort des Jahres. Die Diskussion über die Geste gab einen intimen Einblick in die Psyche der Nation.

Im Alltag angelangt: Xherdan Shaqiris Doppeladler-Geste bei der WM-Partie gegen Serbien. Foto: Norbert Barcyk (Getty Images)

Im Alltag angelangt: Xherdan Shaqiris Doppeladler-Geste bei der WM-Partie gegen Serbien. Foto: Norbert Barcyk (Getty Images)

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Nun flattert er wieder, der Doppeladler. Die Nati-Fussballer Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri verschränkten im WM-Spiel Schweiz-Serbien beim Torjubel ihre Hände zur entsprechenden Geste, dem Wappentier der albanischen Flagge nachgebildet. Dass dies nicht wirkungslos bleiben würde, liess während der Direktübertragung der Fussballkommentator im Dienst, Sascha Rufer, sein Publikum sogleich wissen: «Ich habe nur ein Wort dafür: dumm und dämlich.»

Nun hat es das Wort, linguistisch geadelt, zum Schweizer Wort des Jahres gebracht nicht nur für die Deutschschweiz, sondern auch fürs Tessin. Nur die Romands scheren aus. Sie haben «charge mentale», also «psychische Belastung» zum Sieger gekürt. «Der Doppeladler hat 2018 weite Kreise gezogen und ist im Alltag der Schweiz gelandet; die Debatten darum werden uns noch lange beschäftigen», begründete die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften am Donnerstag ihre Wahl. Für ihr Urteil wertete die zehnköpfige Fachjury die grösste Textdatenbank der Schweiz aus und verliess sich auf ihr Sprachgefühl.

Es ist nicht anzunehmen, dass die beiden Spieler ahnten, was sie mit ihrem Torjubel auslösen würden. Gerichtet war die Provokation der Spieler eigentlich an die Adresse der Serben. Im Vorfeld zum Match hatten serbische Medien die albanischstämmigen Schweizer systematisch niedergeschrieben. Beim Spiel dann wurden die beiden dann so konsequent verhöhnt und ausgepfiffen, dass die beiden mit der Geste zurückgaben.

Rechte Politiker und Publizisten glaubten, in der Geste mangelnde Dankbarkeit und Loyalität zur Schweiz zu erkennen.

Und die Schweiz? Statt sich über den Sieg zu freuen, wurde diskutiert. Und diese Diskussion legte innerhalb von Stunden und Tagen die politischen Sollbruchstellen des Landes frei: Sie liegt bei Fragen der nationalen Identität, Migration und Loyalität.

Das mag daran liegen, dass die Schweiz zwar einen hohen Ausländeranteil hat, gleichzeitig aber auch eine immense Integrationsleistung zeigt. Vor allem deshalb ist die Wahl zum Wort des Jahres stimmig, denn Integration verursacht Reibung, und Reibung erzeugt Hitze.

Hitzig waren denn auch die Reaktionen. Rechte Politiker und Publizisten glaubten, in der Geste mangelnde Dankbarkeit und Loyalität zur Schweiz zu erkennen. Deutlich zu spüren war bei gewissen Protagonisten die Kränkung, dass in der Schweizer Nati ausländische Namen die Müllers und Meiers verdrängt haben. Die «Weltwoche» widmete dem Thema in einer einzigen Ausgabe ganze acht Artikel, nach deren Lektüre man hätte glauben können, die Spieler hätten sich des Landesverrats schuldig gemacht, und Europa stünde kurz vor dem nächsten Weltkrieg.

«Das ist, wie wenn deine Frau beim Sex im Moment des Orgasmus den Namen eines anderen ruft.» Roger Köppel in der Sendung «TalkTäglich»

Solidarisch, ernst und bereit, jeden Kampf auch aus dem Untergrund zu führen, posierten linke Exponenten mit zum Doppeladler gefalteten Händen in den sozialen Medien. Am originellsten brachte es Roger Köppel in der Sendung «TalkTäglich» auf den Punkt: «Das ist, wie wenn deine Frau beim Sex im Moment des Orgasmus den Namen eines anderen ruft.»

Die Aufregung um den Doppeladler erlaubte einen Einblick in die Psyche der Nation, wie er sonst selten ist. Und scheinbar hat die Nation ein Problem, jenen Bürgern zu vertrauen, die in ihrem Herz auch die Liebe zu einer anderen Nation tragen. Selbst wenn sie die Schweiz mit einer aussergewöhnlichen Leistung gerade zum Sieg geschossen haben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 20:02 Uhr

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